EZB: Trichet und Weber:Ein schwieriges Verhältnis

Lange galten Bundesbankchef Axel Weber und EZB-Präsident Jean-Claude Trichet als Team. Doch jetzt ist das anders - vor allem in der öffentlichen Wahrnehmung.

Helga Einecke

Im 36. Stock des Frankfurter Eurotowers gibt es an diesem Donnerstag vieles zu besprechen. Hier trifft sich der Rat der Europäischen Zentralbank, die 16 Notenbankchefs der Euro-Länder und sechs Direktoriumsmitglieder. Es wird - wieder einmal - um Währungen, Banken und Staatsfinanzen gehen.

Bundesbank feiert 50-jähriges Bestehen

Jean-Claude Trichet, Angela Merkel und Axel Weber.

(Foto: ag.dpa)

Der Konferenztisch, an dem sich die Runde regelmäßig trifft, ist kreisförmig - das soll Geschlossenheit demonstrieren. Doch zuletzt wirkte die Runde alles andere als geschlossen.

Ausgerechnet jetzt, mitten in der Euro-Krise, oder vielmehr gerade deswegen. Wird es diesmal anders sein? Vor allem der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, 67, konnte zuletzt kaum verbergen, wie sehr ihn die Querschüsse von Bundesbankpräsident Axel Weber, 53, ärgern.

Gegen den Chef gestimmt

Weber hatte am 9. Mai im EZB-Rat nicht nur gegen den Kauf von Staatsanleihen gestimmt, er machte seine Position auch umgehend öffentlich, mehrfach. Wohlmeinende halten ihn für einen Überzeugungstäter. Preisstabilität gehe Weber über alles, die EZB dürfe sich auch bei einer Euro-Rettungsaktion nicht von der Politik einbinden lassen, sagen jene, die ihn unterstützen. "Weber folgte seinem Gewissen" - und er beuge damit unsittlichen Anträgen von Politikern für Zeiten vor, in denen höhere Leitzinsen anstünden.

"Der hatte Angst, dass er in Deutschland schlecht dasteht", behaupten andere. Weber nehme sich selbst und die Bundesbank wichtiger als die EZB und das unbequeme Verkaufen einer Mehrheitsentscheidung. Eine politische Anlehnung an Bundeskanzlerin Angela Merkel wird ihm unterstellt, die sich im Ringen um Reformen der Währungsunion auch nicht umbiegen lasse.

Tatsächlich diskutierte Weber seinen Widerstand mit dem Bundesbank-Vorstand, der ihm den Rücken stärkte. Sorgen über die weitere Karriere von Weber macht man sich dort nicht. Er gilt als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Trichet, dessen Vertrag im Herbst 2011 endet. Nach dem Motto "Tue allen gut und keinem weh" könne man sich nicht für eine solche Position bewerben, argumentieren die Ratgeber. Es sei eher eine gute Gelegenheit gewesen, Webers stabilitätspolitisches Profil zu schärfen.

Diplomatie gehörte noch nie zu den Stärken des potentiellen Trichet-Nachfolgers. Weber eckte schon so manches Mal mit impulsiven Aktionen an. Gleich nach dem Wechsel der Bundesregierung reklamierte er umgehend die Finanzaufsicht, duldete keinerlei politische Einmischung, um seine Unabhängigkeit zu wahren. Inzwischen liegt das Projekt auf Eis. Er versuchte, seinen unbequemen Bundesbank-Kollegen Thilo Sarrazin loszuwerden, konnte aber nur dessen teilweise Entmachtung durchsetzen.

Worte und Taten des früheren Ökonomieprofessors Weber werden mehr mit seinem möglichen Aufstieg in Verbindung gebracht, als ihm selbst lieb ist, auch im Kreis des EZB-Rats. Kann er dieses Gremium moderieren, in dem jeder hinter geschlossenen Türen seine Meinung sagt, kann er Abweichler überzeugen, möglichst alle auf eine Linie bringen? Dieses Moderieren ist seit mehr als sechs Jahren der Job von Jean-Claude Trichet, und er hat ihn bisher mit großer Leidenschaft erfüllt. "Ich bin oft mit einer Meinung hineingegangen und mit einer anderen herausgekommen", beschreibt ein Ratsmitglied den Nutzen der Diskussionsrunden.

"Eine Währung , eine EZB"

Trichet war stolz auf den europäischen Geist, der in diesem Gremium herrschte. Einmütig hätte man entschieden, pflegte er zu betonen. Die Ratsmitglieder hatten so lange geredet, bis jeder nickte, sie hatten sich zusammengerauft. Die Protokolle aller Sitzungen bleiben unter Verschluss, kein Notenbankpräsident soll im eigenen Land für seine Meinung bestraft werden. Natürlich hat der germanische Alleingang den gallischen EZB-Präsidenten geärgert, er drückte es freilich auf seine Art aus: "Es gibt nur eine Währung, eine EZB, einen EZB-Rat, eine Entscheidung und eine Erklärung, und die gebe ich", tadelte er den Abtrünnigen anonym.

Die Einmischung des amerikanischen Nobelpreisträgers Paul Krugman schweißt die Europäer eher zusammen. Krugman hatte gesagt, Weber suche Inflation, wo es keine gebe, er sei ein Desaster und Risiko für den Euro. Umgehend befleißigten sich zwei deutsche Wissenschaftler, Weber zu rühmen. Eine solche Parteinahme wäre Weber selbst während seiner langen Zeit als Wissenschaftler nie eingefallen. Er hatte sich stets Sachthemen verschrieben, diese aber ohne Rücksicht auf Verluste verteidigt.

"Natürlich reden Trichet und Weber miteinander", bemüht man sich bei der EZB das gegenseitige Missvergnügen kleinzureden. Die beiden kommen auch kaum aneinander vorbei. Sie sehen sich im Eurotower, bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, in diversen internationalen Gremien. Sie eint das Ziel eines stabilen Euro, aber ihre Wege dorthin haben sich, vielleicht nur vorübergehend, getrennt. Der aktuelle "Monsieur Euro" will Staatsräson mit stabilen Preisen versöhnen. Er hält das Projekt Währungsunion für so wichtig, dass ihm viele Mittel recht sind, Hauptsache man geht sie gemeinsam an. Dem Vorwurf, er habe sich von seinem Landsmann Nicolas Sarkozy einwickeln lassen, begegnet er mit einem Kopfschütteln und sichtlicher Empörung.

Solche Vorwürfe stammen nicht vom ambitionierten Bundesbankchef Weber, das wäre nicht sein Stil. Er ist von Haus aus Wissenschaftler, Dozent, hat Geschmack an Politik-Beratung gefunden. Ihm blieben bis vor sechs Jahren die Mühlen staatlicher Verwaltungsjobs erspart, ebenso wie nächtelange Vertragsverhandlungen. Die Schlagzeile "Allein gegen die Inflation" schmeichelte ihm ebenso wie eine Charakterisierung als leise, fähig und machtbewusst. Er schüttelt den Kopf über Vorwürfe, die Deutschen würden den Euro kaputt sparen. Harmonie kann er sich im Moment nicht leisten.

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