Süddeutsche Zeitung

Schuldenkrisen in Europa und den USA:Die Welt geht unter - aber nur bei euch

Es ist eine absurde Situation: Weite Teile der amerikanischen Öffentlichkeit sind überzeugt, dass sich Europa im wirtschaftlichen Niedergang befindet. Viele Europäer glauben wiederum, dass die USA kurz vor dem ökonomischen Zusammenbruch stehen. Es zeigt sich, wie sehr die globale Schuldenkrise die alten Industrieländer verunsichert. Dabei sind die Ursachen und die Lösungen extrem unterschiedlich - und die Niedergangsszenarien Unfug.

Als Barack Obama gewählt wurde, dachten viele Europäer, der neue Präsident sei "einer von uns" und die USA würden irgendwie sozialdemokratischer und/oder europäischer. Das war ein großer Irrtum. Obama und die Demokraten mögen dem europäischen Modell des Sozialstaats näher stehen als die Republikaner, aber das erschwert es ihnen nur, Wahlen zu gewinnen. Nein, Amerika ist konservativ wie eh und je - und was noch schwerer wiegt: Kontinentaleuropäer und Amerikaner haben immer mehr Probleme, sich überhaupt zu verstehen, wenn es um existenzielle Fragen geht.

Das zeigt eindrücklich die Sache mit den Staatsschulden. In Washington und New York gibt es erstaunlich viele Menschen, die fest davon überzeugt sind, dass sich Europa im Niedergang befindet. Der drohende Bankrott Griechenlands gilt als Beweis für die alte These, wonach der Euro nicht funktionieren kann und die Währungsunion auseinanderfallen wird. Deutschlands jüngste Wirtschaftserfolge sind ein etwas rätselhafter Sonderfall, der aber am Gesamtbild nichts ändert. Europa - überreguliert, überschuldet, alternd und mutlos - ist kein echter Partner mehr für die USA. So denkt zumindest das rechte Lager.

Erstaunlicherweise ist Europas Blick auf Amerika, unter umgekehrten Vorzeichen, fast gleich: Nur wenige bezweifeln, dass die USA eine Supermacht im Niedergang sind; dankbar werden Formeln wie die von der "post-amerikanischen Welt" des amerikanischen Autors Fareed Zakaria aufgenommen. Finanzkrise, Massenarbeitslosigkeit und Deindustrialisierung liefern ausreichend Anschauungsmaterial.

Und dann der Irrsinn des Streits um die Schuldenobergrenze. Der Kongress riskiert allen Ernstes einen technischen Bankrott der Supermacht USA - wenn das kein Zeichen des Niedergangs ist. Wenn die - mehrheitlich amerikanischen - Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit Griechenlands oder Spaniens herabsetzen, gilt das als Angriff auf Europa. Geschieht das Gleiche mit den USA, nimmt man es als weiteres Zeichen für deren Abstieg.

In Wirklichkeit ist die Schuldenkrise ein globales Phänomen von epochaler Dimension, das Amerika und Europa gleichermaßen betrifft. Noch nie in Friedenszeiten waren die Industrieländer insgesamt so hoch verschuldet wie heute.

Das hat mit der Finanzkrise zu tun, ist aber noch mehr Folge der jahrzehntelangen Praxis, Probleme in die Zukunft zu verschieben. Dagegen stehen die neuen Stars der Weltwirtschaft, China, Indien und Brasilien, blendend da. China ist Hauptgläubiger der USA. Die Volksrepublik hat bei der Weltbank Deutschland vom Platz drei der Teilhaber verdrängt. All das übersetzt sich in Machtverlust.

Der Unfug der Untergangs-Propheten

Dabei sind die Schuldenprobleme Europas und der USA unterschiedlicher Natur. Die Krise in der Euro-Peripherie, die jetzt möglicherweise auch Italien erfasst, ist akut und muss umgehend gelöst werden. Immer noch besteht die Gefahr, dass von Griechenland eine globale Panik ausgeht. Gelingt es jedoch, die akute Krise einzudämmen, steht Europa gar nicht so schlecht da.

Die USA dagegen hätten eigentlich noch Zeit. Der gegenwärtige Wettlauf im Kongress um immer radikalere Haushaltskürzungen ist eher schädlich, weil so Wachstum gefährdet wird. Wenn nichts geschieht, wird die Zukunft schlimm. Dann droht den USA in 15 bis 20 Jahren ein Staatsbankrott. Ökonomen können sich schnell darauf einigen, wie man den abwenden kann: Kürzungen beim Militär, bei der Krankenversicherung der Rentner und der Rente selbst; Steuererhöhungen, um die Kürzungen erträglich zu machen. Eine unpopuläre Mischung, von der die meisten Politiker bisher die Finger lassen.

Um was es geht, zeigt eine Modellrechnung des Peterson-Instituts in Washington: Unter realistischen Annahmen werden 2035 die EU-Staaten 5,7 Prozent ihrer gesamten Wirtschaftsleistung für Zinsen ausgeben müssen, in den USA werden es 13,2 Prozent sein, in Japan 19,1 Prozent. Eine Demokratie hält nach allgemeiner Lehre maximal zehn Prozent aus.

Es gibt heute viele Propheten, die den Bankrott der USA, Deutschlands und anderer Länder als unvermeidlich voraussagen. Solche Prognosen sind Unfug. Die Schuldenprobleme sind lösbar, wenn die Politik dazu bereit ist. Dieses "Wenn" allerdings ist entscheidend.

Die USA haben immer noch eine hoch produktive, innovative Volkswirtschaft, mittels derer das Land aus einem Teil der Probleme herauswachsen kann. Europas Probleme sind langfristig begrenzt, wenn sie denn kurzfristig angepackt werden. Deutschland darf zum Beispiel nicht vergessen, dass es seinen Erfolgsweg nur fortsetzen kann, wenn es weiter den Euro gibt. Dafür lohnt es sich, auch etwas zu zahlen.

Und schließlich die Ratingagenturen. Sie sind die bösen Buben Europas. Man mag über den Zeitpunkt streiten, zu dem S&P, Moody's & Co ihre Noten verteilen, man mag sich wundern, warum sich die Politik nicht aus der selbstgewählten Abhängigkeit von den Agenturen befreit. Tatsache ist aber auch, dass es, trotz aller schlimmer Mängel, derzeit kaum bessere Instrumente gibt, um Zahlungsfähigkeit und Zahlungswillen verschuldeter Nationen zu messen. Wer davor die Augen schließt, der schadet sich letztlich selbst.

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SZ vom 12.07.2011/aum
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