Europäische Zentralbank:Mario Draghi, der neue "Mister Euro"

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Nicolas Sarkozy hat entschieden: Lange vor der offiziellen Abstimmung legt sich Frankreichs Präsident auf den Italiener Mario Draghi als neuen Zentralbank-Präsidenten fest. Damit düpiert er Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Hans-Jürgen Jakobs

Es bleibt dem starken Mann Frankreichs vorbehalten, die derzeit wichtigste Personalie Europas vorweg zu nehmen. Oui, er unterstütze die Kandidatur des italienischen Notenbankchefs Mario Draghi für die Präsidentschaft der Europäischen Zentralbank (EZB), erklärte Staatspräsident Nicolas Sarkozy am Dienstag bei einer Pressekonferenz mit Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi in Rom. Bis zum Oktober hat der Franzose Jean-Claude Trichet das Amt inne.

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Er könnte auf Jean-Claude Trichet folgen: Mario Draghi (rechts).

(Foto: AFP)

"Wir unterstützen die Kandidatur eines Italieners, nicht etwa weil er Italiener ist, sondern weil er ein guter Mann ist", sagte Sarkozy. "Im Übrigen ist dies ein ausgezeichnetes Signal an alle die Italiener, die die Rolle Italiens innerhalb der EU bezweifeln." Das hat schon eine besondere Note: Ein Franzose verkündet frühzeitig, dass ein Italiener auf einen Franzosen folgen soll. Und die Deutschen? Sie spielen keine Rolle, seitdem sich Noch-Bundesbankchef Axel Weber selbst aus dem Rennen genommen hat.

Mit der offenen Unterstützung Frankreichs für Draghi ist mehr als eine Vorentscheidung gefallen, auch wenn die Staats- und Regierungschefs der 17 Euro-Länder offiziell erst Ende Juni über die Top-Personalie entscheiden werden. Die Botschaft lautet: Draghi hat es geschafft. Der Mann ist gesetzt. Die Bundesregierung hat in ihrer bewährten Art verhalten auf die französische Unterstützung für Draghi als EZB-Chef reagiert. "Zu möglichen Kandidaten wird sich die Bundesregierung rechtzeitig äußern", sagt Regierungssprecher Steffen Seibert.

Tatsache ist aber auch: Seiberts Chefin Angela Merkel hat keinen eigenen Kandidaten. Alles hatte sie unternommen, um ihren Axel Weber den Weg zu ebnen, sie hatte sogar für den Portugiesen Vítor Constâncio als EZB-Vizepräsident taktiert, in der Hoffnung, der Fraktion der Südländer sei so Genüge getan - und ein Deutscher durchsetzbar.

Nun also der Mann, den sie "Super-Mario" nennen. Ein Ökonom, der sich nicht in die üblichen Kategorien von "Falke" und "Taube" pressen lässt. Ein passionierter Bergsteiger, der keinen Aufstieg fürchtet. Draghi, 63, gilt als geldpolitischer Pragmatiker. Er vermeidet öffentlich klare Aussagen zur Zinspolitik, sondern redet lieber allgemein über Wirtschaftspolitik oder die Stabilität des Bankensystems.

Fachlich bringt der ehemalige Harvard-Professor alle Erfahrungen der Wirtschaftswelt mit. Er saß in der Regierung, in der Finanzaufsicht, der Weltbank und in der Privatwirtschaft. Während seiner Zeit im italienischen Finanzministerium arbeitete Draghi an den Maastricht-Regeln mit und half entscheidend, Italien in die Euro-Zone zu bringen. Zuletzt machte er als Chef des Finanzstabilitätsrats (FSB) auf sich aufmerksam. Er ist einer der Architekten der künftigen Weltfinanzordnung.

Ein einziges Manko

Derzeit arbeitet Draghi daran, wie verhindert werden soll, dass weitere Finanzkonzerne mit Steuerzahler-Milliarden gerettet werden müssen. Ein europäischer Zentralbanker bezeichnet ihn sogar als ausgesprochen "unitalienisch": Er habe "die Fähigkeit, Probleme analytisch anzugehen, die Probleme selbst anzusehen und nicht die Leute um die Probleme, eine Fähigkeit, die viele Politiker nicht haben." Man könnte auch sagen: Er ist preußisch wie kaum ein Italiener.

Als einziges Manko galt bislang seine Tätigkeit bei Goldman Sachs: Der US-Investmentbank wird vorgeworfen, dem EU-Defizitsünder Griechenland beim Schönen seiner Haushaltszahlen geholfen zu haben. Draghi war zwischen 2002 und 2005 bei Goldman Sachs für das Europa-Geschäft zuständig gewesen. Er hat mehrfach betont, mit den Vorgängen um Griechenland nichts zu tun gehabt zu haben. Die Episode hat Sarkozys Votum für Mario Draghi nicht verhindert.

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