Indexfonds Ein "Wahnwitz" erobert die Finanzmärkte

Als sie erfunden wurden, waren die Indexfonds der Spott der Branche. Doch weil die Produkte einfach und billig sind, kaufen sie Anleger gern.

Von Markus Zydra

Es ist das Jahr 1950, da formuliert der junge Student John Bogle an der amerikanischen Universität Princeton eine These von ungeheurer Weitsicht: "Man darf von Fondsmanagern keine Wunder erwarten, sie schlagen selten den Markt", schrieb der damals 21-Jährige und fügte an: "Die Fondsindustrie wächst, wenn die Verkaufsprovisionen und die Managementgebühren gesenkt werden."

Der junge Mann ging nach dem Studium in die Finanzwirtschaft, um einige "lehrreiche Fehler" zu machen, wie er rückblickend notierte. Dann besann er sich 1975 seiner alten These, die ihn ein Leben lang begleiten soll. Bogle gründete die Vanguard-Fondsgesellschaft und brachte am 31.Dezember 1975 den weltweit ersten Indexfonds auf den Markt. Er taufte ihn später Vanguard500. Anleger, die den Fonds kauften, erhielten exakt die Rendite des amerikanischen Aktienindex S&P500.

Revolution im Finanzgewerbe

Das Interesse an dem neuen Fonds war in den siebziger Jahren sehr gering, Bogle sammelte zu Anfang gerade einmal elf Millionen Dollar ein. Die Fondsindustrie verspottete das Produkt damals als "Bogles Wahnwitz".

Die Wahrheit ist: Es war der Anfang einer Revolution im Finanzgewerbe. Mittlerweile haben Anleger weltweit 1000 Milliarden Dollar in Indexfonds investiert - auf Europa entfallen davon rund 217 Milliarden Dollar.

Der alte Kontinent hat den Charme der auch Exchange Traded Funds (ETF) genannten Produkte erst später entdeckt, und zwar genau vor zehn Jahren. Am 11. April 2000 wurden als erste europäische ETF die iShares DJ Stoxx50 und iShares DJ Euro Stoxx 50 an der Deutschen Börse notiert, mit denen Anleger an der Wertentwicklung der beiden Akienindizes teilhaben konnten.

"Damals war die herrschende Meinung, dass man nur über die Einzelauswahl von Titeln tatsächlich eine gute Wertentwicklung für den Kunden erzielen kann", erinnert sich Wolfgang Hötzendorfer, Geschäftsführer der State Street Global Advisors, einem der weltweit größten ETF-Anbieter.

Vor allem Profianleger nutzten die ETF ab 2000 immer häufiger. Privatanlegern fehlte der Bezug noch gänzlich, vor allem weil ETF auch damals schon keine Verkaufsprovisionen einbrachten - die Banken boten sie deshalb am Schalter gar nicht erst an. Doch mittlerweile sind Privatsparer besser informiert, sie besorgen sich die ETF selbst.

"Im vergangenen Jahrzehnt ist der europäische ETF-Markt bei anhaltender Anlegernachfrage um durchschnittlich 90,5 Prozent im Jahr gewachsen", sagt Deborah Fuhr, ETF-Expertin bei der amerikanischen Fondsgesellschaft Blackrock.

Transparent, günstig und leicht verständlich - das sind die drei Hauptargumente für ein ETF-Investment. "Die Finanzkrise brachte einen weiteren Schub für ETF", sagt Markus Kaiser, Geschäftsführer von Veritas. Die Fondsgesellschaft brachte 2007 den ersten ETF-Dachfonds auf den Markt und erzielte seither 35 Prozent Rendite - das schlimme Börsenjahr Jahr 2008 überstand der Dachfonds durch geschicktes Management ohne Minus.

"Einzelne Aktien-ETF machten zwar hohe Verluste, aber die Anleger wussten zu jeder Zeit, was sie im Depot hatten und wurden nicht unangenehm überrascht, etwa dadurch, dass ein aktiv gemanagter Fonds noch höhere Verluste als der Index einfuhr", sagt Kaiser.

Erklärung für das Versagen

Für aktiv gemanagte Fonds zahlen Anleger eine bis zu zehnfach höhere Gebühr als für ETF. Studien der vergangenen Jahrzehnte haben allerdings gezeigt, dass aktive Fonds nur in Ausnahmefällen den Index schlagen - und somit ihre Gebühr meistens nicht wert sind.

Der amerikanische Ökonom Burton Malkiel hat in seinem berühmt gewordenen Buch "A Random Walk Down Wall Street" im Jahr 1973 die Erklärung für das Versagen geliefert: Weil Aktienmärkte effizient seien, so Malkiel, könne es keinem Fondsmanager dauerhaft gelingen, höhere Renditen als der Markt zu erzielen. Ein Jahr später brach auch der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul A. Samuelson eine Lanze für Indexfonds, "damit sich die Revolverhelden von Fondsmanagern an diesem Index die Zähne ausbeißen können."

Für den Indexfonds-Pionier Bogle waren diese wissenschaftlichen Aussagen eine Bestätigung für sein Lebenswerk. "Als ich diese Thesen gelesen hatte, musste ich etwas unternehmen", schreibt Bogle in seinen Erinnerungen über die Zeit, als er den ersten Indexfonds auf den Markt brachte. Malkiel arbeitete später auch lange bei der Vanguard-Fondsgesellschaft, die bis heute einer der größten ETF-Anbieter ist.

"Passive Fonds wie ETF werden die aktiven Fonds nicht ablösen, sie fordern die aktiven Fondsverwalter aber heraus", sagt Veritas-Geschäftsführer Kaiser, der einen Bewusstseinswandel erkennt. "Anleger wollen keine Fondsmanager, die sich hinter einer Benchmark verstecken, sie wollen Produkte, die sowohl Kapitalerhalt in Krisensituationen als auch Wertsteigerungen in Boomphasen erzielen können."