Freundschaft zwischen Arm und Reich Wer nicht von Eifersucht und Neid zerfressen wird, der hält das aus

Freundschaften zwischen Arm und Reich sind gar nicht so ungewöhnlich, wie man glauben mag. Für die Jacobs-Studie 2014 hat das Allensbach-Institut 1624 Menschen verschiedenen Alters über ihre Freundschaften befragt. 44 Prozent gaben an, Freunde zu haben, die deutlich wohlhabender seien als sie selbst. Und 41 Prozent sind mit Menschen befreundet, denen es finanziell deutlich schlechter geht. Und doch ist der alte Spruch nicht falsch, nach dem beim Geld die Freundschaft aufhört.

Laut der Studie helfen sich Freunde zwar bei Umzügen und Renovierungsarbeiten, hören zu und geben Rat. Aber größere Geldbeträge haben nur zehn Prozent je von ihren Freunden geliehen bekommen. "Viele haben die Vorstellung, dass so etwas eine Freundschaft belasten könnte", sagt Psychologe Horst Heidbrink. Die meisten würden eher ihre Eltern um Geld bitten, weil Verwandtschaftsbeziehungen nicht in gleichem Maß wie Freundschaften auf Symmetrie beruhen. Trotzdem: "Eine gute Freundschaft kann auch einen Kredit überstehen."

Andrea Brandt würde sagen: Sie kann daran sogar wachsen. Ihren besten Freund Micha kennt die 52-Jährige seit 20 Jahren. Als 1997 Andrea Brandts Beziehung zerbrach, musste sie das Haus, das sie mit ihrem Ex-Partner gebaut hatte, mit Verlust verkaufen. Ihr Freund Micha, Inhaber einer erfolgreichen Werbeagentur, lieh ihr das fehlende Geld, 30 000 D-Mark, damit sie ihren teuren Kredit bei der Bank auslösen konnte. Sie setzten einen Vertrag auf, Andrea Brandts Eltern bürgten. Alles ganz offiziell. Aber Zinsen nahm Freund Micha keine.

"Das Geld habe ich ihm so schnell wie möglich zurückgezahlt", sagt Andrea Brandt - auch sie heißt in Wirklichkeit anders. "Das war mir total wichtig. Ich wollte, dass er weiß, dass er sich auf mich verlassen kann." Diese Probe, findet sie, hat ihre Freundschaft gestärkt. "Wir sagen mittlerweile oft: Wir werden zusammen alt", lacht sie. Andrea wehrt sich heute auch nicht mehr dagegen, dass Micha eigentlich immer die Rechnung bezahlt, wenn sie zusammen mittagessen und währenddessen nonstop zwei Stunden durchplappern. Und wenn ihr Michas Frau, wie jedes Jahr, den großen Sack voll aussortierter Designer-Kleidung ins Auto packt, dann denkt Andrea Brandt nicht: Was für eine diskriminierende Kleiderspende. Sondern freut sich und lädt ihre Tochter zur Anprobe ein.

Enge Freundschaften halten solche Asymmetrien aus, davon ist Freundschaftsforscher Horst Heidbrink überzeugt. Doch Männer- und Frauenfreundschaften sind unterschiedlich gefährdet. Weil sie sich über verschiedene Aktivitäten definieren. Während Männer mit ihren Freunden Sport treiben oder gemeinsam basteln und schrauben, reden Frauen meistens übers Leben, wenn sie sich mit ihren Freundinnen treffen. "Da ist es deutlich schwieriger, den finanziellen Hintergrund rauszulassen. Man vergleicht sich stärker", sagt Heidbrink. Wenn zwei Männer zusammen Fußball spielen gingen, sei es hingegen egal, ob der eine danach in eine Villa und der andere in eine Plattenbauwohnung führe.

"Was zählt, ist Vertrauen", sagt Horst Heidbrink. Wenn das nicht gerechtfertigt ist - wenn Hilfe verweigert oder Geheimnisse ausgeplaudert werden -, dann zerbrechen Freundschaften, nicht am unterschiedlichen Kontostand. Wer nicht von Eifersucht und Neid zerfressen wird, oder nicht darunter leidet, dass die beste Freundin nicht mit zum Wellness-Urlaub kommt, hat gute Chancen auf eine gelungene Freundschaft zwischen Arm und Reich. Das wusste auch schon Aristoteles. "Die Lösung ist diese", steht bei ihm, "dass der Freund dem Freund Gutes um des Freundes willen wünscht."