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Finanzexperte Jochen Felsenheimer:Was passiert in Europa?

Schuldendesaster, Eurokrise, Chaos - viele sind besorgt: Wie weit fällt der Euro? Was passiert mit meinem Geld? Die Antworten von Jochen Felsenheimer - einem der profiliertesten Kreditexperten Europas.

Im Chat bei sueddeutsche.de hat Finanzexperte Jochen Felsenheimer Leserfragen beantwortet. Hier wird der Chat im Wortlaut wiedergegeben. Jochen Felsenheimer ist bei der Fondsgesellschaft Assenagon mitverantwortlich für den Bereich Kredit und managt mehrere Fonds. Bis 2008 leitete er die globale Kreditanalyse bei der Hypo-Vereinsbank (UniCredit Group).

Jochen Felsenheimer

Jochen Felsenheimer: "Wir befinden uns in einer Situation, die keine angenehme Lösung mehr erlaubt. Entweder die Politik des billigen Geldes geht weiter und die nächste Krise - durch Vermögenswertinflation ausgelöst - ist nur eine Frage der Zeit. Oder die Zentralbanken beenden diese fatale Politik und entziehen dem System Liquidität."

(Foto: online.sdewirtschaft)

Moderator: Hallo Herr Felsenheimer! Schön, dass Sie heute im Chat für sueddeutsche.de zur Verfügung stehen. Wir haben schon viele Fragen - und fangen am besten gleich an.

Jochen_Felsenheimer: Hallo beisammen! Werde versuchen Ihre Fragen schnell zu beantworten. Da ich nur über ein Zweifingersystem verfüge, sehen Sie mir bitte nach, dass es etwas dauern kann!

WaldemarPawlak: Sehr geehrter Herr Felsenheimer, in diesen Zeiten mit ihren ständigen Rücktritten und Milliardenspritzen kann man ja langsam an nichts mehr glauben. Daher wird jetzt Anlegern häufig empfohlen, in Gold zu investieren. Was halten Sie von dieser Anlageform?

Jochen_Felsenheimer: Gold als Fluchtwährung erfreut sich großer Beliebtheit in Zeiten der Unsicherheit. Da ich glaube, dass diese sicherlich noch anhalten werden, sehe die Gefahr eines kurzfristigen Rückgangs als sehr begrenzt an. Aber Gold profitiert sehr stark von der Vermögenswertinflation, die von den Zentralbanken durch exzessive Liquiditätsversorgung gefördert wird. Wird diese zurückgefahren, wird auch Gold an Wert verlieren!

lookaround: Ist es richtig, dass bei der Immobilienkrise "virtuelles" (erfundenes) Geld und erfundene Gewinne die Ursache waren? (Man hat Leuten, die die Tilgung nicht erbringen konnten damit gelockt, dass man 120% finanziert hat und die nicht erbrachten Kredite durch neue Darlehen "gedeckt" wurden). Was ist mit den Regressansprüchen verschiedener Regionen bzgl. Abrisskosten etc. passiert? Was ist aus der Kreditkartenblase passiert? Seit über einem Jahr erwartet man, dass diese platzt?

Jochen_Felsenheimer: Mitursächlich für die Subprime-Krise in den USA war sicherlich die sehr lockere Geldpolitik der Fed. Wenn zu viel billiges Geld vorhanden ist, steigt die Gefahr, dass dieses in unproduktive Verwendungen fließt, also beispielsweise Immobilienkredite an Schuldner sehr schlechter Kreditqualität zu mehr als 100%. Wenn die Häuserpreise ständig steigen, ist dieses Geschäft für die Banken kein Problem, da ja die Besicherung des Kredits an Wert gewinnt. Also auch wenn der Schuldner ausfällt, hat die Bank ja die im Wert gestiegene Immobilie. Wenn die Häuserpreise allerdings fallen, funktioniert dieses Geschäft nicht mehr. Das Problem war, dass nicht nur die Anzahl der Ausfälle weit über den Erwartungen gelegen ist, sondern die Verwertungsquote der Immobilien angesichts der stark fallenden Häuserpreise viel geringer war, als in den meisten Stressszenarien angenommen wurde. Zum Teil haben diese Immobilien einen negativen Wert! Da die Fed die Politik des billigen Geldes noch verschärft hat (paradoxerweise als Antwort auf die durch billiges Geld ausgelöste Subprime-Krise), wurde die Kreditkartenblase vorerst am Leben gehalten. Es ist aber nur eine Frage der Zeit bis Blasen platzen. Auch diese wird es tun.