Süddeutsche Zeitung

Hohe Häuser aus Holz:Holz-Wolkenkratzer unter weiß-blauem Himmel

Bayern ist das holzreichste deutsche Bundesland - und so wundert es nicht, dass hier auch hölzerne Häuser in die Höhe wachsen.

Auf dem ehemaligen Gelände der US-Armee in Bad Aibling wird im kommenden Sommer ein Holzhaus mit sieben Geschossen entstehen. So hoch hinaus haben sich bisher nur einmal Bauherren in Deutschland mit Holz gewagt - das war in Berlin, allerdings mit verputzter Fassade.

Mit diesem Projekt, einem Hochhaus, das komplett aus Holz klimaneutral gebaut und mit alternativer Energie bestückt ist, setzen sich die bayerischen Holzbauer bundesweit an die Spitze. Peter Aicher, Präsident des Innungsverbands des Bayerischen Zimmererhandwerks, greift sogar noch höher: "Wenn das Tempo in der Entwicklung so weitergeht, werden wir bald Hochhäuser mit 20 Geschossen komplett aus Holz bauen."

200.000 Jobs beim Holzbau

Weil beim Häuser-Bauen mit Holz ein unheilvoll klingender "Knickbeiwert" eine Rolle spielt, die Sache mit dem Brandschutz recht kniffelig zu lösen ist, und man nicht immer so genau weiß, wie der Witterungsprozess vonstatten geht, haben Architekten diesen Baustoff bisher eher zurückhaltend verwendet. Die Cluster-Initiative Forst und Holz in Bayern strengt sich nun nach Kräften an, dies zu ändern.

Schließlich hängen 200.000 Arbeitsplätze bei einem Umsatz von 30 Milliarden Euro im Jahr an dieser Branche, die Chancen konsequenter Holznutzung seien noch lange nicht ausgeschöpft, heißt es. Immerhin kann Zimmerer-Chef Aicher stolz vorrechnen, dass mehr als 17 Prozent aller Wohnbauten und rund 20 Prozent aller Nicht-Wohnbauten in Bayern inzwischen komplett aus Holz gebaut werden - mit steigender Tendenz.

Sieben Etagen im kommenden Sommer

Dass gerade im Freistaat Ideen für Neuentwicklungen von Holzhäusern auf fruchtbaren Baugrund fallen, begründet Gerd Wegener, Leiter der Holzforschung an der TU München, so: "Die sinnvolle Verwendung von Holz als klimaneutralem Werkstoff betrifft jeden Hausbauer, jeden Einwohner - denn der Umgang hat direkten Einfluss auf Umwelt und Lebensqualität im waldreichsten deutschen Bundesland."

Hohe Hürden hat man nun in Bad Aibling überwunden: Mit sieben Geschossen bewegt man sich außerhalb der Baurodnung. "Normalerweise sind in Holzbauweise nur fünf Geschosse vorgesehen. Wir mussten einen enormen Aufwand bei den Gutachten betreiben, gerade beim Brandschutz", sagt Josef Huber von Huber-Holzbau, der das Wohn- und Bürohaus im Sommer 2010 innerhalb von sechs Wochen aufstellen will. Für den klassischen Innen-Ausbau sind dann noch einmal zehn bis zwölf Wochen nötig.

Hoch hinaus

Hölzerne Träume

Das Projekt wurde gerade genehmigt. Lediglich das Treppenhaus besteht aus Beton, die Decken aus Holz mit Aufbeton, der Rest des Baustoffs kommt aus dem Wald. Der Bauherr, die B&O Wohnungswirtschaft Bad Aibling, will auf dem ehemaligen Kasernengelände eine Null-Energie-Stadt mit Vorbildcharakter hochziehen.

Häuser, die in den Himmel wachsen: Das höchste Holzhaus steht bislang in London mit neun Stockwerken. Im entlegensten Winkel Norwegens, in Kirkenes, träumt man von einer 17 Stockwerke hohen Holzkonstruktion - ein 55 Meter hoher Himmelsstürmer aus einer Kombination aus Leimholzelementen mit massiven Fichtenholzlamellen. Doch das sind noch Träume, der Baubeginn für den dann höchsten Holzwolkenkratzer der Welt könnte frühestens im Jahr 2012 sein.

So lange tüfteln Holzbauer und Wissenschaftler der TU München und der FH Rosenheim längst konkrete Holzbautechnik aus. In Rehau in Oberfranken ist soeben ein Schülerwohnheim eröffnet worden, fünf Etagen, komplett aus Holz. Für Marklus Blenk, Experte für nachhaltiges Bauen im Cluster Forst und Holz, ist das ein Projekt mit "Leuchtturmcharakter". Ebenso eine Kletterhalle des Deutschen Alpenvereins in Lappersdorf in der Oberpfalz. Nach harter Überzeugungsarbeit des Holzforums Regensburger Land konnte der in Beton geplante, über 14 Meter hohe Kletterturm letztendlich in Holz gebaut werden. Der Rohstoff - 300 Kubikmeter starke Tannen - wurde komplett aus der Region angeliefert.

Holz bindet Kohlendioxid

"Holz ist nicht für jede Anforderung gegeignet, aber für sehr viel mehr, als bisher wahrgenommen wird", sagt der Münchner Archtiket Florian Lichtblau, der eng mit den Experten von der Clusterinitiative Holz zusammenarbeitet und die Nachhaltigkeit dieses Baustoffs beschwört. "Holz bindet langfristig das Klimagas CO2. Nach einem Rückbau von Häusern muss Holz nicht recycelt werden, es wird entweder weiter verwendet - oder als Biomasse thermisch genutzt."

Etwa zehn Prozent teurer sind Häuser aus Holz als jene in klassischer Massivbauweise. Doch was zählt, soll ein Vergleich zeigen, den die Allgäuer Holzbau-Expertin Dagmar Fritz-Kramer, Unternehmerin des Jahrs 2008, zieht. Danach bindet ein 150 Quadratmeter großes Haus in Holzbauweise alleine durch seine Bauart 50 Tonnen Kohlendioxid: "Das ist die gleiche Menge an Emissionen, die ein Autofahrer erzeugt, der 30 Jahre lang Porsche fährt."

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.132668
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 11. 11. 2009 /als
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.