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Fachwerkhäuser:Einkaufsbummel in historischen Höfen

19 deutsche Städte entwickeln im Verbund neue Konzepte für die Nutzung ihrer Fachwerkbauten.

Immer weniger Menschen wollen in historischen Fachwerkhäusern wohnen, weil die Räume klein und niedrig sind, nur wenig Licht einfällt, es weder Garten noch Balkon gibt, der Standard der Einrichtung oft zu wünschen übrig lässt und hohe Energiekosten wegen schlechter Dämmung die Miete in die Höhe treiben. Bis zu 30 Prozent der Fachwerkhäuser stehen leer und drohen zu verfallen.

Bis zu 30 Prozent der Fachwerkhäuser stehen leer und drohen zu verfallen. Das soll sich ändern.

(Foto: Foto: dpa)

Was tun? Darauf suchen 19 Fachwerkstädte aus Hessen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen Antworten. Sie sind Teilnehmer der Fachwerk-Triennale, die die Arbeitsgemeinschaft Historische Fachwerkstädte mit Sitz in Fulda veranstaltet. Im Jahr 2012 soll dann überprüft werden, inwieweit die in den einzelnen Städten entwickelten Ideen wirklich weiterhelfen.

Zusammenlegen und abreißen

Im niedersächsischen Celle gibt es 1400 Wohnungen in Fachwerkhäusern. In den Wohnungen leben nur noch 1100, meist ältere Menschen. Studenten aus Hildesheim haben sich vor kurzem bei einem einwöchigen Workshop Gedanken gemacht, wie man Menschen aus ihrem Einfamilienhaus mit Garten am Stadtrand als Bewohner in die Altstadt zieht. Mehrere Hinterhöfe zusammenlegen, nicht mehr benötigte Gebäude abreißen, kleine Wege zwischen den Fachwerkhäusern anlegen, damit Bewohner schnell zu einem geplanten Parkplatz in der Nähe gelangen können - das sind einige der Ideen der künftigen Architekten und Denkmalschützer.

"Mit der Vergrößerung der Innenhöfe schafft man einen Treffpunkt und fördert die Nachbarschaft. In den Hinterhöfen herrscht eine absolute Ruhe, obwohl man mitten in der Stadt wohnt. Diese Idylle gilt es zu nutzen", sagt Bernd Sammann, Professor für Architektur an der FH Hildesheim/Holzminden/Göttingen. Die Wohnungen selbst könnten ohne Probleme zum Beispiel durch Zusammenlegung von Räumen und Wärmedämmung auf einen modernen Standard gebracht werden.

Circa ein Viertel der insgesamt 2,4 Millionen Fachwerkhäuser in Deutschland stehen nach Angaben von Manfred Gerner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Historische Fachwerkstädte, unter Denkmalschutz. Teilweise ist die Bausubstanz nach langem Leerstand so schlecht, dass nur noch der Abriss bleibt.

In Mühlhausen in Thüringen versucht man aus der Not eine Tugend zu machen. Wie in vielen ostdeutschen Städten ist die Abwanderung und Überalterung der Bevölkerung groß. Unter dem Motto "Genial Zentral" wird derzeit die Neubebauung der historischen Innenstadt geplant - in den zahlreichen Baulücken, die durch Abriss entstanden sind. Dabei werden die Grundstücke vergrößert, um junge Familien in die Altstadt zu locken.

Das oberhessische Alsfeld wurde 1975 vom Europarat als "Europäische Modellstadt für Denkmalschutz" ausgezeichnet. Aus heutiger Sicht ein zweifelhafter Titel, denn bei der damaligen Sanierung wurden viele Fachwerkhäuser wegen handwerklicher Mängel zerstört. In dem Band "Fachwerksünden" hat Gerner typische Sanierungsfehler aufgelistet.

Dazu gehören unter anderem das Verfliesen von Fachwerk-Außenwänden, das Schließen von Holzrissen mit dauerelastischen Materialien oder das Anbringen von stark wärmedämmenden Baustoffen auf der Innenseite von Fachwerk-Außenwänden - die Folge sind häufig nicht mehr zu behebende Fäulnisschäden. Heute wird stärker auf die Fortbildung der Fachleute und auf die Auswahl der Materialien geachtet. "Alte Eichenbalken mit einem großen Querschnitt suche ich in ganz Europa", sagt der Alsfelder Zimmermann Roland Fratzsche, nach dessen Erfahrung für die komplette Sanierung eines 330 Jahre alten Fachwerkhauses mehrere Jahre vergehen können.

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