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Handzeichen der Broker:Deutsche Bank mit Hitler-Bart

Ein Händler aus Chicago will die aussterbende Zeichensprache auf den Börsenparketts für die Nachwelt erhalten - doch gegen Computer haben Symbole keine Chance. Ohnehin sind manche, etwa für die Deutsche Bank, fragwürdig.

Der Parketthandel heißt hier Open Outcry und jeder versteht, warum dies so ist: Angebot und Nachfrage werden ausgerufen, in voller Lautstärke. Im Grain Room des Chicago Board of Trade werden an jedem Werktag zwischen 9.30 Uhr und 13.15 Uhr die Weltmarktpreise für Mais, Sojabohnen, Weizen und Reis gemacht.

Broker an der Börse in London, 2000

Lautes Geschrei und viele Menschen: Die Zeichensprache war jahrelang die einzige Möglichkeit, auf Transaktionen aufmerksam zu machen. Jetzt wird sie von Computern abgelöst.

(Foto: ag.ap)

Über 800 Händler sind registriert, sie wickeln täglich mehr als 150.000 Geschäfte ab und produzieren dabei einen ohrenbetäubenden Lärm. Es ist so laut, dass man sich fragt, wie dabei überhaupt Geschäfte zustande kommen. Das englische fifteen für 15 ist schon bei normalem Geräuschpegel schwer von fifty (50) zu unterscheiden, wie ist es erst dann, wenn ein paar hundert Leute durcheinander brüllen?

Die Antwort auf diese Frage heißt: Zeichensprache. Die Händler der Chicagoer und anderer Terminbörsen haben ein System von Handsignalen entwickelt, mit Hilfe dessen sie sich bei jedem Lärmpegel verständigen können. Zeigt ein Händler seinem Gegenüber zum Beispiel die Handrücken, dann bedeutet es, dass er kaufen will; zeigt er die Innenfläche der Hände, möchte er verkaufen. Ein Zeigefinger ans Kinn gelegt steht für eins, Zeige- und Mittelfinger waagrecht am Kinn bedeuten sieben.

Ein Zeichen für die Zeichen setzen

Diese Zeichensprache tut seit Jahrzehnten ihren Dienst, sie hat jetzt nur ein Problem: Sie stirbt aus. Die Arbeit der Händler - Angebot und Nachfrage zusammenzubringen - schafft der Computer schneller und effektiver. Der Grain Room ist zwar eine eindrucksvolle Kulisse, doch hier werden nur noch weniger als ein Viertel aller Kontrakte abgewickelt, den Rest erledigen Rechner, mit denen die Menschen schweigend über Maus und Tastatur kommunizieren.

Noch stärker ist der Trend, wenn man auch Terminkontrakte auf Finanzprodukte einrechnet: Vor zehn Jahren wurden 85 Prozent des Handels auf dem Parkett abgewickelt; heute sind es ganze zwölf Prozent. In nicht allzu ferner Zukunft wird niemand mehr wissen, wie man mittels seiner Hände ein Geschäft abschließt.

Hier tritt nun Ryan Carlson auf. Der 30-jährige Börsenhändler aus Chicago beschloss vor zwei Jahren, das kollektive Erbe des Börsenparketts für die Zukunft zu bewahren. "Es begann Anfang 2008 zufällig damit, dass Verwandte meiner Frau fragten, was diese ganzen Zeichen eigentlich bedeuten. Ein paar meiner Freunde beschäftigen sich mit Webdesign und das Thema war eine tolle Gelegenheit, etwas zusammen zu machen."

So entstand die Website www.tradingpithistory.com, auf der Carlson mittlerweile 244 Handzeichen gesammelt hat. Für ihn ist daraus eine Mission geworden. Wie ein Linguist, der die letzten Sprecher eines untergehenden Idioms besucht, befragt Carlson Händler nach ihren Erinnerungen.