Hotelbranche Hauptsache besonders

Touristen haben es gern individuell. Die Branche stellt sich darauf ein.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Übernachten im Schiff, im Iglu? Herbergen nur für Ältere? Die Hoteliers spezialisieren sich immer mehr auf kleine Zielgruppen.

Von Sabine Richter

Besucher können seit diesem Jahr im kleinsten und extravagantesten Hotel der Stadt nächtigen. Die Hamburger Tim Wittenbecher und Marc Nagel haben in der Hafencity den "Hafenkran Hamburg" eröffnet. Der 1947 gebaute Kran wurde 2009 außer Dienst gestellt und 2012 von der Stiftung Hamburg Maritim vor der Verschrottung bewahrt. In der Kranführerkanzel liegt das Schlafzimmer, eine Treppe führt hinunter in den ehemaligen Motorraum, heute Salon mit Zutritt zum Bad und zur Außenterrasse. Die Bar im Salon besteht aus 100 Jahre alten Holzplanken, in der Dusche flackert auf einem Bildschirm ein Kaminfeuer. Die Nacht gibt es ab 350 Euro, am Wochenende für 450 Euro.

Ein Gegenstück ist das Fünf-Sterne-Superior-Haus The Fontenay an der Außenalster. Mit dem Hotel hat sich Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne den Traum von einem eigenen Top-Hotel erfüllt. Architektur (Jan Störmer) und Inneneinrichtung (Aukett + Heese) sind spektakulär. Jedes Möbelstück in den Zimmern ist handgearbeitet. Es gibt einen 1000 Quadratmeter großen Spa mit Innen- und Außenpool. Ab 355 Euro kostet ein Doppelzimmer pro Nacht.

Neben diesen beiden ganz besonderen Häusern kommen in Hamburg in diesem und im kommenden Jahr weitere 17 Hotels mit 9000 Betten auf den Markt. Und die Hotelkonzepte werden dabei immer differenzierter, individueller und origineller. Übernachten kann man inzwischen in allen Arten von Schiffen und Industriedenkmälern, in Iglus und Zelten, Baumhäusern, in Biwaks oder unter dem Sternenhimmel.

"Das Thema Segmentspezialisierung wird immer wichtiger, ein Produkt für alle wird es immer weniger geben", sagt Andreas Ewald, Geschäftsführender Gesellschafter von Engel & Völkers Hotel Consulting. So gibt es Hotels speziell für Familien mit Kindern (Jufa-Gruppe), für behinderte und ältere Menschen (Stadthaushotel Hafencity), 25 Hours setzt auf die Möglichkeit, in den Hotels andere Reisende kennenzulernen, Airbnb lässt grüßen.

Sich abzuheben von der Konkurrenz wird möglicherweise zum Überlebensrezept. Nicht ohne Grund haben große Ketten wie Accor eigene Kreativlabors, in denen neue Übernachtungsmodelle ausprobiert werden. Viele Konzepte seien aus einer gewissen Not geboren, sagt Ewald, darunter die Boutiquehotels, die in Altbauten mit schwierigen Grundrissen oder in Konversionsprojekten entstanden sind. Dass jedes Zimmer anders aussieht, werde von den Kunden sehr geschätzt, mein Ewald, während Originalität in den pragmatischen Konzepten weltweit agierender Hotelketten eine untergeordnete Rolle spiele. Deren Kunden wollten eine solide und preiswerte Übernachtung ohne Chichi.

"In einzelnen Märkten sind wir auf dem besten Weg zu einem Verdrängungswettbewerb."

Noch auf wesentlich genügsamere Kunden zielt der Hannoveraner Unternehmer Oliver Blume, der mit seinen preisgünstigen Minihotels bundesweit expandieren will. Die Einheiten im ersten Boxhotel in Göttingen messen 2,8 mal 1,5 Meter und werden per App ab 24,99 Euro pro Nacht gebucht, das Einchecken ist vollautomatisch.

