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Ex-HRE-Chef Georg Funke:Ich war's nicht

Vor zweieinhalb Jahren ging die Hypo Real Estate pleite. Ihr Ex-Chef Georg Funke wurde bekannt, weil er sich dennoch Millionen auszahlen lassen wollte. Nun kämpft er um sein Geld, seinen Ruf und seine Ehre - und sieht sich als Opfer.

Klaus Ott

Er war einmal das "Gesicht der Krise". Er wurde von der Boulevardpresse als "Gier-Banker" und "Gier-Bankster" gescholten, einer, der leichtfertig mit Milliarden Euro und Dollar hantierte. Er war derjenige, der seine Luxusvilla in München-Bogenhausen beziehen wollte - doch dann brach die Finanzkrise aus, und es wurde nichts aus dem Umzug. Das war im Herbst 2008. Die Menschen fürchteten um ihr Geld und schimpften über den Größenwahn führender Finanzmanager; sie schimpften auf Leute wie Georg Funke.

Funke kämpft vor Gericht um Millionen

Der damalige Vorstandsvorsitzende des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate, Georg Funke, vor Beginn der Bilanzpressekonferenz 2008.

(Foto: dpa)

Inzwischen ist es, zweieinhalb Jahre später, ruhig geworden um den gescheiterten Chef der Münchner Bank Hypo Real Estate (HRE), die den Staat schon horrende Beträge gekostet hat und noch kosten wird. Funke hat sich unsichtbar gemacht: Keine Interviews, keinen öffentlichen Auftritt, nur nicht provozieren, lautet die Devise des Mannes aus Westfalen, der in München erst Karriere gemacht hat und anschließend tief gefallen ist. Zum letzten Mal wurde sein Name groß genannt, als Funke im Februar 2009 Klagen gegen seinen alten Arbeitgeber geltend machte, er fordert 3,5 Millionen Euro ausstehender Gehaltszahlungen und seine jährliche Pension.

Georg Funke weiß: Das, was er zu sagen hat, würde viele Leute aufregen und erneut über ihn schimpfen lassen. Er fühlt sich als jemand, der "gekreuzigt" worden sei, der zu Unrecht an den Pranger gestellt werde - das hat er der Münchner Staatsanwaltschaft erzählt, die gegen ihn ermittelt.

Funke als Opfer der Politik, der Finanzaufsicht, der Deutschen Bank und anderer, die ihm Böses wollten, so sieht seine Sicht aus. Und so ist sie festgehalten in bislang der Öffentlichkeit unbekannten Ermittlungsakten, die ungewöhnliche Einblicke geben in das Wirken und Denken des Ex-HRE-Chefs.

Seit seinem Rauswurf bei der HRE lebt er vom Ersparten

Andere Großbanken hätten sich auf seine Kosten gesundgestoßen, er aber habe vernichtet werden sollen, glaubt der 56-Jährige, den langjährige Vertraute als "typischen Westfalen" beschreiben, als einen, der nur Schwarz und Weiß kenne, nur Gut und Böse und nichts dazwischen. Funkes Sicht ist etwas eigenwillig. Die Untersuchungsakten enthalten vieles, das ihn schwer belastet. Er soll alle Warnungen vor einem waghalsigen Expansionskurs, der die HRE zum Großkreditgeber von Städten und Staaten machte, in den Wind geschlagen haben.

Der frühere Bankchef (2003 bis 2008), der nach seinem fristlosen Rauswurf bei der HRE vom Ersparten lebt, wohnt unauffällig in einem Münchner Vorort. Dort wartet er darauf, wie das Desaster der HRE für ihn persönlich endet. Die Münchner Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, vorsätzlich unverantwortliche Risiken eingegangen zu sein und so die Existenz der ganzen Bank gefährdet zu haben. Juristisch heißt das: Veruntreuung des anvertrauten Firmenvermögens. Funke weist das zurück - aber er muss damit rechnen, dass er vor Gericht kommt. Es wäre ein Musterprozess darüber, wie weit Bankvorstände bei ihren Geschäften gehen dürfen und wann Schluss sein muss mit dem Ehrgeiz, noch größer und erfolgreicher und profitabler zu werden. Die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang der HRE würde noch einmal aufgerollt werden. Die Protagonisten der Krise würden sich gegenüberstehen: Hier Funke und vielleicht noch einige frühere Kollegen als Angeklagte - dort der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück, Bankenaufseher Jochen Sanio, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und andere prominente Zeugen.

