Fotografin Annie Leibovitz Das abgebrannte Genie

Mit ihren Fotoshootings verdiente sie Millionen - doch im Umgang mit Geld ist Annie Leibovitz weniger talentiert: Jetzt steht die Starfotografin vor den Trümmern ihrer Existenz.

Von Thomas Schuler

Vor ihr ziehen sich fast alle aus. Den nackten John Lennon, umschlungen von seiner Frau Yoko Ono, fotografierte Annie Leibovitz im Dezember 1980 Stunden bevor der Musiker erschossen wurde. Auch ihre Bilder der hochschwangeren, nackten Demi Moore, der dunkelhäutigen Whoopi Goldberg in einer Badewanne voller Milch oder des Künstlers Keith Haring, der seinen eigenen Körper bemalte, kennt fast jeder, der bunte Zeitschriften liebt. Sie fotografierte viele Politiker und Mächtige, etwa Queen Elisabeth, allerdings angezogen und in Haltung.

Annie Leibovitz hat zahlreiche Stars fotografiert - unter anderem Queen Elisabeth. Jetzt hat die Starfotografin große Geldprobleme.

(Foto: Foto: AP)

Wenn es eine Fotografin gibt, die dank ihrer Arbeit fast so berühmt ist wie ihre Bilder in Werbung, Popkultur und Journalismus, dann die 59-jährige, in New York lebende Annie Leibovitz.

Ihre Bilder schmücken die Titelseiten von teuren Hochglanz-Zeitschriften. Ein Fotoband mit ihren Werken von 1990 bis 2005 schaffte es in die Bestsellerlisten. Die dazugehörende Ausstellung wandert seit Monaten um die Welt. Im amerikanischen Fernsehen lief ein Dokumentarfilm über ihr Leben, in dem die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton und der ehemalige Schauspieler und amtierende Gouverneur Kaliforniens, Arnold Schwarzenegger, voller Bewunderung über ihre Arbeit sprechen. Sie werde bewundert, weil sie die Stars mit ihren Bildern bewundere und erst zu Stars mache, schrieb eine Kritikerin.

Auch was ihre Honorare betrifft, ist Annie Leibovitz eine Klasse für sich. Für ihre Prominentenbilder in der Monatszeitschrift Vanity Fair, für die sie seit 1983 arbeitet, erhält sie angeblich drei Millionen Dollar jährlich. Dazu kommen regelmäßig mittlere fünfstellige Tagesgagen für Werbeaufträge von American Express, Gap und Louis Vuitton. Bis vergangene Woche kam wohl niemand auf die Idee, dass sie mit vielen unbekannten, freiberuflichen Fotografen ein Problem teilt: die Frage, wie sie ihre vielen Rechnungen bezahlen soll und die Sorge wegen der Klage eines Schuldners, der sein Geld vor Gericht eintreiben will. Geld, das sie angeblich nicht hat.

Irgendwas lief schief

Zugegeben, auch die Summe, um die es hier geht, sprengt den üblichen Rahmen der Ausgaben ihrer Berufskollegen. Im Sommer vergangenen Jahres hatte sie sich von einem Finanzunternehmen in New York, der Art Capital Group, zunächst 22 Millionen Dollar geliehen, um Kredite zu finanzieren, ihre Steuern in siebenstelliger Höhe und ausstehende Rechnungen für Dienstleister in Höhe von mindestens 700.000 Dollar zu bezahlen. Wenige Monate später borgte sie weitere zwei Millionen Dollar.

Eigentlich wollte sie auch diesen Betrag nutzen, um Verbindlichkeiten zu regeln und ihre Finanzen zu ordnen, aber irgendwas lief schief. Vergangene Woche reichte die Finanzfirma in New York Klage ein und verlangt nun Zugang zu Immobilien der Künstlerin, um sie potentiellen Käufern vorzuführen. Denn Leibovitz besitzt mehrere Häuser im New Yorker Stadtteil Greenwich Village und im Bundesstaat New York, die sie als Sicherheiten eingesetzt hat.

Für die Künstlerin vielleicht noch schmerzhafter ist, dass sie nun auch die Negative ihrer Aufnahmen und die Rechte daran zu verlieren droht, weil sie sie ebenfalls als Sicherheiten eingebracht hat, wie die New York Times unter Verweis auf die Klageschrift berichtet. Demnach liegt sie in ihren Raten mit mehreren Hunderttausend Dollar im Rückstand.

Dass wohl niemand auf die Idee kam, ausgerechnet Annie Leibovitz könne ihre Rechnungen nicht begleichen, heißt in ihrem Fall: niemand, der sie nicht genauer kennt. Denn unter ihren Freunden, Bekannten und Auftraggebern gilt sie offenbar als eine Künstlerin, der man einen äußerst nachlässigen Umgang mit Geld nachsagt. Zwar soll sie selbst genügsam sein. Aber für ihre Inszenierungen scheut sie keine Kosten, und sie behält keinen Überblick über ihre Ausgaben. Der Chefredakteur der Zeitschrift Vanity Fair, Graydon Carter, brachte das in der New York Times mit den Worten zum Ausdruck: Der Kopf, der so wunderbare Bilder produziere, sei nicht notwendigerweise ein Kopf, der gut mit Geld umgehen könne.

Unsummen für Feuer, Regen und Zirkustiere

Darin gleicht sie dem legendären Reporter Hunter S. Thompson, mit dem sie einst gemeinsam für das Magazin Rolling Stone an einer Geschichte über den Rücktritt des ehemaligen Präsidenten Richard Nixon arbeitete. Thompsons Text über die Watergate-Affäre wurde nie fertig, und so druckte Rolling Stone ihre Bilder alleine - der Beginn ihrer Karriere. Bei Vanity Fair und für Werbekunden wurden ihre Fotoarbeiten so aufwendig wie Filmaufnahmen. Ihre Auftraggeber übernahmen Unsummen für Feuer, Regen und Zirkustiere.

Die Schriftstellerin Susan Sontag habe ihren Ehrgeiz geweckt, sagte Leibovitz später, und sie animiert, Bilder zu schaffen, die über den Tag hinaus unvergessen bleiben. Sontag wurde ihre Lebenspartnerin, die 2004 an Krebs starb. In den vergangenen fünf Jahren verlor Leibovitz auch ihren Vater und ihre Mutter. Sie kaufte sich in Greenwich Village ein Haus nach dem anderen (insgesamt drei für rund sechs Millionen Dollar) und renovierte sie aufwendig - zu viele Verbindlichkeiten für Leibovitz.

Der ehemaligen Fotochefin des Verlags Conde Nast, Charlie Scheips, sagte sie laut New York Times, sie habe ihre Lebenspartnerin verloren, habe drei Töchter zu versorgen und zu viele Jobs zu erledigen: "It's chaos." Bis zum 8. September muss Leibovitz nun laut der Klage die gesamten 24 Millionen Dollar zurückzahlen. Oder ausziehen.

Die Bilder der Annie Leibovitz

In die Seele geblitzt