Festspielpremiere Frau mit eignem Kopf

Die Sopranistin Marlis Petersen singt die Titelrolle in Warlikowskis Neuinszenierung von "Salome". Bühnenbildnerin Małgorzata Szczęśniak verlegt die Oper von Richard Strauss dafür in eine Bibliothek.

Von Christiane Lutz

Was inspiriert eine Bühnenbildnerin, einer der berühmtesten Frauen der Operngeschichte eine Bühne und ein Kostüm zu entwerfen? Italien natürlich, wo Bühnenbildnerin Małgorzata Szczęśniak praktischerweise die kalten Wintermonate verbringt. In Palermo auf Sizilien, genauer gesagt. Dort entdeckte die 65-Jährige eine Bibliothek, die ihr gut gefiel: die im wieder aufgebauten Stadtpalast des sizilianischen Schriftstellers Giuseppe Tomasi di Lampedusa ("Der Leopard"). Ein Bücherhimmel ganz in rot also wurde das Bühnenbild für "Salome". Die Oper von Richard Strauss mit Marlis Petersen in der Titelrolle eröffnet die Opernfestspiele am 27. Juni und wird am 6. Juli bei "Oper für alle" übertragen. Inszeniert hat sie Krzysztof Warlikowski, was wenig überrascht, denn wo Małgorzata Szczęśniak auftaucht, ist auch Warlikowski nicht weit. Die beiden arbeiten seit mehr als 30 Jahren zusammen.

Richard Strauss' "Salome" wurde 1905 in Dresden uraufgeführt und ist inspiriert vom Drama von Oscar Wilde aus dem Jahr 1891. Das Libretto schrieb Strauss damals selbst und übernahm den Wortlaut des Dramas zum großen Teil. Sie gilt als eine der ersten Literaturopern überhaupt.

Bücher und Literatur stehen für Wissen, für Zivilisation und Kultur. Wenn Szczęśniak die Handlung in eine Bibliothek verlagert, stellt das natürlich einen krassen Gegensatz zum barbarischen Verhalten der Figuren dar. Die hohen Wände aber seien auch ein Bild für die beengte Situation, in der sich Salome befindet. Ihr Stiefvater Herodes begehrt und belästigt sie ganz offensichtlich, ihre Mutter Herodias ignoriert das großzügig. Da ist es gar nicht so verwunderlich, dass Salome von dem im Palast eingesperrten Propheten Jochanaan fasziniert ist, ein religiöser Fanatiker vielleicht, aber einer, der für seine Überzeugung brennt. Als er sie abweist, erzwingt Salome bei ihrem Stiefvater seine Exekution, indem sie ihm im Gegenzug einen erotischen Tanz schenkt. Der Rest ist bekannt: Kopf in Silberschale.

Wenn man diese Handlung ernst nimmt, ist sie doch einigermaßen irre, findet auch Szczęśniak. Salome sei "ein Mädchen in Rage", die die unterschwellige Sexualität in ihrer Familie nicht erträgt und an der Nähe zur Mutter und dem Stiefvater zu ersticken droht. Sie und Warlikowski wollen sich den Figuren psychologisch nähern. Warum wünscht sich eine junge Frau einen Kopf als Trophäe? Welche Rolle spielt der Stiefvater Herodes? Im Laufe des Abends wird die Bibliothek aufbrechen und ein zweiter Raum zum Vorschein kommen, ein aseptischer, kühler Denkraum, der an ein Schwimmbad erinnert. Alle Figuren werden simple Kostüme tragen, die an die 40er Jahre erinnern, die Zeit des Krieges. "Salome ist auch eine jüdische Figur", sagt Szczęśniak, dieser Tatsache wollen sie Platz in der Inszenierung geben.

Szczęśniak spricht von "wir", wenn sie erzählt, wie künstlerische Ideen entstehen. Es sei ein Ping-Pong-Spiel der Gedanken zwischen ihr und Warlikowski, bei dem man am Ende nicht mehr weiß, wie es begann. Früher arbeitete Szczęśniak auch mal mit anderen Regisseuren, dann langweilte sie das. "Mit Krzysztof begebe ich mich bei der Arbeit in ein gemeinsames Universum. Wir wissen, was wir wollen."

Sie inszenierten 2007 an der Staatsoper ihr Hausdebüt "Eugen Onegin" und zuletzt "Die Gezeichneten". Vergangenes Jahr zeigte Warlikowski "The Bassarids", eine Bearbeitung der antiken "Bakchen" von Hans Werner Henze, bei den Salzburger Festspielen. In Salzburg sah Szczęśniak auch die "Salome" von Romeo Castellucci, als Höhepunkt gefeiert, vor allem wegen Asmik Grigorian als Salome. Szczęśniak aber war nicht recht einverstanden mit der Produktion und fühlt sich daher in keiner Weise davon beeinflusst: "Sein Konzept war fast ausschließlich ein ästhetisches", sagt sie, "alles drehte sich um Salome als wunderschöne Frau." Für sie - und somit auch für Warlikowski - ist das zu wenig. Ihr ist die Bedeutung der Ästhetik wichtig. Einfacher gesagt: Wenn's nur gut aussieht, reicht es nicht, es muss einen Sinn haben.

So ist sie mehr als glücklich mit der Besetzung von Wolfgang Koch als Jochanaan, ein bergiger Bariton. "Oft ist Jochanaan einfach schön, weil Salome ihn ja begehren muss. Wir machen Wolfgang Koch älter, seine Haut wird blass sein. Er ist nicht schön - aber er hat etwas Menschliches an sich. Etwas, das Salome berührt. In einer sehr bösen Welt sucht sie etwas Schönes und findet ihn."

Salome, Premiere am Donnerstag, 27. Juni, 19 Uhr, Nationaltheater