Seine Sicht hat Funke bei der Staatsanwaltschaft mehrere Tage lang zu Protokoll gegeben. Was ihn bis heute umtreibt, das sind die Ereignisse zwischen dem 26. und 28. September 2008. Es geht um jenes Wochenende, an dem die HRE vom Staat und von der Finanzbranche mit Bürgschaften in Milliardenhöhe vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrt wurde. Es galt, nach der Pleite der US-Großbank Lehman Brothers und den anschließenden globalen Turbulenzen einen "Flächenbrand" in Deutschland zu verhindern, wie ihn alle fürchteten: Steinbrück, Sanio, Ackermann und andere. Diese drei und weitere Spitzenkräfte aus Politik und Geldbranche waren zugegen oder zugeschaltet bei der Krisenrunde Ende September 2008 in Frankfurt. Funke ist überzeugt, dort habe es einen bestimmten Plan gegeben: Den Plan, zum Schutze anderer Banken die HRE "auszusondern" und sie zum Anlass dafür zu nehmen, ein Regierungsprogramm zur staatlichen Stützung der Geldbranche auszuhandeln. Durch diesen Schachzug sei es damals gelungen, alles Schlechte auf eine einzige Bank zu konzentrieren.

Eine Verschwörungstheorie? Nicht für Funke. Er hat bei seiner Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft bitter darüber geklagt, er sei öffentlich "ans Kreuz genagelt" worden. Er habe mit seiner Familie Deutschland zeitweise verlassen müssen. Und die Deutsche Bank habe nicht einmal davor zurückgeschreckt, nach dem Rettungswochenende sofort sämtliche Privatkonten von ihm und seiner Frau zu kündigen, sagte Funke aus.

Die anderen sind also schuld. "Uns trifft die Finanzkrise nicht", hatte Funke im Amt monoton behauptet.

Nur einen Fehler gibt der schlaksige Mann aus dem Ruhrgebiet zu, der in Gelsenkirchen geboren wurde und sich früher mal um Sozialwohnungen in Essen gekümmert hat - er weiß, wo unten ist. Einen einzigen Fehler nur, den er bei der HRE vielleicht gemacht habe, als sich nach der Lehman-Pleite die Banken weltweit gegenseitig kaum noch Geld liehen und das in München ansässige Pfandbrief- und Hypothekeninstitut finanziell auszutrocknen drohte - das seien zu intensive Kontakte mit Europas größtem Geldinstitut gewesen.

Funke war am 23. September 2008 nach Frankfurt zur Deutschen Bank gereist und hatte bei Josef Ackermann um Hilfe gebeten. Drei Tage später folgte die offizielle Krisenrunde mit Bankenaufsicht, Großbanken und Politik. Vielleicht wäre es ja besser gewesen, still zu bleiben, so wie andere Banken auch, sagte der frühere HRE-Chef bei der Staatsanwaltschaft aus. Und zu versuchen, kurzfristig Geld aufzutreiben und sich so eine Zeit lang durchzuwurschteln, statt als erstes Institut "aus der Deckung zu gehen" und bei der Deutschen Bank wegen eines Notkredites in Höhe von 15 Milliarden Euro vorstellig zu werden. Funke unterstellt dem Deutschbanker Ackermann, der habe mit der HRE "die Probe aufs Exempel" machen wollen, wie es mit der Finanzbranche weitergehe. Und deshalb sei die Lage der Hypo Real Estate dramatisiert worden - absolut unnötig. Schließlich habe die HRE besser dagestanden als andere Großbanken in Deutschland.

Schon damals hatte Funke der Deutschen Bank alles Mögliche zugetraut, etwa die Übernahme der HRE. Das war den Vernehmungsprotokollen zufolge der erste Gedanke des Hypo-Chefs gewesen, als er Anfang Oktober 2008 ins Kanzleramt geladen wurde.

Eine Vertraute von ihm, die ebenfalls in die Regierungszentrale beordert worden war, hatte andere Ängste: dass Funke vor laufenden Fernsehkameras festgenommen werde. Weder das eine noch das andere geschah. Stattdessen eröffnete ihm Finanzminister Steinbrück, dass seine Zeit als HRE-Chef abgelaufen sei. Funke protestierte, aber es half nichts mehr. Er fuhr zurück in sein Berliner Hotel und rief von dort aus den HRE-Aufsichtsratsvorsitzenden Kurt Viermetz an. "Wir sind beide raus", sagte Funke zu dem damaligen Chefkontrolleur, einem erfahrenen Banker, der dann ebenfalls gehen musste. Auch bei der Deutschen Börse war Viermetz Aufsichtsratschef gewesen, auch diesen Job gab er auf.

