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Ex-BayernLB-Chef Schmidt:Einer packt aus

Werner Schmidt, der frühere Chef der BayernLB, hat lange geschwiegen. Nun sagt er, wie es zum Kauf der Hypo Alpe Adria kam. Es sind pikante Details.

Klaus Ott und Nicolas Richter

Werner Schmidt hat lange durchgehalten, hat beschwichtigt, beschönigt und kleingeredet. Doch bei seiner zweiten Vernehmung durch die Münchner Staatsanwaltschaft dämmert ihm, dass er nicht länger standhalten kann.

Schmidt, dpa

Mehr als sieben Jahre war Werner Schmidt Chef der Bayerischen Landesbank. Im Februar 2008, als die Milliardenverluste der Staatsbank bekanntwurden, trat er zurück.

(Foto: Foto: dpa)

Im Strafjustizzentrum an der Nymphenburger Straße haben sie ihm Wasser, Kaffee und belegte Semmeln hingestellt und Raucherpausen gewährt, aber die Vernehmung wird langsam ungemütlich. Zwei Staatsanwältinnen und ein Staatsanwalt halten ihm immer neue Beweise vor, die seine bisherigen Aussagen widerlegen. Schmidt nimmt zehn Minuten Auszeit. Er berät sich mit seinem Verteidiger, er weiß jetzt, dass es so nicht weitergeht.

Werner Schmidt war einst der Chef der Bayerischen Landesbank, und er hat ein Geschäft zu verantworten, das den Freistaat 3,7 Milliarden Euro gekostet hat. Im Jahr 2007 kaufte die Landesbank die Kärntner Hypo Alpe Adria, eine grandiose Fehlspekulation.

Kriminalstück zwischen Finanz und Politik

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn und viele andere, wegen Untreue und Korruption. Als Schmidt nun zur Vernehmung zurückkehrt, sagt er, dass die Geschichte anders war, als er bisher zugeben wollte. Er sei kein Mensch, sagt er, der andere mit hineinziehe. Aber jetzt macht er es doch. Nun also die Wahrheit, endlich.

Allmählich lichtet sich der Nebel in diesem Kriminalstück zwischen Finanz und Politik. Was die Ermittler gesammelt haben, was Schmidt nun eingestehen muss, es erklärt, wie sich eine solide Bank wie die BayernLB so dramatisch verrannte.

Sie ist nur deswegen nicht pleite, weil der Freistaat die Verluste übernommen hat. Muss die Politik wieder einmal helfen, weil Manager versagt haben? In diesem Fall stimmt das nicht ganz. Denn die Politik, das zeigen die Einlassungen etlicher Verdächtiger, sie hat diese Katastrophe mitverursacht. Jenseits der Nachlässigkeit und Eitelkeit der Manager war auch die Nachlässigkeit und Eitelkeit der CSU-Regierung Edmund Stoibers im Spiel. Und die maßlosen Ansprüche des verstorbenen Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider.

Seit wann der Verkauf geplant wurde

Schmidt hat lange so getan, als habe er sich den Kauf der Hypo Alpe Adria im Frühjahr 2007 in Ruhe überlegt, irgendwann nach Fasching. Jetzt hat er zugeben müssen, dass alles schon Monate vorher begonnen hat, am 14. Dezember 2006. Vor allem: Es ist damals eine Entscheidung im Affekt, in großer Bedrängnis; genau genommen: unter Schock.

Schwere Niederlage

Im Jahr 2006 soll die Bayerische Landesbank wachsen, nicht in Deutschland, sondern in der Welt. Die CSU-Regierung will es so. Internationale Erfolge müssen her; die Vertrauten des Ministerpräsidenten Edmund Stoiber haben nicht nur gelernt, die Worte "Global Player" auszusprechen, sie wollen auch welche sein. In Absprache mit Bayerns Finanzminister Kurt Faltlhauser hat Schmidt deshalb viel Geld geboten für eine Bank in Österreich, die Bawag. Am 14. Dezember 2006 allerdings erfährt er, dass nicht er die Bawag bekommt. Sondern der US-Finanzinvestor Cerberus.

Ein Schlag, der wehtut. Die Verantwortlichen bei der BayernLB fühlen sich wie nach einem verlorenen Fußballspiel. Schmidt soll an diesem Tag gesagt haben, es sei die schlimmste Niederlage seines Lebens. Er muss es Faltlhauser beichten. Der will von ihm wissen, wie so etwas passieren konnte. Nicht nur Schmidt hat verloren, sondern auch die Staatsregierung. Der Minister ist außer sich. Frühere Vorstandsmitglieder der BayernLB berichten, Faltlhauser habe ihnen damals sogar vorgeworfen: "Ihr seid zu blöd, eine Bank zu kaufen."

