Fassaden:Grüner geht immer

Bepflanzte Häuser binden Feinstaub und verbessern das Stadtklima. Doch es gibt zu wenige davon. Eine Tour durch München stellt Hauseigentümer vor, die sich an das Experiment gewagt haben.

Von Ingrid Weidner

Das Rosenspalier am Haus von Familie Zimmermann im Münchner Süden wirkt genauso edel wie die Pflanzen, die sich daran festhalten. Gestaltet hat es der Architekt Werner Wirsing vor 30 Jahren - vermutlich ist es das einzige Spalier, das einer der wichtigen Architekten der Nachkriegsmoderne geplant hat. Bekannter sind sicher die von Wirsing entworfenen Bungalows des Olympischen Dorfes. Um eine Fassade zu bepflanzen, braucht es aber nicht unbedingt einen renommierten Architekten. Das hat in diesem Herbst eine Bustour durch München gezeigt, die Green City organisiert hatte. Der Verein wollte nicht nur gelungene Beispiele zeigen, sondern auch mit manchen Vorurteilen aufräumen.

Alexandra Schmidt und Wolfgang Heidenreich kennen die meisten begrünten Immobilien der Stadt. Es sind zu wenige, wie sie meinen. Ändern will das unter anderem das vor zwei Jahren eröffnete "Begrünungsbüro" von Green City, in dem die beiden Landschaftsarchitekten Immobilieneigentümer in allen Fragen der Dach- und Fassadenbegrünung kostenlos beraten. Gefördert wird das Beratungsangebot auch vom städtischen Referat für Gesundheit und Umwelt der Stadt München.

Mit Kletterpflanzen lassen sich Heizkosten sparen, besonders mit Efeu

Die Begrünung von Fassaden und Dächern sei eine einfache und kostengünstige Variante, mehr Grün in die Stadt zu bringen, sagt Schmidt. Gerade in einer dicht bebauten Stadt wie München, in der die Feinstaubbelastung besonders hoch ist, können sich die Pflanzen positiv auf das Stadtklima auswirken. Im Sommer haben die Pflanzen einen kühlenden Effekt, im Winter dienen sie als Wärmeschutz. Mit Kletterpflanzen lassen sich so auch Heizkosten sparen. Besonders Efeu, der im Winter nicht seine Blätter abwirft, ist ein natürlicher Wärmeschutz.

Während der Bustour erklärt Schmidt die Eigenschaften der am häufigsten verwendeten Kletterpflanzen, neben Efeu zum Beispiel wilder Wein, gibt Tipps zur Pflege ("alle zwei Jahre nachschneiden") und beantwortet Fragen. Ziemlich schnell will jemand wissen, ob sich denn "Ungeziefer" in der begrünten Fassade ansammelt. Alexandra Schmidt atmet einmal tief durch, rollt nur in Gedanken mit den Augen und erklärt sachlich, dass Käfer, Insekten oder Spinnen nützliche Kleintiere seien - und ja, natürlich tummelten sich diese Lebewesen in begrünten Fassaden.

Fassaden: Schmuck und Klimaanlage zugleich: Hausfassaden in einem Hinterhof an der Münchner Kaiserstraße.

Schmuck und Klimaanlage zugleich: Hausfassaden in einem Hinterhof an der Münchner Kaiserstraße.

(Foto: Robert Haas)

Alle Hauseigentümer und Mieter, die ihre Immobilien präsentieren, fragt Schmidt nach den Spinnen und Insekten. Manche erzählen dann, dass sie sich über die dort nistenden und singenden Vogel freuen, die sich von den Kleintieren ernähren. Eine ältere Dame wirft Alexandra Schmidt einen fragenden Blick zu und schiebt ein "Darf ich das sagen?" nach. Die Landschaftsarchitektin nickt, und so erzählt die dezent geschminkte Frau, dass kleine Spinnen bei schlechtem Wetter häufig ins wärmere Haus umziehen und bei schönem Wetter wieder nach draußen wandern.

