Ex-Fed-Chef Alan Greenspan Der Streit um die Sphinx

Alan Greenspan gilt als einer der Schuldigen an der Finanzkrise - jetzt verteidigt er seine Politik als Präsident der Notenbank. Aus der Rückschau wurden vermutlich sowohl seine Misserfolge als auch seine Erfolge überschätzt.

Von Nikolaus Piper

Vor zehn Jahren war Alan Greenspan sowas wie ein Heiliger. Eine Investmentfirma an der Wall Street hatte rund um das Foto Greenspans eine Art Altar errichtet, vor dem die Händler an guten Tagen den damaligen Chef der Notenbank Fed lobten und ihn an schlechten Tagen um Beistand anriefen.

Die Geschichte mit dem Altar ist zwar erlogen (der Journalist Stephen Glass hatte sie 1998 im US-Magazin The New Republic erfunden und wurde später wegen dieser und anderer Fälschungen entlassen), aber sie schien damals so plausibel, dass viele in New York sie glaubten.

Heute ist Greenspan der böse Bub. Der pensionierte Notenbanker gilt vielen als Mit-, wenn nicht sogar als Hauptschuldiger der globalen Finanzkrise.

Politik des leichten Geldes

"Greenspans Politik des leichten Geldes hat die Spekulationsblase ausgelöst, seine Reden haben den Leuten das Gefühl gegeben, dass nichts passieren kann", behauptet der Hedgefonds-Manager William Fleckenstein.

"Er lag falsch und die Öffentlichkeit zahlt den Preis dafür." Fleckenstein veröffentlichte im Januar eine Streitschrift unter dem Titel "Greenspans Spekulationsblasen - das Zeitalter der Ignoranz bei der Fed".

Von dem Buch sind bereits vier Auflagen erschienen. Fleckenstein mag ein Außenseiter sein, aber auch die Mehrheit der US-Ökonomen glaubt, dass Greenspan schwere Fehler beging. Jetzt hat sich der Maestro zu einer großen Rechtfertigung entschlossen.

Der inzwischen 82-Jährige, der wegen seiner Verschlossenheit früher "Sphinx" genannt wurde, gab dem Reporter Greg Ip vom Wall Street Journal drei Interviews, um sein Bild vor der Geschichte zurechtzurücken.

"Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich richtig liege"

"Ich wurde früher für Dinge gelobt, die ich nicht getan habe," sagt er. "Heute wirft man mir Dinge vor, die ich nicht getan habe." Keine Politik wäre in der Lage gewesen, die Spekulationsblase auf dem Immobilienmarkt zu verhindern. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich richtig liege." Wenn man ihm das Gegenteil beweise, werde er dies eingestehen. "Ich habe kein Interesse, falsche Ideen aufrechtzuerhalten."

Zwei Dinge werfen die Kritiker Greenspan heute vor: Erstens habe er den Leitzins 2003 und 2004 zu lange zu niedrig gelassen. Dadurch habe die Federal Reserve die Exzesse bei Hypothekenkrediten und schuldenfinanzierten Firmenkäufen erst möglich gemacht.

Selbst zwei Mitglieder der Notenbank - die Chefs der Landeszentralbanken von St. Louis und San Francisco, William Poole und Robert Parry, räumen ein, dass die Zinsen aus heutiger Sicht zu niedrig waren.

Zweitens habe die Fed die Aufsicht des Finanzsektors nicht ernst genug genommen. Besonders wird Greenspan vorgeworfen, dass er 2004 die Hypothekenkredite mit variablem Zins rechtfertigte.

Niedrige Anfangszinsen lockten Familien in Hausfinanzierungen

In Deutschland sind feste Zinsen üblich, die dem Kreditnehmer mehr Sicherheit gewähren. Die Kredite mit variablem Zins sind inzwischen berüchtigt, weil sie viele Familien mit niedrigen Anfangszinsen in Hausfinanzierungen lockte, die sie sich nicht leisten können.

Greenspan habe "Millionen und Abermillionen von Amerikanern in die Zwangsversteigerung geschickt", sagt etwa der Vorsitzende des Finanzausschusses im Senat, der Demokrat Chris Dodd.

Greenspan antwortet mit den Grundsätzen seiner Wirtschaftsphilosophie: Niemand könne die Zukunft voraussagen. Daher komme es auf den richtigen Prozess der Entscheidungsfindung an. "Oft sind die Dinge nicht so eingetreten, wie wir erwartet hatten: Aber das war das Ergebnis mangelhafter Voraussicht und nicht von falschen Entscheidungsprozessen."

Ungewöhnlich geringe Teuerungsrate

Seine Entscheidung, im Jahr 2003 trotz guter Konjunktur den Leitzins auf spektakulär niedrige 1,0 Prozent zu senken, begründet Greenspan mit der ungewöhnlich geringen Teuerungsraten.

Viele fürchteten seinerzeit eine regelrechte Deflation, also sinkende Preise. Mit Nachdruck wehrt sich Greenspan gegen eine schärfere Regulierung der Finanzmärkte. Er sei zwar entsetzt darüber, wie schlecht viele Investoren ihre Risiken eingeschätzt hätten. Aber dabei gehe es "um die menschliche Psychologie, nicht um Institutionen". Man solle die Selbstregulierung der Finanzmärkte nicht abschaffen, sondern in Ordnung bringen.

Und schließlich der zentrale Satz in Greenspans Verteidigung: "Es gibt keine Methode, vorauszusagen, wie sich innovative Märkte entwickeln. Alles was man tun kann, ist eine allgemeine Strategie einsetzen.

Zentrale Frage: Locker oder straff reguliert?

Dabei hat man die Wahl zwischen einer locker und einer straff regulierten Wirtschaft. Die eine ist wettbewerbsorientiert, innovativ und dynamisch, aber sie muss immer wieder schwere Krisen aushalten. Die andere ist stabiler, aber sie wächst langsamer."

Greenspan hat sein Amt an der Spitze der Fed bereits vor zwei Jahren verlassen, aber er bleibt ein Star. Seine Memoiren, im September erschienen, sind bisher eine Million mal verkauft worden. Sein neuestes Interview ist daher nicht nur eine Verteidigungsrede, er will auch die Politik zu beeinflussen.

Als Reaktion auf die Krise diskutieren Politiker in Washington eine radikale, vermutlich sehr scharfe Neuregulierung des Finanzsektors. Greenspan scheint gegenhalten zu wollen. Kaum vorstellbar allerdings, dass angesichts der Krise die Finanzmärkte so locker reguliert bleiben können, wie der Maestro sich dies vorstellt.

Teilweise Absolution erteilt

Aus der Rückschau wurden vermutlich sowohl Greenspans Misserfolge als auch seine Erfolge überschätzt. Robert Shiller, ein Yale-Ökonom, der die Krise früh kommen sah, erteilt der Notenbank teilweise Absolution: Sie könne Spekulationsblasen nicht verhindern. Umgekehrt räumte Greenspan in seinen Memoiren ein, dass es vor allem die Kräfte der Globalisierung waren, die zu seiner Zeit die Inflation in Schach hielten.