EZB-Experte David Marsh "Merkel schießt über das Ziel hinaus"

Kanzlerin Merkel bricht ein Tabu - sie geißelt die Notenbanken. Publizist David Marsh über ihr Kalkül und ihre Fehler.

Interview: Hans von der Hagen

Das hat es in dieser Form noch nicht gegeben: Kanzlerin Merkel attackiert die Politik der Zentralbanken. "Mit großer Skepsis" beobachte sie die Vollmachten der US-Notenbank Fed und auch die EZB habe sich dem internationalen Druck gebeugt. Die Notenbanken müssten wieder Vernunft zeigen und unabhängiger werden, mahnte sie. "Ansonsten stehen wir in zehn Jahren wieder genau an diesem Punkt." Fed-Chef Ben Bernanke wies die Kritik Merkels bereits zurück und EZB-Präsident Jean-Claude Trichet pochte im Telefonat mit der Kanzlerin auf Unabhängigkeit. Doch warum hatte sie sich zu diesen Äußerungen hinreißen lassen? David Marsh, Chef der Investmentbank London and Oxford Group und Zentralbank-Experte, erläutert die möglichen Gründe. Marsh hat zuletzt das Buch: "Der Euro - die geheime Geschichte der neuen Weltwährung" veröffentlicht.

Merkel: "Das war schon ein mächtiger Schuss vor den Bug - das bekommen auch die Notenbanker mit."

(Foto: Fotomontage: sueddeutsche.de)

sueddeutsche.de: Die Chefin der Bundesregierung stellt die Notenbanken an den Pranger. Was macht Angela Merkel so nervös?

David Marsh: Es muss tief in ihrer Psyche verborgen sein, denn zurzeit besteht keine Gefahr, dass die Inflation außer Kontrolle gerät. Die Notenbanken stehen nicht unter Zeitdruck. Ich bin verblüfft über ihr Vorgehen.

sueddeutsche.de: Kann Merkel mit dem spröden Thema Geldpolitik im Wahlkampf punkten?

Marsh: Was sie da von sich gegeben hat, war starker Tobak. Zweifellos unterstützt sie damit die konservativen Kräfte in der Notenbank. Daher nehme ich an, dass sie mit ihrer Kritik offene Türen beim deutschen Publikum einrennt. Die Deutschen fürchten bekanntlich die Inflation. Das ist Folge einer fast schon folkloristischen Erinnerung an die große Geldentwertung in den zwanziger Jahren. Die Amerikaner fürchten indes die Depression - dahinter steckt die Erinnerung an die dreißiger Jahre. Diese Ängste begründen die unterschiedlichen Notenbank-Philosophien. Merkel weiß, was die Deutschen hören wollen.

sueddeutsche.de: Am heutigen Donnerstag hat die Notenbank getagt. Formal ist sie unabhängig von der Regierung. Wird Merkels Kritik dennoch vernommen?

Marsh: Mit Sicherheit: Man hört hin und nimmt es auf. Es war schon ein mächtiger Schuss vor den Bug - das bekommen auch die Notenbanker mit. Die verstehen, dass aus Merkels Sicht die unkonventionellen Maßnahmen nicht erwünscht sind und das Aufkaufprogramm für die Pfandbriefe nicht über die ursprünglich geplanten 60 Milliarden Euro hinausgehen sollte.

sueddeutsche.de: Merkel hat mit ihrer öffentlichen Kritik ein Tabu gebrochen. Müssen wir uns an einen neuen Stil im Umgang der Regierung mit der Notenbank gewöhnen?

Marsh: Schon möglich. Aber Merkels Vorgehen ist nicht korrekt. In aller Öffentlichkeit greift sie vor einer entscheidenden Sitzung in eine interne Debatte der EZB ein. Etwas blauäugig sagt sie, sie sei für den Erhalt der Unabhängigkeit der Notenbank - und tut damit einiges, um genau diese Unabhängigkeit zu unterminieren.

sueddeutsche.de: Fehlt Merkel ein Gesprächspartner? EZB-Chef Jean-Claude Trichet ist weit weg.

