Hauptversammlungen Der Schweinebraten in der Aktentasche

Drei-Gänge-Menüs am Platz oder Lippenstiftgeschenke: Manche Aktionäre betrachten Hauptversammlungen als Erlebnis. Doch nicht überall lohnt sich der Besuch.

Von H. Wilhelm, A. Hagelüken, M. Völklein und J. Schmidt

Jedes Aktionärstreffen hat sein eigenes Flair. Während sich die Konzerne inzwischen zurückhalten und ihre Eigentümer meist mit trockenen Brezen und lauwarmem Kaffee abspeisen, bieten kleinere Unternehmen oft originelle Kost und Geschenke.

Lippenstiftgeschenke, eine Rheinfahrt - viele kleine Firmen lassen sich auf den Hauptversammlungen für ihre Aktionäre etwas einfallen.

(Foto: Foto: ddp)

Diese Veranstaltungen haben somit ein niedrigeres Kurs-Genuss-Verhältnis - ein neues, von der SZ weltexklusiv berechnetes, aber nicht völlig ernst gemeintes Börsenbarometer.

Niedriges KGV² heißt: Wer sich die Aktiensichert, dem winkt bei der Hauptversammlung (HV) ein Schnäppchen, analog zum traditionellen Kurs-Gewinn-Verhältnis bei der Auswahl von Aktien. Aber Vorsicht: Bei Werten wie Beate Uhse ist das niedrige KGV² weniger ein Beleg für Genuss als für einen miesen Aktienkurs.

Manchen Anteilseignern ist die Versorgung mit Essen und Trinken wichtiger als die Dividende. Auf dem Treffen der Köln-Düsseldorfer Rheinschifffahrt stimmten die Anleger einst brav über die Tagesordnung ab. Ein Mitaktionär verstaute derweil den für 60 Leute gedachten Schweinebraten in seinem Aktenkoffer - und verschwand.

Stimmungsvoll ging es stets bei der Berentzen-HV zu. Hier drängten sich bis zu 2000 Aktionäre, was womöglich weniger an der Qualität der Jahresabschlüsse als an der Quantität der ausgeschenkten Spirituosen lag.

Schnaps und Tangas

Bekannt für Geschenke ist die HV von Beate Uhse. Jedes Jahr lässt der Flensburger Verkehrsbetrieb eine Überraschung anfertigen, etwa String-Tangas - unpraktischerweise in Einheitsgröße.

In diesem Jahr können sich die Angereisten auf ein Sex-Kartenspiel freuen, sich mit leichtbekleideten Damen fotografieren lassen und die Bilder als Postkarten verschicken. Wer's mag.

Ausschweifungen aller Art waren zur Zeit des Neuen Marktes angesagt. Unternehmen ließen es gerne krachen, um ihren Aktionären zu imponieren. Der Schwäbischen Bank war die Bewirtung auf Hauptversammlungen damals einen "Schwäbischen Aktienführer" wert, Untertitel: "Zom fressa' gern".

Das Werk erfreute sich großer Beliebtheit. Doch rasch schlugen die Kurse am Neuen Markt den Aktionären auf den Magen. Inzwischen sind viele Firmen sparsamer geworden, und ihre Veranstaltungen nüchterner, in jeder Beziehung.

Im kommenden Jahr wird der Hauptversammlungsbesuch für viele Aktionäre noch unattraktiver. Bisher konnten sie Teile der Fahrtkosten als Werbungskosten in der Steuererklärung geltend machen.

Doch mit der Abgeltungsteuer gibt es nur noch einen Pauschbetrag inklusive Werbungskosten. Deshalb heißt es für Aktionäre: Dieses Jahr nochmal richtig auf Hauptversammlungs-Tour gehen. Und dabei das Kurs-Genuss-Verhältnis beachten.

Das Kurs-Genuss-Verhältnis auf Hauptversammlungen

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