Handwerk Her mit den Meistern

Im Bauhandwerk fehlen zunehmend Fachkräfte.

(Foto: Annette Riedl/dpa)

Ob Bauherren oder Architekten: Viele klagen über fehlende oder schlecht ausgebildete Fachkräfte. Die Bundesregierung will das ändern. Sie und die Branche hätten gern eine Qualitätsoffensive - mitten in der Hochkonjunktur.

Von Oliver Herwig

Hunderttausend. So viele Handwerker fehlen laut einer aktuellen Studie des Öko-Instituts Freiburg allein für die energetische Gebäudesanierung, um die Klimaschutzziele bis 2050 zu erfüllen. "Dafür sind etwa 50 Prozent mehr Fachkräfte im Handwerk wie heute nötig, die Arbeiten an Fenstern, Gebäudehülle und Heizungs- und Anlagentechnik ausführen", heißt es in einer Meldung. Handwerker fehlen an allen Ecken und Enden. Das hat Auswirkungen sowohl auf Preise als auch auf "Lieferzeiten". Das trifft alle. Man muss ja gar kein Haus bauen, das kleine Unheil im Haushalt reicht oft schon, zum Beispiel ein verstopfter Abfluss. Die Brühe schwimmt. Rumstochern hilft nichts, Rohrfrei ist tabu. Also Hausmeister anrufen. Glück gehabt. Der kommt wirklich am selben Tag, samt Spezialwerkzeug. Nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei.

Von so viel Glück können manche Hausbesitzer nur träumen. Wer nicht gerade einen goldenen Draht zu seinem Elektriker, Klempner oder Heizungsmonteur hat, schaut in die Röhre. Und wartet mitunter Wochen, ja Monate auf Fachkräfte. Die Branche boomt wie seit Anfang der Neunzigerjahre nicht mehr, als die Wiedervereinigung für enorme Aufträge am Bau sorgte. Doch Vollbeschäftigung hat ihre Tücken. "Die für das Handwerk günstigen Rahmenbedingungen aus niedrigen Zinsen, guter Konsumstimmung und einer starken Baunachfrage werden das gesamte Jahr anhalten", prognostizierte Franz Xaver Peteranderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstages (BHT) im Juli. "Weiteres Wachstum wird aber vor allem aufgrund des Fachkräftemangels immer schwieriger."

Und auch beim Nachwuchs sieht es nicht ganz so rosig aus. Zwar meldet der industrielle Hauptverband "Die Deutsche Bauindustrie" mehr neue Lehrverträge als im Jahr zuvor, genauer: 12 500 statt 11 600, aber auch er spricht von einer "allgemeinen Azubi-Flaute". Wer sich nach Gründen dafür in Blogs umhört, stößt auf Klagen über lange Arbeitszeiten, zu geringes Gehalt für die Maloche, fehlende Perspektiven und mangelnde Wertschätzung im Vergleich zu einem Studienabschluss.

In dieser Lage klingt es zunächst sonderbar, dass die Bundesregierung die Meisterpflicht für 53 Handwerksberufe wiedereinführen will. Erst 2004 hatte man die Zahl der Berufe mit Meisterpflicht auf weniger als die Hälfte gekürzt, und zwar von 94 auf 41. Die Regelung sollte zu mehr Dynamik am Markt führen. Nun schwingt das Pendel zurück. Politiker sprechen offen von einem Fehler, die Meisterpflicht abgeschafft zu haben, und auch viele Architekten klagen über schlecht ausgebildete Kräfte am Bau. Eine Qualitätsoffensive mitten in der Hochkonjunktur. Dabei warnte Professor Gerhard Bosch bereits 2015, dass durch die abgeschaffte Meisterpflicht die Ausbildung praktisch zusammengebrochen sei. Der Research Fellow am Institut Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg-Essen legte Zahlen vor. Besonders dramatisch sanken demnach die Abschlüsse bei Fliesenlegern. 1998 machten noch 3600 von ihnen ihren Abschluss, 2014 waren es gerade 588. Das sind 16 Prozent, verglichen mit der Ausbildungsregelung zuvor.

Selten war der Boden so golden wie heute. Daran wird sich auch so schnell nichts ändern

Der Zentralverband des deutschen Handwerks wirbt für den Meistertitel als "Qualitätsmerkmal für Führungskräfte". Wer Führungsverantwortung übernehmen und ein höheres Einkommen erzielen wolle, brauche die Meisterqualifikation. Dann folgt eine Lobeshymne auf flexible und innovative Menschen, die hohe Autorität besäßen und mit ihren Betrieben seltener insolvent gingen als andere. Wer sich andererseits bei Bauherren umhört, spürt viel Unzufriedenheit über schlechte Ausführung und ruppige Typen, die keinen Blick hätten für nachfolgende Gewerke oder das große Ganze. Kein Wunder, dass viele Deutsche tropfende Wasserhähne selbst verarzten und Schönheitsreparaturen durchführen. Der BHB, Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten e.V., meldet ein Umsatzwachstum von 1,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Somit setzte der Baumarkthandel in den ersten sechs Monaten 9,76 Milliarden Euro um. Zwar ist bei Weitem nicht jeder an Do it yourself interessiert - ein Drittel der Bevölkerung "kaum oder gar nicht", ein weiteres Viertel nur "mäßig", wie Umfragen zeigen. Aber die Märkte scheinen vor allem vor Feiertagen oder an Wochenenden aus allen Nähten zu platzen. Aber egal, wie geschickt man sich anstellt und wie sehr man von der eigenen Kompetenz überzeugt ist, früher oder später sind doch Fachleute gefordert.

Handwerker sind und bleiben das Rückgrat des Bauens. Mit ihnen steht und fällt die Qualität der Häuser. An manchen Baustellen sind die Gewerke getaktet wie Flüge auf einem Großflughafen. Maurer, Elektriker und Innenausbauer greifen ineinander. Wehe, es kommt zu Verzögerungen und Ausfällen. Dann stockt die ganze Maschinerie. Selten war der Boden so golden wie heute. Handwerker braucht das Land, Macher, Anpacker. Das wird sich auch nicht ändern, wenn der Immobilienboom irgendwann einmal wieder abebben sollte. Zu groß ist der Nachholbedarf, zu viele Investitionen stehen in den nächsten Jahren an.