Süddeutsche Zeitung

Geld - Macht - Hass: James Dean:Nur der Tod macht unsterblich

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Mit 24 Jahren kommt James Dean in seinem Porsche ums Leben. Nach dem Unfall wird der Schauspieler ein Held - und sein verhasster Vater erbt alles.

Alexander Mühlauer

Er hat ihn einfach übersehen. Den silbernen Porsche Spyder, der kurz vor sechs Uhr abends, pazifische Zeit, auf die Kreuzung der Highways 46 und 41 bei Paso Robles, Kalifornien, zuraste. Er wollte hier abbiegen, ganz in Ruhe, so wie er es immer tat. Aber da krachte schon der Porsche in die Breitseite seines alten Ford Tudor, je nach Bericht mit 130 oder 170 km/h.

Donald Turnupseed hat James Dean übersehen. Ob der Student aus San Luis Obispo, mit 23 ein Jahr jünger als Dean, an diesem Septembertag 1955 besonders zerstreut war, ob er zu viel geraucht hatte? Gut möglich. Wirklich wissen wird man es nie. Fest steht nur: Turnupseed überlebte den Unfall, Dean verstarb auf dem Weg ins Krankenhaus.

Land voller Schlaglöcher

Nur Tote sind unsterblich - und es war Donald Turnupseed, der James Dean unsterblich machte. Bis zu diesem Unfall in der kalifornischen Wüste hatte Dean nur drei Filme gedreht, von denen genau einer in den Kinos gelaufen war. Er hinterließ so gut wie nichts, außer die damals unbedeutenden Lizenzrechte an "Jenseits von Eden", "... denn sie wissen nicht, was sie tun" und "Giganten" sowie eine Lebensversicherung über 100.000 Dollar. Eigentlich nicht weiter der Rede wert, hätte nicht Winton Dean all das alleine geerbt, sein Vater, den er über alles hasste und am Ende zu einem reichen Mann machte.

Amerika ist ein Land voller Schlaglöcher, als James Dean 1931 in Indiana auf die Welt kommt. Es ist Wirtschaftskrise und Zeit, darüber nachzudenken, was man will, vom Leben und überhaupt. Vater Winton Dean will nicht mehr Farmer sein. Also zieht er mit seiner Familie vom Mittleren Westen Richtung Pazifik, nach Kalifornien. James, genannt Jimmy, ist ein braver Junge. Und weil er so brav ist, darf er sich jeden Abend etwas wünschen. Er schreibt seinen Wunsch auf einen Zettel und am nächsten Tag versucht seine Mutter Mildred, diesen Wunsch zu erfüllen. Sie tut wirklich alles für Jimmy, "er ist doch alles, was ich habe", sagt sie.

Jimmy ist neun Jahre alt, als seine Mutter an Krebs stirbt. Plötzlich ist niemand mehr da, der seine Wünsche erfüllt. Der Vater nimmt sich keine Zeit für seinen Sohn. Und so wächst James bei seiner Tante und seinem Onkel auf einer Farm in Fairmount, Indiana, auf. Er ist ein guter Schüler. 1949 darf er als Vertreter des Bundesstaats zu einem landesweiten Rezitationswettbewerb fahren. Die Klassenkameraden hänseln ihn, den Jimmy, der Gedichte aufsagt und schauspielert - sowas grandios Unmännliches.

James schert sich einen Dreck um Jura

Auch sein Vater versteht nicht, warum James lieber Grimassen schneidet als etwas Anständiges zu lernen. Aus Jimmy sollte doch etwas werden, mit Jura kann man alles werden. Jimmy mag aber nicht alles werden, er will nur eins: Schauspielern. Es ist, man muss es so sagen, der klassische Vater-Sohn-Konflikt. Nach heftigem Streit einigen sich die beiden: James schreibt sich auf dem College von Santa Monica für Jura ein und darf Theaterkurse belegen.

Man braucht kein Psychologe sein, um zu erahnen, dass sich James einen Dreck um Jura schert. Für ihn zählt nur die Schauspielerei. Er geht nach New York City, tritt am Broadway auf, das Publikum ist begeistert. Auf der Bühne legt er seine dicke Hornbrille ab. Es ist seine starke Kurzsichtigkeit, die dem jungen Dean seinen melancholischen, unschuldigen Blick verleiht.