HRE-Chefkontrolleur Viermetz hatte damals Finanzminister Steinbrück alarmiert, mit einem "streng vertraulichen" Brief, am selben Tag, als Funke bei Ackermann in Frankfurt war, am 23. September 2008. Kopien gingen an die Bankenaufsicht und den Bankenverband, sodass alle Bescheid wussten. Bescheid darüber, dass dem Aufsichtsratschef Viermetz eine Insolvenz der HRE möglich erschien; dass die Hypo dringend Geld brauche und die Zeit gegen das Münchner Institut laufe, so jedenfalls der Eindruck des Aufsehers. Und dass ein Zusammenbruch der HRE die gesamte Finanzbranche in Deutschland in Mitleidenschaft ziehen würde.

Was Viermetz da schrieb, widerspricht der Theorie von Funke, die HRE hätte sich nur ruhig verhalten müssen, statt um Hilfe zu bitten und wäre dann schon irgendwie zurechtgekommen. So, als wäre es auch ohne die mehr als 100 Milliarden Euro gegangen, die der Staat seit den stürmischen Herbsttagen 2008 für die HRE gezahlt oder gebürgt hat. Den Brief seines Aufsichtsratschefs hat Funke nach eigener Aussage zum ersten Mal bei seiner Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft gesehen, wie er dort erzählte. Wie kann das sein? Immerhin steht Funkes Name auf dem Verteiler des Brandbriefes. Er sei damals kaum mehr im Büro gewesen und habe vielleicht deshalb nichts von dem Schreiben mitbekommen, erklärte Funke den Ermittlern. Mit ihm sei der Vorstoß von Viermetz auch gar nicht abgesprochen gewesen.

In den Akten der Strafverfolger findet sich noch mehr, was nicht zur Opferrolle des Frühpensionärs wider Willen passt. Ein ehemaliger HRE-Direktor, der inzwischen bei einer anderen Großbank arbeitet, setzt Funke besonders heftig zu. Der ehemalige Direktor schilderte den Ermittlern, wie er den Vorstand wiederholt vergeblich gewarnt habe, dass an den Finanzmärkten ein Sturm aufziehe; dass es für die HRE eng werden könnte; dass das Münchner Institut besser nicht die irische Pfandbriefbank Depfa übernehmen solle; dass die Hypo Real Estate viel zu rasch expandiere und dies einfach ungesund sei. Der damalige Direktor will Funke sogar gesagt haben, man bekomme bei der HRE die Fundamente kaum trocken und der Vorstandschef baue darauf schon ein Hochhaus. Wäre dem wirklich so gewesen, dann hätte Funke womöglich unverantwortlich agiert. Darüber wird wohl die Justiz ihr Urteil fällen.

Die Münchner Staatsanwaltschaft hat vieles wissen wollen von dem prominenten Beschuldigten. So interessierte sie, warum Funke mit seiner Version nicht frühzeitig an die Öffentlichkeit gegangen sei. Beispielsweise im HRE-Untersuchungsausschuss des Bundestags, der auch Funke als Zeugen geladen hatte. Der langjährige Vorstandschef antwortete den Ermittlern, er wäre doch in den Medien "zerrissen" worden. Ob denn die Staatsanwaltschaft glaube, dass sich ein Journalist ernsthaft für seine Sicht der Dinge interessiere? Er gelte als gieriger Banker, der die Bürger für seine Rechnungen bezahlen lasse. Funkes Wahrheit aber sieht anders aus: Er habe jahrelang keinen Bonus bekommen. Und er habe aus seinem eigenen, bereits versteuerten Privatvermögen HRE-Aktien gekauft, um sein Vertrauen in die Bank und deren Geschäfte öffentlich zu demonstrieren.

Georg Funke kämpft, gegen seinen Rauswurf bei der HRE, um sein Gehalt und sein Ruhegeld, um seine Ehre. Er sieht sich als Opfer in einem Banken-Krimi, und nicht als Täter. Das waren andere, meint der Mann, der einmal das "Gesicht der Krise" war.

© SZ vom 25.05.2011/bbr

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