Da trifft es sich gut, dass sich noch am 14. Dezember 2006, dem Tag der Niederlage, zwei alte Bekannte bei Schmidt melden. Sie erzählen Schmidt, es sei ja schade, dass er leer ausgegangen sei. Und sie hätten für ihn auch gleich eine Alternative gehabt, sagt Schmidt aus: Die Kärntner Hypo Alpe Adria. Einer der beiden Herren ist Wolfgang Kulterer, der Aufsichtsratschef der Hypo Alpe Adria.

Ein damals schon belasteter Manager, der inzwischen wegen Bilanzfälschung verurteilt ist. Der andere ist Tilo Berlin, der mit Schmidt einst im Vorstand der Baden-Württemberger Landesbank saß und jetzt das Vermögen reicher Familien verwaltet. Ein gut aussehender, smarter Kerl. Schmidt berichtet der Staatsanwaltschaft, Berlin habe ihm damals am Telefon erzählt, er habe Anteile an der Hypo Alpe Adria und biete sie ihm zum Kauf an. Berlin soll zu Schmidt gesagt haben, es sei doch ein Glücksfall, dass die BayernLB die Bawag nicht bekommen habe.

Ein Glücksfall? Ja, und zwar, wie sich später herausstellen wird, vor allem für Berlin. Für Schmidt und die BayernLB wird es am Ende ein Desaster sein. Vermutlich hat Schmidt deswegen seine Kontakte zu Kulterer und Berlin immer heruntergespielt, anfangs sogar gegenüber der Staatsanwaltschaft. Erst in seiner jüngsten Vernehmung hat er offenbart, wie es wirklich gewesen sei.

Geheimverhandlungen in der Provinz

Nach den Anrufen der Herren Kulterer und Berlin, erzählt Schmidt der Staatsanwaltschaft, habe er dem Vorstand der BayernLB sogleich die Option Hypo Alpe Adria präsentiert. Alle seien dafür gewesen, sie zu prüfen. Und bereits am 17. Dezember 2006 will Schmidt auch die Landesregierung wieder adventlich gestimmt haben. Da feiert Schmidts Stellvertreter Rudolf Hanisch in der Landesbank seinen Geburtstag; er war lange ein Vertrauter Stoibers, weshalb Stoiber selbst zur Feier kommt und sogar, wie sich manche erinnern, eine spaßige Rede hält. Finanzminister Faltlhauser ist da, auch sämtliche Vorstände der Bank.

Beim Abendessen nimmt Schmidt Faltlhauser beiseite. Anderen Gästen fällt auf, wie die Männer sich im Abseits unterhalten, aber kaum jemand weiß, worüber. Schmidt erzählt dem Minister, so hat er es nun bei der Staatsanwaltschaft zu Protokoll gegeben, von einer zweiten Chance in Österreich: Vielleicht könne er die Kärntner Bank Hypo Alpe Adria kaufen. Falthauser soll geantwortet haben, Schmidt möge das prüfen. Immerhin, der Chef der BayernLB geht nun nicht als ratloser Verlierer in die Feiertage; er hat einen neuen Plan. Und der gefällt Faltlhauser angeblich. Der Ex-Minister hat bei einer Zeugenvernehmung entgegnet, der BayernLB-Chef habe ihn erst viel später über diese Option unterrichtet.

Die "Haider-Bank"

Schmidt jedenfalls muss Anfang 2007 nun mit zwei Verkäufern verhandeln, und jeder von ihnen wird an der Bayerischen Landesbank kräftig verdienen. Der eine ist Tilo Berlin, der inzwischen mit privaten Investoren Aktien der Hypo Alpe Adria hält. Und der andere ist Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider: Sein Bundesland ist Hauptaktionär der Bank, in München nennt man das Institut auch "Haider-Bank". Für Schmidt ist es von Anfang an kein leichter Weg zu den Geheimverhandlungen in der österreichischen Provinz. Mal ist der Flug "wacklig", wie er sagt, mal versagt auf den letzten Kilometern das Navi des Chauffeurs. Es geht durch Karnburg und Sagrad bis Pörtschach am Berg, dann, am Bildstock, links weiter Richtung Preilitz. Irgendwann erreicht Schmidt das Anwesen des Investors Tilo Berlin, und dort, im Speisezimmer, sitzt der Mann, auf den es ankommt in jenen ersten Monaten des Jahres 2007: Jörg Haider.