Der Regisseur Elia Kazan, der schon Marlon Brando entdeckt hatte, sucht ein frisches Gesicht für seinen neuen Film und erlebt James Dean in einem Broadway-Stück. Bei Probeaufnahmen in Los Angeles sticht Dean Paul Newman aus. Endlich: Hollywood.

In L.A. kauft sich James Dean von seiner ersten Gage einen gebrauchten Sportwagen. Er fährt sehr gerne sehr schnell. In seinem Vertrag für den Film "Giganten" steht, er dürfe während der Dreharbeiten keine Rennen fahren.

Zutraulich und schroff

James Dean ist alles auf einmal: zutraulich und schroff, ausgelassen und deprimiert, halbstark und seelenvoll. Er kleidet sich betont lässig und knattert mit seinem schweren Motorrad über die Boulevards. Er geht viel aus. Mit Ursula Andress, Natalie Wood. Dann mit Pier Angeli. Er verliebt sich in sie. Aber sie heiratet einen anderen.

Jimmy ist der italienischen Mamma nicht fein genug und vor allem zu wenig katholisch. Am Tag ihrer Hochzeit steht James Dean auf der Straßenseite vis à vis der Kirche und wartet, bis das Paar heraus kommt. Dann braust er auf seinem Motorrad davon.

"Ich will sterben"

Einer Freundin in New York schreibt er: "Ich will sterben." Und zwar in Großbuchstaben. Auf dem Briefpapier steht der Name seiner Künstleragentur: "Famous Artists".

Am 21. September 1955 tauscht James Dean seinen Porsche gegen ein noch schnelleres Modell, den 550 Spyder, er nennt ihn "Little Bastard". Auf dem Weg zu einem Rennen in Salinas sitzt sein Freund, der schwäbische Porsche-Mechaniker Rolf Wütherich auf dem Beifahrersitz. Die beiden rasen, natürlich ohne angeschnallt zu sein, den Highway 46 entlang.

Bis zu jener Kreuzung, an der Donald Turnupseed mit seinem alten Ford Tudor ganz in Ruhe abbiegen will. "Er muss uns doch sehen", soll James Dean kurz vor dem Crash gesagt haben. Hat er aber nicht. Donald Turnupseed hat James Dean übersehen.

Was folgt, ist ein Totenkult bisher ungekannten Ausmaßes. Der Hype um James Dean beginnt mit seinem Tod am Abend des 30. Septembers in der kalifornischen Ödnis. "Dieser Dean-Kult ist ein gefährliches Zeichen", schreibt der deutsche Publizist Manfred George aus New York.

"Dean war in seiner Schlaksigkeit, seinem Sich-nicht-zurechtfinden-Können in der Welt, seinem Zerriebenwerden zwischen Sehnsucht und Norm, zwischen Begehren, Gefühl und der harten Wirklichkeit der sogenannten Erwachsenen das frappante Spiegelbild eines großen Teil der jungen Menschen von heute." Und weiter: "In ihm klingt offenbar für viele Zehntausende von Halbwüchsigen das Echo ihrer eigenen Nöte auf."

Warner Brothers, James' Filmfirma, kostet diese Verehrung und Legendenbildung so richtig aus. Nach Deans Tod lässt sich der profitgierige Hollywood-Konzern genau ein Jahr Zeit - ein Jahr lang hält das Unternehmen "Giganten" zurück, ehe der Film in die Kinos kommt.

Der Ruhm post mortem lässt die Lizenzzahlungen schnell auf jährlich drei Millionen Dollar steigen. Ein Testament gibt es nicht, also erbt James' Vater Winton alles. Das Gesetz nimmt keine Rücksicht auf Gefühle.

Was bleibt, ist Hass. Und Erinnerungen an einen Menschen, der bis heute das Selbstbild vieler junger Männer prägt - ob sie es wollen oder nicht, sagte einmal John Dos Passos, ein guter Freund von James Dean: "So stehen sie heute noch da, einer neben dem anderen, vor den Spiegeln der Herrentoilette, und sie blicken ihr Spiegelbild an und sehen James Dean. Sie ziehen ihre Taschenkämme, sie wühlen in ihrem Haar und klatschen es hin, einer wie der andere auf den Millimeter genau, hingerissen tauchen ihre Augen in die Augen im Spiegel, sie verzerren den Mund zu einer Grimasse der Verachtung, jeder Fan ein gottverdammter Narziss, verliebt in sein eigenes Bild, jeder ein kleiner James Dean."

Nur Tote sind unsterblich.

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Quelle:
SZ vom 20.11.2010/kst/hgn
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