Marsh: Sicher. Trichet ist absolut unantastbar und Bundesbankpräsident Axel Weber ist im EZB-Rat nur eines von 22 Mitgliedern. Wer heutzutage Einfluss ausüben will, muss dies öffentlich tun. Es hat auch früher Kritik gegeben. Doch diese Dialoge wurden hinter verschlossenen Türen geführt. Nur selten sickerte davon etwas an die Öffentlichkeit. Es war der bessere Weg. Merkel schießt weit über das Ziel hinaus.

sueddeutsche.de: Sie unterstützt mit ihrer Kritik den Bundesbank-Chef Weber, der ebenfalls Zweifel an der unkonventionellen Vorgehensweise der EZB äußerte. Steckt dahinter die Furcht, dass die Bundesbank - immerhin die Blaupause für die EZB - ihren Einfluss verliert?

Marsh: Genau weiß man nicht, wie sich die Machtverhältnisse in dem obersten Notenbank-Gremium darstellen. Doch bei der EZB wird - anders als bei der US-Notenbank oder auch früher bei der Bundesbank - nicht formell über das geldpolitische Vorgehen abgestimmt. Die Entscheidungen fallen im Rahmen eines Konsensmodells. Trichet muss also der Runde entnehmen, wie die Meinungen sind. Es besteht keine direkte Gefahr, dass eine Ländergruppe die andere niederstimmt. Merkel kann aber durchaus befürchten, dass die deutsche Position geschwächt wird. Auch dann hätte sie den falschen Weg gewählt: Es wäre besser, diese Sorge zu verstecken.

sueddeutsche.de: Zuletzt verglichen Ökonomen den EZB-Rat mit einem "Schlachtfeld". Von Konsens kann offenbar keine Rede sein. Weiß die EZB nicht, in welche Richtung sie gehen soll?

Marsh: Im EZB-Rat sind 16 Länder vertreten. Es wäre alarmierend, wenn es einen perfekten Konsens gäbe. Der Vertreter von Malta etwa vertritt ein offenes Land mit einer ganz anderen Geschichte und währungspolitischen Tradition als der Vertreter aus Deutschland. Natürlich sollten auch die Notenbanker der kleineren Länder zuerst an Europa denken und nicht nur an ihr Land. Ich bezweifle aber, dass das immer der Fall ist. Meinungsunterschiede sind zulässig und wie sie tatsächlich ausgetragen werden, erfahren wir nicht. Die Protokolle der Sitzungen bleiben 30 Jahre unter Verschluss.

sueddeutsche.de: Ist die EZB zuletzt angelsächischer geworden?

Marsh: Nein, die EZB will beispielsweise die Zinsen nicht so stark senken wie die amerikanische Fed es tut. Und sie will auch nur Pfandbriefe - also Papiere von Banken - und keine Regierungsanleihen kaufen. Das wäre bei derart vielen Mitgliedstaaten auch zu kompliziert: Sollen die Bonds der größten Staaten bevorzugt werden? Oder die der überschuldesten Länder? Zudem ist es gemäß den eigenen Statuten nicht zulässig, Regierungsanleihen zu erwerben. Insofern gehen die Europäer ihren eigenen Weg.

sueddeutsche.de: Ist die EZB angesichts der schweren Krise zu schwach?

Marsh: Sie wartet ab, wie sich die jetzt vorgestellten Maßnahmen auswirken und wird nach der Sommerpause entscheiden, ob sie noch mehr tun muss. Trichet setzt darauf, dass sich die Konjunktur zu erholen beginnt. Die Frankfurter machen es ganz richtig. Sie wären gut beraten, in den nächsten Monaten einem einfachen Rezept zu folgen: Viel sagen - und wenig tun.