Zu den größten aktuellen Trends gehören Serviced Apartments, eine Mischung aus möblierter Wohnung und Hotel (siehe Artikel oben), und die unterschiedlichen Spielarten der Mixed-Used-Konzepte: Hotels kombiniert mit anderen Nutzungsarten wie Gastronomie, Kaufhaus oder Foodcourt. Beispiele seien neue Holiday-Inn-Hotels mit Starbucks-Filialen, 25-Hours-Hotels mit Kiosk in Kooperation mit Verlagshäusern oder mit dem Two Wheels Good Pop-up Store, der Leihfahrräder anbietet, heißt es in einer Studie von Christie & Co. von 2017. Hier geht es um eine wirtschaftlich interessante, maximale Ausnutzung der raren Innenstadtflächen, aber auch um Stadtentwicklung. "Solche Hotels bringen Frequenz in den Stadtteil, das muss man nutzen", so Ewald.

2018 dürfte wieder ein sehr gutes Jahr für Deutschlands Hoteliers werden. Viele Bundesbürger haben das eigene Land als Urlaubsdestination neu entdeckt, der schöne Sommer hat diesen Trend noch verstärkt. Der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft schätzt, dass sich die Deutschen 2018 rund 30 Millionen Reisetage mehr gönnen als 2017. Schon 2017 war die Hotelauslastung landesweit um 0,9 Prozent auf 71,3 Prozent gestiegen. Der durchschnittliche Zimmerpreis erhöhte sich um zwei Prozent, wodurch sich ein Ertragszuwachs von drei Prozent einstellte. Die zehn größten deutschen Städte steigerten 2017 ihr Übernachtungsaufkommen im Durchschnitt um 4,6 Prozent, was die Beliebtheit von Städtereisen zeigt.

Aber die Konkurrenz ist groß und wird immer größer. 2018 dürften in den sechs Top-Märkten 11 000 Zimmer in 60 Projekten fertiggestellt werden, für die kommenden fünf Jahre befinden sich 23 000 Zimmer im Bau oder in konkreter Planung. Bisher sind Bettenzuwachs und Übernachtungszahlen deutschlandweit noch relativ ausgewogen, aber um das aktuelle Auslastungsniveau in der Kettenhotellerie von 81 Prozent halten zu können, müsste die Nachfrage im Schnitt jährlich um 5,6 Prozent steigen, meint Ewald.

Manche Standorte, darunter Hamburg oder München, könnten das schaffen. In Düsseldorf und Frankfurt sei es aber fraglich, ob die Nachfrage mit der kräftigen Angebotsausweitung Schritt halten kann. "In einzelnen Märkten sind wir auf dem besten Weg zu einem soliden Verdrängungswettbewerb. Frische, neue Produkte werden in die Jahre gekommene Häuser unter Druck setzen." Da dürfte der eine oder andere Pächter ins Schwitzen kommen, wenn prognostizierte Ergebnisse nicht erzielt werden.

Der Appetit der Investoren auf Hotels war auch im ersten Halbjahr wieder rekordverdächtig groß. 1,86 Milliarden Euro investierten deutsche und ausländische Käufer in Einzelobjekte und Hotelpakete, ermittelte das Immobilienunternehmen JLL. Die Verkäufe des Hilton Berlin und des Leonardo Royal München mit einem Volumen von über 450 Millionen Euro, einem Viertel des Gesamtumsatzes, haben dazu wesentlich beigetragen. Wie auch im Vorjahr wurde am meisten in den großen Städten investiert. Für das Gesamtjahr wird ein Volumen von 3,5 bis 4 Milliarden Euro prognostiziert. An anlagesuchendem Kapital ist weltweit kein Mangel, und die Spitzenrenditen sind mit 4,25 Prozent in den Top-Standorten (noch) vergleichsweise hoch.

Das Gros der Investoren stellten mit 1,17 Milliarden Euro erneut deutsche Anleger, auf sie entfiel 65 Prozent des gesamten Hotel-Transaktionsvolumens. Als aktivste Investorengruppe traten institutionelle Anleger auf. Ihr Marktanteil lag bei über 40 Prozent.