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Zweierlei Maß bei Optionsgeschäften:Entsetzte Anleger

Die betroffenen Anleger waren entsetzt. Denn Optionen haben es an sich, dass sich schon mit vergleichsweise niedrigen Beträgen hohe Summen bewegen lassen. "Wenn man gut ist, macht man vielleicht in einem Jahr 110.000 Euro Gewinn und 100.000 Verlust", sagt der Banker Scharhag. Unterm Strich bleibe also ein Gewinn von 10.000 Euro, der zu versteuern wäre.

Da das Finanzamt aber die Verluste nicht anerkennt, besteuert es 110.000 Euro. Auf diese Weise summierte sich die Steuerschuld bei Scharhag über die Jahre auf 350.000 Euro. "Wenn das auch in der letzten Instanz so entschieden wird, verliere ich meine Existenz", sagt der Banker. Sein Eigenheim, das er mit seiner Frau und zwei Kindern bewohnt, müsste er dann auf jeden Fall verkaufen.

Eine Hoffnung hat Scharhag noch: Es ist der Augsburger Rentner, der in derselben Sache klagt - und das, obwohl der Bundesfinanzhof eigentlich schon in letzter Instanz entschieden hat. "Ich konnte das Finanzgericht davon überzeugen, dass das Vorgehen des Finanzamts unplausibel ist", sagt der Rentner, bei dem 350.000 Euro auf dem Spiel stehen. Das Finanzgericht legte den Fall erneut dem Bundesfinanzhof vor, und der erließ im Juni einen Gerichtsbescheid: Er bleibt dabei, verfallene Optionen sind keine Veräußerung, also werden sie steuerlich nicht als Verluste anerkannt.

"Es ist der letzte Strohhalm, an den ich mich klammere"

Gegen den Bescheid hat der klagende Rentner Einwand erhoben. Der Bundesfinanzhof muss nun eine mündliche Verhandlung zulassen. Diese, so hat man dem Rentner versichert, könnte Ende des Jahres stattfinden. "Es ist der letzte Strohhalm, an den ich mich klammere", sagt er.

Mit ihm hoffen Tausende andere Anleger, zum Beispiel der Überlinger Finanzbeamte Jürgen Buchleither, bei dem es um 14.000 Euro geht. "Für mich ist das viel Geld", sagt er. Er versteht die Argumentation des Bundesfinanzhofs nicht. "Schließlich lassen sich Optionen, wenn sie nicht ins Geld kommen, kurz vor dem Verfall gar nicht mehr verkaufen, weil sie wertlos sind und man keinen Käufer findet", sagt er. Der Anleger handle also nicht mutwillig, es sei im Wesen der Option begründet, dass sie verfallen kann.

Als 2006 das Urteil des Bundesfinanzhofs bekannt wurde, führten die Emittenten von Optionen, zum Beispiel Banken, eine neue Praxis ein: Sie kauften den Anlegern kurz vor dem Verfall der Option diese zu einem Kleinstbetrag ab. Damit erzeugten sie einen Verkaufsvorgang. Die Finanzämter erkannten dies den Anlegern zunächst als "Veräußerung" an. Doch mittlerweile hat die Oberfinanzdirektion Münster die Praxis als "Gestaltungsmissbrauch" deklariert; damit ist es wieder unmöglich, verfallene Optionen mit Gewinnen zu verrechnen.

An den Haaren herbeigezogen

"Die derzeitige Interpretation des Gesetzes durch den Bundesfinanzhof und die Finanzverwaltung führt dazu, dass der Staat sich durch die volle Besteuerung der Gewinne einseitig am Vermögen des Steuerpflichtigen bedient, andererseits aber das Verlustrisiko voll auf den Steuerpflichtigen abwälzt", kritisiert ein Münchner Steueranwalt.

Selbst im Bundesfinanzhof gibt es Stimmen, die sich dieser Ansicht anschließen. Es existieren mehrere Gesetzeskommentare, die die Unterscheidung zwischen Verfall und Verkauf für an den Haaren herbeigezogen halten. Der klagende Rentner und mit ihm Tausende Anleger hoffen, dass sich die obersten Finanzrichter in der mündlichen Verhandlung noch umstimmen lassen. "Wenn nicht, bliebe mir nur noch der Gang vor das Bundesverfassungsgericht", sagt er.

Die Chancen stünden dabei nicht schlecht, hat der Rentner herausgefunden. Ein bekannter Verfassungsrechtler, den er zu Rate zog, kam zu dem Ergebnis, dass die Praxis dem grundgesetzlich festgelegten Nettoprinzip widerspricht.

Es besagt: Wenn der Staat eine Einkunftsquelle besteuert, greift er in das Eigentumsrecht des Steuerpflichtigen ein. Dann muss er es auch zulassen, dass die Aufwendungen, die im Zusammenhang mit der Einkunftsquelle entstehen, steuerlich geltend gemacht werden.