Süddeutsche Zeitung

Finanzen kompakt:Aufschwung - aber nicht für alle

Trotz des Wirtschaftsbooms werden im kommenden Jahr so viele Verbraucher Privatinsolvenz anmelden wie nie zuvor. Außerdem: Die Allianz setzt auch auf Anleihen maroder Staaten. Das Wichtigste in Kürze.

Die Zahl der Privatpleiten könnte im laufenden Jahr um bis zu sechs Prozent auf 120.000 steigen. Das prognostiziert die Wirtschaft-Auskunftei Creditreform. Der starke Anstieg ist auch ein Ergebnis der wachsenden Beliebtheit des Entschuldungsverfahrens.

Gleichzeitig rechnet Creditreform mit einem leichten Anstieg der Zahl überschuldeter Privatleute, die derzeit bei rund 6,5 Millionen liegt.

Rund jeder zehnte Erwachsene in Deutschland ist von Überschuldung betroffen. Im Vergleich zum Vorjahr sind laut Creditreform aktuell zusätzliche 290.000 Menschen dauerhaft nicht in der Lage, ihre Rechnungen zu zahlen oder Kredite zu bedienen - dies ist ein Plus von 4,7 Prozent.

Ein Grund für die steigende Überschuldung: "Im Zeichen der wirtschaftlichen Erholung kommt es bei manchen Verbrauchern zu überschäumendem Konsum, der zum großen Teil mit Konsumentenkrediten finanziert wird", sagt Michael Bretz, Leiter der Creditreform- Wirtschaftsforschung.

"Auch der Konsum der Vorweihnachtszeit ist da ein Treiber." Einen weiteren Grund sieht Bretz in der starken Ausweitung der Kurzarbeit während der vergangenen Krise: "Diese hat zwar Jobverluste verhindert, aber auch markante Einkommenseinbußen gebracht. Viele Verbraucher haben am Limit gewirtschaftet, und das schlägt sich nieder. In manchen Fällen mit ein oder zwei Jahren Verspätung."

Für 2010 bleibt Creditreform bei seiner Prognose von rund 112.000 Verbraucherinsolvenzen - elf Prozent mehr als im Krisenjahr 2009. "Das hat auch damit zu tun, dass das Instrument Verbraucherinsolvenz immer mehr Anklang findet", sagt Bretz. "Privatinsolvenzen werden bei Überschuldeten immer bekannter und populärer." Dieses Verfahren gibt Privatleuten die Chance, sich während einer sogenannten Wohlverhaltensperiode von sechs Jahren zu entschulden.

Staatsanleihen? Gerne!

Europas größter Versicherungskonzern Allianz will Staatsanleihen von europäischen Schuldenstaaten kaufen. "Ja, das werden wir tun", sagte Allianz-Chef Michael Diekmann der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. "Wir sind heute schon stark in Staatsanleihen investiert." Die Allianz könne einem griechischen Lebensversicherten "ja schlecht erklären, dass sie die Garantie aus deutschen Bundesanleihen bedient".

Wichtig sei außerdem die Botschaft an die Regierungen, dass sie stabile, langfristige Investoren hätten. Diese könnten die Gelder aber auch schnell wieder abziehen, "wenn die Haushaltsmaßnahmen nicht konsequent umgesetzt werden", warnte der Allianz-Vorstandschef.

Derzeit hält die Allianz Staatsanleihen der überschuldeten Länder Portugal, Griechenland und Irland im Wert von unter vier Milliarden Euro, sagte Diekmann. Das seien weniger als ein Prozent der gesamten Kapitalanlagen.

Der Allianz-Chef lobte den auf dem EU-Gipfel vereinbarten dauerhaften Krisenmechanimus für Schuldenstaaten in der Euro-Zone ab 2013. Hoch verschuldete Länder hätten das eindeutige Signal erhalten, dass ein Transfer nicht ohne Gegenleistung zu haben sei, sagte Diekmann.

Flucht in den Franken

Die große Unsicherheit in Europa lässt den Wert des Schweizer Frankens stark steigen. Nie war der Franken im Vergleich zum Euro so teuer: Zeitweilig musste für einen Euro nur 1,2503 Franken gezahlt werden. Die Schweizer Währung gelte als sicherer Hafen und wertet derzeit zu allen großen Währungen auf", sagten Analysten.

Interventionen der Schweizerischen Nationalbank zur Schwächung des Franken werden derzeit von den Marktexperten nicht erwartet.

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