Haider hat Geldsorgen. Potenzielle Käufer oder Investoren für seine Hypo Alpe Adria fragt er in dieser Zeit ziemlich direkt: "Hobt's des Geld?". Da kommt Schmidt von der BayernLB gerade recht. Den Wählern könnte Haider jetzt erzählen, dass Kärnten reich wird, weil die Bayern kommen. Eine Kooperation mit den Münchnern ist ihm eh lieber als mit den arroganten Leuten in Wien, von denen er sich ständig gegängelt fühlt.

Irgendwann unterbricht Haider die Verhandlungen, er wünscht jetzt ein vertrauliches Gespräch mit Schmidt und bittet die anderen Anwesenden, sie in der Küche alleinzulassen. Tilo Berlin, der Hausherr, findet das ein bisschen komisch, dass er jetzt verschwinden soll. Im Zwiegespräch mit Schmidt stellt Haider dann plötzlich ganz neue Bedingungen: Der Fußballverein Austria Kärnten suche einen Sponsor, ebenso das Stadion in Klagenfurt.

Das wäre sehr wichtig. Der umtriebige Haider hat in der österreichischen Bundespolitik nichts mehr zu melden, aber wenigstens in der ersten Fußball-Liga soll sein Bundesland wieder mitmischen. Wem auch immer seine Bank demnächst gehört, sie soll dann jedenfalls zehn Millionen Euro zahlen für die Kicker aus Klagenfurt oder deren Stadion, das dann natürlich nicht mehr Stadion, sondern Arena heißen soll.

"In höchstem Maße dubios"

Schmidt findet die Forderung Haiders "ekelig". Es klingt ja auch stark nach Korruption, wenn man auf Verlangen eines Politikers Millionen an einen Fußballclub überweist, mit dem man gar nichts zu tun hat. Schmidt ist kein Blender wie Haider, keiner, der Kunden so lange beschwätzt, bis sie ihm etwas abkaufen. Schmidt ist auch keiner dieser Investmentbanker, die viel reden, Hosenträger und Gürtel tragen, aber keine Weste, und die schnelles Geld machen. Schmidt ist eher ein Mann der inneren Organisation. In der Welt der Bankiers, die in viele Familien unterteilt ist, gehört er zur Sparkassenfamilie, das sind eigentlich die ganz soliden. Und jetzt kommt der Haider mit seinem Provinzfußball und will Schmidt vorschreiben, wen er sponsert.

"Kröte schlucken"

Aber es gibt ja den großen Plan. Die BayernLB soll expandieren nach Osteuropa. Soll es nur deswegen scheitern, weil der Haider vom Wörthersee unverschämt ist? Haider ruft nun immer wieder in München an und besteht auf den Fußballsubventionen. Im Vorstand der BayernLB finden sie das unverschämt, aber sie wissen: Wenn sie die Hypo Alpe Adria haben wollen, müssen sie die "Kröte schlucken". Sie handeln ihn schließlich herunter, von zehn auf insgesamt fünf Millionen Euro. Die BayernLB will ihren Anteil nicht selber zahlen und delegiert die klebrige Angelegenheit an ihre Tochter DKB. Das wird allerdings nicht die einzige Kröte bleiben.

Denn es gibt ja noch einen weiteren Verkäufer in diesem Spiel, nämlich Tilo Berlin. Er hat 25 Prozent der HGAA-Aktien im Angebot. Schmidt hat bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt, schon am 14. Dezember 2006, am Tag der Bawag-Niederlage, habe ihm Berlin seine Anteile an der Hypo Alpe Adria angeboten. An diesem Tag hat Berlin diese Anteile aber noch gar nicht in seiner Hand. Er greift erst vier Tage später zu und bezahlt in drei Tranchen bis Mitte 2007. Falls das stimmt, hat Berlin ein Bombengeschäft gemacht, und zwar auf Kosten der BayernLB. Er hätte nämlich einen Käufer geworben, noch bevor er die Ware selbst gekauft hatte. Das Risiko wäre gering gewesen, und die Gewinnchance umso größer.

