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Fertighäuser aus Pappe:Der Papier-Überflieger

Revolution aus Pappe: Wie der Unternehmer Gerd Niemöller mit seinen patentierten Fertighäusern weltweit Probleme lösen will.

Papier hatte in der Baubranche bislang eher etwas Beleidigendes. Ist ein Gebäude statisch fragwürdig, dann warnen Experten gern, dass es einstürzen könnte wie ein Kartenhaus. Und wer sich über hellhörige Wände ärgert, klagt schnell, sie seien papierdünn. Doch wenn Gerd Niemöller Recht hat, gehören solche Vergleiche bald der Vergangenheit an.

Ingenieur Gerd Niemöller vor seinem Modellhaus. Es ist zu 100 Prozent recycelfähig und soll 50 Jahre Lebensdauer haben.

(Foto: Foto: The Wall AG)

Denn in der Welt, die der Bauingenieur in einem schmucklosen Backsteinkomplex im Kieler Vorort Altenholz für die Menschheit plant, ist alles aus Papier - vom Auto bis zum Wolkenkratzer.

Peter Niemöller ist ein großer Mann mit festem Händedruck, der Termine in Jeans und himmelblauem Sommerhemd absolviert und die Treppe zu seinem Besprechungszimmer fast im Laufschritt nimmt. Unter dem Arm trägt der 58-Jährige ein Bauteil. Ein leichtes Paneel aus Presspapier, das er zur Demonstration auf den Boden des Büros legt, wobei er die eine Seite auf einen Ziegelstein lehnt - wie eine schiefe Ebene. "Draufspringen!", befiehlt er. Und: "Fester, nur Mut!"

Durchhaltevermögen ist gefragt

Niemöller hat auffallend gute Laune, was auch daran liegen mag, dass am Vortag die Belastungstests abgeschlossen wurden. Die Ergebnisse, so erzählt er, hätten alle Erwartungen übertroffen. "Raten Sie, was ein Quadratmeter dieses Papierpaneels aushält", fordert er.

Nur um die Auflösung selbst herauszuschmettern: Mehr als 440 Tonnen! Natürlich sei es auch feuerfest, Brandschutzklasse B1 - Kategorie schwer entflammbar. Und resistent gegen Wind, Regen und Erdbeben. "Dieses Bauteil", so schließt Niemöller seine kleine Demonstration über das Durchhaltevermögen von Papier ab, "können Sie in kochendes Wasser legen, und es passiert - nichts."

Ihre Stabilität verdankt Niemöllers Pappe einem Herstellungsverfahren, das der Bauingenieur sich gerade patentieren ließ. Dabei wird in Kunstharz getränkte Zellulose unter extrem hohem Druck und einer Temperatur von 160 Grad Celsius zu besonders belastungsfähigen Paneelen gepresst. Die Bauteile erinnern entfernt an Pappkarton, weil sie aus einem Netz aus 0,4 Millimeter dünnen Waben mit zwei Deckplatten bestehen.

Zusammengesteckt wie Lego

Die Paneele werden einfach zum Haus zusammengesteckt, "wie Lego", erklärt der 58-Jährige. "Morgens unterschreiben Sie, und mittags ziehen Sie ein." Diese Schnelligkeit allein, so muss auch Niemöller zugeben, ist aber in der Fertigbaubranche nichts Besonderes.

Ernsthafte Aufmerksamkeit erregte der Bauingenieur erst durch eine andere Ankündigung: Mit dem neuen Material, so ist er überzeugt, lassen sich unzählige Probleme der Dritten Welt lösen.