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Globaler Kapitalmarkt:Börse sucht Börse

Aktienmärkte gelten als Nationalgut. Und doch wollen Handelsplätze in Asien, Australien und Lateinamerika fusionieren. Dagegen regt sich Widerstand - trotz milliardenschwerer Einsparpotenziale.

Manchmal zeigen sich die großen Trends in kleinen, nahezu unbemerkten Ereignissen. So auch in diesem Fall, denn für sich allein genommen ist eine Kooperation lateinamerikanischer Börsen nur eine Nachricht unter vielen. Die Aktienmärkte von Peru, Chile und Kolumbien arbeiten künftig enger zusammen und erlauben den Handel der Wertpapiere an allen drei Standorten.

Anzeigetafel an der Australian Stock Exchange. Die Börse soll vom Aktienmarkt in Singapur übernommen werden. Das Einsparpotenzial wird mit 22 Milliarden Euro angegeben.

(Foto: AFP)

Das entsprechende Abkommen wurde dieser Tage unterzeichnet. Es steht für die globale Konzentration des Börsengeschäfts, einzelne Betreibergesellschaften - meist im staatlichen Besitz - schaffen es nicht mehr alleine. Sie müssen wachsen, sei es durch gezielte Kooperationen oder Fusionen.

Erst vor einigen Wochen haben die Börsen in Singapur und Australien ein 5,9-Milliarden-Euro-Geschäft angekündigt. Für diesen Preis will Singapur den Konkurrenten in Sydney übernehmen. Bisher gilt in Australien eine Obergrenze von 15 Prozent für ausländische Beteiligungen an strategisch bedeutenden Unternehmen. Zusammen kämen die beiden Handelsplätze auf eine Marktkapitalisierung von 8,8 Milliarden Euro und würden damit zur Nummer vier weltweit aufsteigen. Singapur und Sydney berechneten ein Sparpotenzial von jährlich 22 Millionen Euro.

Politische Brisanz

Die Tatsache, dass sich nun in Australien heftiger Widerstand regt, belegt die politische Brisanz solcher Geschäfte: Börsen gelten als Nationalgut, Regierungen tun sich schwer, Handelsplätze ans Ausland zu verkaufen. Man mag sich an das Spektakel erinnern, als die Übernahme der London Stock Exchange durch die Deutsche Börse vor einigen Jahren zweimal scheiterte.

"Wir erleben jetzt in Asien, was wir in Europa und den USA bereits Anfang des Jahrtausends erlebt haben", sagt Susanne Klöß von der Beratungsgesellschaft Accenture. "Börsen fusionieren, die Anzahl der Börsenbetreiber wird sinken." Hauptgrund für Zusammenschlüsse: "Liquidität zieht Liquidität an. Händler und Investoren gehen zu den Börsen, wo am meisten Geld vorhanden ist", sagt Expertin Klöß.

Allerdings sind Fusionen generell eine schwierige Sache. Im Durchschnitt gehen nur 20 Prozent dieser Geschäfte gut. In den meisten Fällen weicht die anfängliche Euphorie der Ernüchterung. Unterschiedliche Firmenkulturen können den Erfolg von Fusionen gefährden, zumal hohe Renditeerwartungen, die vor einer Übernahme veranschlagt werden, sich häufig nicht erfüllen.

In Europa und USA eher Allianzen als Fusionen

Die Deutsche Börse ist ohne Großfusion zu einem erfolgreichen Börsenbetreiber der Welt geworden. Der Zusammenschluss aus New York Stock Exchange und der europäischen Mehrländerbörse Euronext konnte die prognostizierten Synergien bislang nicht erzielen. Die Fusion wurde vor vier Jahren umgesetzt. Pikanterweise war damals auch die Deutsche Börse an Euronext interessiert.

"In Europa und den USA wird es vermutlich zu keinen großen Fusionen mehr kommen, die Börsen werden stattdessen auf einzelnen Geschäftsfeldern kooperieren und Allianzen schmieden", sagt Klöß. "Die westlichen Betreiber streben auch in den Schwellenländern eher den stillen Eintritt an, anstatt eine Übernahme durchzuziehen", so die Expertin.

Jüngstes Beispiel sei die Börse in Mumbai, wo sich New York Stock Exchange, London Stock Exchange, die Börse Singapur und die Deutsche Börse mit jeweils fünf Prozent beteiligt haben, um einen Markteintritt in Indien zu schaffen. Der Handel mit Rohstoffwertpapieren gilt als wichtiger Wachstumsmarkt, auch der schnelle Computerhandel (High Frequency Trading) ist ein wichtiges Börsensegment geworden.

Hier werden Wertpapiere in Bruchteilen von Millisekunden gehandelt - Börsen profitieren von den riesigen Handelsumsätzen. Sie müssen dafür allerdings eine stabile IT-Plattform bereitstellen, die diesen Handelsströmen standhält. Börsen sind Technologieunternehmen. Sie müssen immer schneller, immer leistungsfähiger und gleichzeitig immer günstiger werden - eine schwere Aufgabe.

Oft fehlt die Transparenz

"Eine weitere Chance für alle Börsenbetreiber weltweit sind anstehende regulatorische Veränderungen, wie etwa neue Reporting-Strukturen und die Abwicklung von OTC-Geschäften", sagt Expertin Klöß. OTC steht für "Over the Counter". Das bedeutet übersetzt: Geschäfte werden direkt am Bankschalter getätigt.

Die meisten globalen Derivatgeschäfte werden zwischen zwei Vertragspartnern, zumeist Banken, ohne Zwischenschaltung einer Börse unter Zweien abgewickelt. Dadurch fehlt dem Markt die Transparenz, was Finanzaufsichtsbehörden schon seit Jahren bemängeln. Der OTC-Handel gefährde die Stabilität des weltweiten Finanzsystems.