Lange Zeit haben das Schmidt, Berlin und Kulterer genau andersherum dargestellt, auch vor dem Untersuchungsausschuss im Kärntner Landtag. Die drei Manager haben dort behauptet, sie hätten erst viel später, irgendwann im Jahr 2007 über den Verkauf der Hypo Alpe Adria geredet. Schmidts neue Version erhärtet den Verdacht der Staatsanwaltschaft, wonach die BayernLB viel Geld gespart hätte, wenn sie die Kärntner Bank direkt gekauft hätte und nicht über Berlin. Denn Tilo Berlin und seine Investoren haben an diesen Anteilen, die ihnen nur kurz gehörten, schätzungsweise 130 bis 170 Millionen Euro verdient. Die Ermittler verdächtigen Schmidt, Vermögen der Landesbank veruntreut zu haben, und werfen Berlin vor, dazu Beihilfe geleistet zu haben. Berlin wollte sich zu all diesen Vorgängen auf Anfrage nicht äußern. Er hat wiederholt seine Unschuld beteuert. Sein Anwalt betont, Berlin habe im Kärntner Untersuchungsausschuss nichts verschwiegen.

Für Schmidt könnte die Causa ziemlich schlimm enden. Sollte er vor dem Ausschuss in Kärnten gelogen haben, dann hätte er sich schon deshalb strafbar gemacht. Jetzt aber will Schmidt offenbar reinen Tisch machen. Er sagt der Münchner Staatsanwaltschaft, er mache jetzt nicht mehr den gleichen Fehler wie im Untersuchungsausschuss in Kärntner, wo er alle geschont habe. Langsam rundet sich das Bild.

Im Frühjahr 2007 machen sich Fachleute der Münchner Bank nach Kärnten auf, um die Bücher der Hypo Alpe Adria zu prüfen. Ihre Mission ist so geheim, dass sie in München so tun müssen, als führen sie nach Berlin. Nicht mal die Sekretärinnen dürfen das Ziel kennen. Alles muss schnell gehen. Knall auf Fall, wie ein Beteiligter sagt. In Klagenfurt finden die Prüfer im Datenraum nur Unterlagen von mäßiger Qualität. Die Prüfer der BayernLB, erfahrene Leute, haben der Staatsanwaltschaft berichtet, sie hätten noch nie eine so schlechte Dokumentation gesehen. Das sei alles "in höchstem Maße dubios" gewesen, auch wegen des massiven Zeitdrucks.

Fassungslose Mitarbeiter

Für die kritischeren Mitarbeiter der BayernLB war es überhaupt nicht nachvollziehbar, warum sich ihre Bank überhaupt für die Hypo Alpe Adria interessierte. Das Kärtner Institut war kurz zuvor in einen Skandal verwickelt gewesen, bei dem nicht nur viel Geld verloren wurde; es wurde auch die Bilanz gefälscht.

Ein Experte der BayernLB für Unternehmensbewertungen hat der Staatsanwaltschaft erklärt, er und seine Kollegen seien fassungslos gewesen, dass die Bayern eine solch windige Bank kaufen wollten. Die Wirtschaftsprüfer hätten dem Institut durchgängig schlechte Noten gegeben. Der Kaufvertrag, den die BayernLB unterschrieb, enthielt nicht einmal Ausstiegsklauseln für den Fall, dass man in den Büchern der Kärntner Bank doch noch böse Überraschungen finden würde. Nachvollziehbare Motive für den Kauf der Kärntner Bank seien nicht erkennbar gewesen, sagt der Experte, "jedenfalls keine wirtschaftlichen".

Vielleicht waren die Motive also politisch. Die Regierung Stoiber forderte Erfolge, und zwar, wie es scheint, um jeden Preis. Finanzminister Kurt Faltlhauser, der dem Aufsichtsrat der BayernLB angehörte, erklärte bei einer Sitzung im März 2007: Für das Image und den Ruf der Bank wäre es aus Sicht des Freistaats "erheblich negativ", wenn die BayernLB "erneut und wiederholt nicht zum Zuge käme". Die Bank müsse sich nun "vehement" auf die neue Option konzentrieren, und sich beim Zeitplan wie beim Kaufpreis flexibel zeigen. Mit anderen Worten: Lieber schneller und teurer, als wieder ein Misserfolg. Ein früherer Vorstand sagt, damals habe er den Eindruck gehabt, dass Faltlhauser selbst unter dem Druck der Landesregierung stand. Hatte Ministerpräsident Stoiber nicht gefordert, der Freistaat Bayern müsse in der Champions League mitspielen?

Gewonnen haben vor allem die Investoren um Tilo Berlin, die anderen haben verloren. In Bayern bleiben ein Milliardenverlust und ein Desaster für die CSU, deren Wirtschaftskompetenz in Frage gestellt ist. Nicht einmal Haiders einstigem Vorzeigeverein Austria Kärnten war ein langer Erfolg vergönnt: Der Club ist gerade in die zweite Liga abgestiegen. Er ist von der Champions League so weit entfernt wie die BayernLB.

© SZ vom 06.05.2010/hgn

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