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HSH-Spitzelaffären-Opfer Roth im Interview:Als Feind in meiner Bank

HSH-Nordbank-Vorstand Frank Roth wurde zu Unrecht gefeuert. Ein Gespräch über die Paranoia der Bank, entfernte Handy-Batterien und den mühsamen Kampf eines Hilf- und Ahnungslosen.

Marc Beise und Klaus Ott

Seit 20 Monaten steht Frank Roth, 51, im Abseits. Sein mächtiger Gegner ist die HSH Nordbank, die den Ländern Hamburg und Schleswig-Holstein gehört. Auch auf Betreiben von Bankchef Dirk Jens Nonnenmacher war Roth fristlos aus dem Vorstand gefeuert worden - wegen angeblichen Geheimnisverrats. Jetzt wendet sich das Blatt. Die Vorwürfe gegen Roth waren fingiert, und Nonnenmacher soll wegen diverser Affären vorzeitig gehen. Im Gespräch mit der SZ berichtet der Manager Roth, wie es einem geht, der zunächst hilf- und ahnungslos am Pranger steht und dann den Kampf aufnimmt.

Der frühere HSH-Nordbank-Vorstand Frank Roth kämpft um Rehabilitierung.

(Foto: Robert Haas)

SZ: Herr Roth, Ihr Arbeitgeber gibt jetzt zu, dass Ihr Rauswurf Unrecht war. Was empfinden Sie? Genugtuung?

Roth: Noch nicht. Ich bleibe wachsam und wehrhaft.

SZ: Sie trauen der Bank nicht?

Roth: Ich bin erst beruhigt, wenn wir eine angemessene Vereinbarung haben und die Tinte trocken ist.

SZ: Hat sich Aufsichtsratschef Hilmar Kopper schon gemeldet? Früher hat er ja, als Chef der Deutschen Bank, bei Krisen Lehrgeld gezahlt und müsste wissen, wie man Konflikte entschärft.

Roth: Er hat sich nicht selbst gemeldet, sondern einen Anwalt beauftragt. Etwas anderes habe ich auch nicht erwartet.

SZ: Wie meinen Sie das?

Roth: Die Vorgeschichte war ja so: Im Frühjahr 2010 gab es schon einen Bericht der Kieler Staatsanwaltschaft, dass an den Vorwürfen gegen mich nichts dran sei. Ich habe dann Kopper in seinem Büro bei der Deutschen Bank angerufen und vorgeschlagen, eine für beide Seiten gesichtswahrende, diskrete Lösung zu finden.

SZ: Und was hat Kopper geantwortet?

Roth: Bei einem weiteren Telefonat hat er gesagt, jetzt warten wir mal das Endergebnis der Staatsanwaltschaft ab. Das kam im Sommer ein Freispruch erster Klasse für mich.

SZ: Und dann?

Roth: Dann habe ich Kopper wieder angerufen und gesagt: "Eigentlich hätten Sie ja jetzt zum Hörer greifen müssen." Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass er demnächst auf mich zukomme.

SZ: Das tat er dann ja auch, mit einem Brief. Was haben Sie gehofft, als Sie ihn aufmachten?

Roth: Meine Frau hat ihn aufgemacht. Und an ihrem Gesicht habe ich gleich gesehen, was drin steht. Für eine Einigung mit mir gebe es "weder rechtlich noch moralisch Anlass". Trotz gegenteiliger Ermittlungsergebnisse! Dabei war ich schon über ein Jahr aus der Bank weg, mein Gehalt war gesperrt, ich war geächtet. Da fällt einem dann nichts mehr ein.

SZ: Lassen Sie uns in den April 2009 zurückgehen. Wie begann das alles?

Roth: Es war ein Alptraum, von einer Sekunde zur anderen. Ich hatte nach wochenlangem Warten endlich einen Termin mit Bankchef Nonnenmacher, bei dem wir vieles besprechen wollten.

SZ: Wie, der Bankvorstand hat nicht permanent miteinander geredet?

Roth: Nonnenmacher hat, nachdem er Vorstandschef geworden war, im Wesentlichen mit externen Beratern operiert. Und mit einem sehr kleinen Stab von persönlichen Mitarbeitern. Ein Termin mit ihm war schwer zu bekommen. Er wollte ja offenbar die meisten Vorstandskollegen loswerden. So haben wir es aus der Presse erfahren, was er nicht dementierte. Also haben die übrigen Vorstände es wohl für bare Münze genommen und wir haben uns gefragt, wie könnte das wohl geschehen.

SZ: Sie rechneten also ohnehin mit Ihrem Rauswurf?

Roth: Ja und nein. Ich war ja erst ein paar Wochen vorher zusätzlich noch Arbeitsdirektor geworden, also eigentlich gestärkt worden. Wir mussten damals, weil die Bank Riesenverluste gemacht hatte, mehr als ein Viertel der Belegschaft abbauen.

SZ: Da sollte man meinen, der Vorstandschef und sein Personalvorstand seien im ständigen Gespräch.

Roth: Weit gefehlt. Wir lebten in unterschiedlichen Welten. Ich rede mit den Leuten und versuche, Probleme gemeinsam zu lösen. Auf den Punkt gebracht: Ich bin Beziehung. Nonnenmacher ist Zahlen. Als Risikomanager hat er wohl eine Berufs-Bösgläubigkeit. Insofern hat er, meiner Wahrnehmung zufolge, vielen Verhandlungspartnern immer zunächst das denkbar Schlimmste unterstellt. So kann man nicht arbeiten.

SZ: Und dann also der Termin bei Nonnenmacher...

Roth: Da habe ich gleich gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Alle waren ganz aufgeregt. Statt in sein Büro ging es in ein Besprechungszimmer, das "Nostalgiezimmer", auf alt gemacht in diesem neuen Waschbeton-Gebäude. Da saßen der damalige Aufsichtsratschef Peiner, Bankanwalt Erbe, und Nonnenmacher. Peiner hat mir gesagt, ich sei suspendiert, weil ich Informationen nach draußen gegeben hätte. Ich habe ihm spontan mein Ehrenwort gegeben, dass das nicht stimmt. Ich dachte mir, das kann nur ein Missverständnis sein.

SZ: Wie geht so etwas dann weiter?

Roth: Die nächsten Minuten liefen ab wie in einem schlechten Film. Ich musste meine Schlüssel und mein Handy aushändigen, und wurde vom Bankjuristen nach draußen begleitet. Im Aufzug habe ich ihn gefragt, wie geht es weiter, an wen muss ich mich wenden. Dann guckt er mich an und sagt mir ins Gesicht: "Ich bin jetzt Ihr Gegner." Eiskalt. Und dann stand ich draußen, an einem wunderschönen Frühlingstag, plötzlich wie in einer anderen Welt. Wie entrückt.

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