Auch die Befürchtung, dass die Kletterpflanzen das Mauerwerk beschädigen, lässt sich entkräften. Gut planen, sich vorab informieren, welche Pflanzen sich eignen und welche Rankhilfen sie benötigen - das bewahrt vor schlechten Erfahrungen, so der Tipp der Landschaftsarchitekten. Dass eine begrünte Fassade Arbeit macht, verschweigen die Berater keineswegs. Die meisten Pflanzen müssen schließlich alle zwei Jahre zurückgeschnitten werden, manche der stark wachsenden auch häufiger, damit sie nicht unters Dach klettern oder in Rollokästen vordringen. Außerdem empfiehlt Schmidt, eine Begrünung gemeinsam mit Experten zu planen. Die Stadt München fördert die Fassaden- und Dachbegrünung und unterstützt Hauseigentümer finanziell.

Da viele Mietshäuser in der Innenstadt kein Abstandsgrün haben, sondern direkt an den Bürgersteig anschließen, benötigen Immobilieneigentümer eine Genehmigung von der Stadt. "Der Gehsteig muss mindestens noch 1,60 Meter breit sein", sagt Heidenreich vom Begrünungsbüro. Auch für denkmalgeschützte Häuser braucht es eine Genehmigung. Doch das lasse sich alles lösen, wie Heidenreich beteuert. Besonders, wer seine Fassade energetisch ertüchtigt hat, sollte sich gut beraten lassen. Am einfachsten ist es, wenn Begrünung und Wärmeschutz zusammen geplant werden, rät Schmidt, denn selbstrankende Pflanzen wie Efeu oder wilder Wein, die ohne Befestigung an Wänden emporwachsen, können auf mit Dämmplatten beklebten Wänden nicht selbständig ranken.

Ratgeber

Green City hat einen "Praxisratgeber Gebäudebegrünung" herausgegeben, in dem Immobilieneigentümer viele Fotos von gelungenen Beispielen und die wichtigsten Hinweise zu Bepflanzung und Pflege finden. Die Broschüre kann heruntergeladen werden unter www.greencity.de/projekt/begruenungsbuero/. Dort finden Interessierte auch die Kontaktdaten des Begrünungsbüros sowie Ansprechpartner, um einen kostenlosen Beratungstermin zu vereinbaren.

Ingrid Weidner

Doch die ausgewählten Häuser auf der Tour zeigen, wie sich Probleme lösen lassen. Am Haus von Familie Zimmermann wird deutlich, wie unterschiedliche Gewächse einem eher unscheinbaren Wohnhaus einen ganz besonderen Charakter geben können. Neben Rosen ranken an den Hauswänden Efeu, wilder Wein, Winterjasmin, eine mächtige Glyzinie, Hopfen sowie Kletterhortensien. Die Pflanzen pflegt der Hausherr und pensionierte Maler Wilhelm Zimmermann gemeinsam mit seinem Bruder, der ebenfalls im Haus lebt. Der Hopfen kann an Metallseilen wachsen, Efeu und wilder Wein suchen sich ihren Weg, und die Glyzinie rankt sich am Metallgitter des Balkons an der Gartenseite entlang. Noch schneidet Zimmermann die Pflanzen selbst. "Bis ich 80 bin, möchte ich noch selbst auf die Leiter klettern", sagt der schlanke Mann, dessen Alter sich nur schwer schätzen lässt.

Um die praktischen Vorteile einer begrünten Fassade zu zeigen, holt Wolfgang Heidenreich seine Wärmebildkamera heraus. An allen besichtigten Objekten zeigt sich derselbe Effekt - die bepflanzten Fassaden geben weniger Energie nach außen ab als die nicht begrünten Nachbarhäuser. Eine Eigentümerin erzählt, dass sie in ihrem frei stehenden, ganz mit Efeu und wildem Wein eingewachsenen Haus deutlich weniger Heizkosten zahle als Nachbarn ohne grünen Wärmeschutz. Dieser Effekt zeigt sich auch an einem Reihenmittelhaus in Laim. Dort schneidet der Eigentümer den Efeu so, dass eine 50 Zentimeter dicke Schutzschicht bleibt. Während bei einigen Nachbarhäusern Spechte immer wieder Löcher in die Styroporverkleidung picken, profitiert sein Haus vom Efeu.

Wilhelm Zimmermann nennt noch einen anderen Grund, weshalb er auf das Fassadengrün auf keine Fall verzichten möchte: "Es ist schön, in so einem Haus zu leben. Wenn ich im Sommer das Fenster öffne, genieße ich den Duft der Rosen."

© SZ vom 28.10.2016
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