Erziehungshelfer Mahnung vom Schlüsselbrett

Man hat die Wahl: Fahrrad oder Auto, gutes oder schlechtes Gewissen?

(Foto: Matthias Laschke)

Mehr bewegen, weniger Wasser verbrauchen, Ordnung schaffen: Einrichtungsgegenstände können Menschen helfen, ihr Verhalten zu ändern.

Von Lea Weinmann

Heinrich E. Haase geht des Öfteren zu Fuß. Zwar hat er immer noch ein Auto, aber manchmal lässt er den Wagen bewusst stehen. Früher hat er das nie gemacht. Dass der 62-Jährige zu einem umweltbewussteren Menschen geworden ist, hat mit einem Ding in seinem Hausflur zu tun. Das Ding ist eine kleine rechteckige Holzbox, die an der Wand hängt, mit einer speziell gelagerten Wippe und zwei Enden an deren Enden. An dem einen Haken hängen ein Schlüssel für das Auto und einer für die Haustür. An dem zweiten baumelt nur ein Haustürschlüssel. Wenn Haase das Haus verlässt und zum Autoschlüssel greift, folgt prompt die Maßregelung: Die Wippe lässt den Haustürschlüssel auf den Boden fallen, ganz so, als wolle das Schlüsselbrett ihm entgegenrufen: "Geh zu Fuß!"

Geräte, die uns in den eigenen vier Wänden zu einem besseren Selbst erziehen - das klingt wie Zukunftsmusik. Tatsächlich forschen einige Psychologen und Raumdesigner schon seit Jahren daran. Zu ihnen gehört der Industriedesigner Matthias Laschke. Das Ding an Haases Wand heißt "Key-moment"; Laschke hat es 2014 gemeinsam mit dem Psychologen Marc Hassenzahl an der Universität Siegen entwickelt. Das Objekt soll uns in unserer häuslichen Umgebung dabei helfen, persönliche Ziele zu erreichen. In dem Fall: öfter zu Fuß zu gehen oder das Fahrrad zu nehmen.

Laschke hat solche Objekte für ganz verschiedene Ziele erfunden. Insbesondere bei einer nachhaltigeren Lebensweise sollen sie ihrem Besitzer unter die Arme greifen. Beim Wassersparen hilft zum Beispiel ein Duschvorhang, auf den bunte Punkte projiziert werden. Jeder kreisrunde Punkt steht für einen Tag im Kalendermonat. Das Display ist über einen Computer mit einem Durchflusssensor verbunden, der den Wasserverbrauch misst. Je länger das Wasser in der Dusche läuft, desto kleiner wird der bunte Kreis auf dem Display. Je kleiner der Kreis ist, desto größer soll unser versinnbildlichtes schlechtes Gewissen sein. Das wirke besonders gut in der Gruppe, meint der Industriedesigner, etwa in einer Familie, in der sich die einzelnen Familienmitglieder miteinander vergleichen können.

Wer hingegen ein Problem mit Ordnung hat und gerne Kleinkram hortet, kann sich vom Schränkchen "Resolve" erziehen lassen. Die Kommode hat Robin Neuhaus für eine Abschlussarbeit entworfen, die Laschke betreute. Das Prinzip: Die linke Schublade des Schränkchens bietet zwar viel Platz für allen möglichen Kram, doch öffnet man sie zu schnell, fallen die Ansammlungen über eine kleine Rutsche auf den Boden. Dann steht der Teilzeit-Messie vor der Wahl: Wieder alles reinstopfen und hoffen, dass es lange hält, oder ausmisten?

"Die Objekte unterbrechen die Handlung im Alltag und zeigen zugleich eine Alternative auf", erklärt Laschke. Schon im Jahr 2010 hat er die ersten "transformationalen Objekte", wie die Gegenstände im Fachjargon genannt werden, als Forschungsprojekt an der Folkwang-Universität der Künste in Essen entwickelt - damals noch als Student. Gewohnheiten zu durchbrechen, sei nicht leicht, dafür brauche es viel Willenskraft, sagt der 35-Jährige. Seine Geräte könnten den Menschen dabei helfen. "Aus einer unreflektierten Handlung wird eine reflektierte Handlung - das ist der Sinn dahinter", so Laschke. Dem Besitzer bleibe weiterhin die Option, dennoch das Auto zu nehmen, ausgedehnt zu duschen oder Ramsch anzuhäufen. Aber er muss sich jedes Mal bewusst dafür entscheiden.

Im Möbelladen lassen sich die Erfindungen von Laschke und seinen Kollegen nicht kaufen, sie wurden "nur als Hypothese gebaut". Die Universität Siegen bietet aber die Möglichkeit an, die Objekte auszutesten - sofern man nach einiger Zeit auch nachfragen dürfe, wie es gelaufen ist.

Möbel, die ständig intervenieren und mit erhobenem Zeigefinger an die eigenen Problemzonen erinnern - das hört sich anstrengend an. Und nervig. Ist es auch, gibt Heinrich E. Haase zu, der Keymoment im Jahr 2017 für sechs Monate getestet hat. "Am Anfang habe ich mich richtig geärgert, wenn der Schlüssel runterfiel", sagt er. "Das Ding wollte mich beeinflussen, es wollte mich und mein Leben verändern - das macht schon sauer!" Mit der Zeit habe er aber gemerkt, dass es ihn animiert. Haase wohnt in einem kleinen Dorf bei Nürnberg; der Besuch in der Nachbarschaft oder beim Friseur lässt sich fußläufig gut erledigen. Seine Auseinandersetzung mit dem Schlüsselbrett glich über die Monate einem ständigen Auf und Ab: Mal war er genervt, dann besann er sich wieder darauf, dass "das Ding" es ja eigentlich gut mit ihm meint.

Fragt man den Erfinder, ist das genauso gewollt. Nicht umsonst nennt Laschke seine Objekte "Pleasurable Troublemakers", also wohltuende Störenfriede. Das Gerät müsse erst einmal für Reibung sorgen. "Es muss anstrengend sein, den inneren Schweinehund zu überwinden", sagt der Forscher. Sonst könne man keine Verhaltensänderung erreichen. Auch andere Versuchsteilnehmer hätten ihn am Anfang gebeten, das unnachgiebige Objekt doch bitte wieder mitzunehmen.

Doch es scheint zu funktionieren, zumindest bei Heinrich E. Haase, der zwar nicht immer, aber "schon ein paar Mal" den Autoschlüssel wieder an den Haken hängte. "Im Nachhinein war es eine positive Programmierung", sagt er.