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Erfolgsmodell:Eine Idee erobert die Welt

The German share price index, DAX board, is seen at the stock exchange in Frankfurt

In Deutschland gingen die börsengehandelten Indexfonds am 11. April 2000 auf dem Handelssystem Xetra der Frankfurter Börse an den Start.

(Foto: STAFF/Reuters)

Im Jahr 1975 brachte der Amerikaner John Bogle den ersten Indexfonds auf den Markt. Anfangs wurde er dafür in der Branche noch belächelt. Heute zweifelt niemand mehr.

Der Amerikaner John Bogle hat alles überlebt. Vor 20 Jahren erlitt er sechs Herzinfarkte und war schon dem Tode geweiht. Seine Mitarbeiter gaben ihm zu Ehren damals eine bronzene Statue mit seinem Abbild in Auftrag. Sie steht heute vor dem Sitz der von ihm gegründeten Investmentfirma Vanguard in Pennsylvania. Bogle dürfte einer der wenigen Menschen sein, der täglich seine eigene Statue betrachten kann. Denn dank einer Herztransplantation überlebte er bis heute. Er ist jetzt 88 Jahre alt und kann mit großer Genugtuung zuschauen, wie seine Erfindung immer noch größer und erfolgreicher wird. "Es ist alles wie ein Wunder, es ist wirklich schön, dass das alles noch zu meinen Lebzeiten passiert", sagte John Bogle schon vor für Jahren der New York Times. Der Satz ist bis heute gültig.

John Bogle gilt als Erfinder von Indexfonds, in der börsengehandelten Variante auch ETF genannt. Sie bilden einen Index exakt nach. Im Jahr 1975 brachte Bogle den ersten Indexfonds auf den Markt. Heute gelten sie als eine der wichtigsten Neuerungen auf den Kapitalmärkten seit dem Zweiten Weltkrieg. In den Anfangsjahren aber musste sich Bogle dafür noch verspotten lassen. Er versuche nicht einmal, den Markt zu schlagen, lästerten sie in der Branche.

Die Daten haben mittlerweile bewiesen, wie falsch die Kritiker lagen

Die letzten verfügbaren Daten zeigen, wie falsch die Lästerer lagen und wie recht John Bogle hatte: Ende Juni waren weltweit 4,1 Billionen Dollar (umgerechnet 3,5 Billionen Euro) in ETF angelegt; das entspricht einem Anteil von 8,2 Prozent am globalen Fondsmarkt.

In den USA, wo alles anfing, geht der Marktanteil der ETF sogar in Richtung 20 Prozent. Europa hinkt da deutlich hinterher, doch die Wachstumsraten liegen jedes Jahr im deutlichen zweistelligen Bereich, und viele Anlageexperten gehen davon aus, dass die Grenzen des Wachstums noch lange nicht erreicht sind. Ende Juli waren in Europa 707 Milliarden Dollar in ETF angelegt, was einem Anteil von 4,4 Prozent aller Investmentfonds entspricht.

Der Erfolg gründet auf zwei Prinzipien: ETF sind einfach und günstig. Sie bilden einen Index ab, egal ob einen Aktienindex wie den MSCI World, der sich auf mehr als 1600 Unternehmenspapieren aller Industriestaaten zusammensetzt, oder dem US-amerikanischen S&P 500 oder dem Deutschen Aktienindex (Dax), der die 30 größten deutschen Aktiengesellschaften zusammenfasst. Es gibt aber auch ETF auf Anleihen- oder Rohstoff-Indizes. ETF eignen sich besonders gut, das Geld von Investoren breit zu streuen - ganz nach der Philosophie von Vanguard-Gründer John Bogle: "Firmen kommen und gehen", sagte er einmal in einem Interview. "Man kann drei oder vier herauspicken, doch es stellt sich die Frage, ob diese in Jahrzehnten noch hier sind, wenn man in Rente geht." Er nannte das Beispiel des einst so großen Filmkonzerns Kodak, der vom Trend zum digitalen Fotografieren hinweggefegt wurde. Da sei es doch besser, "alle großartigen und alle nicht so großartigen Unternehmen zusammen zu kaufen". Wer etwa in einen breiten US-Aktienindex investiere, wette nicht auf eine bestimmte Firma, sondern auf das Unternehmertum insgesamt. Dies verringere das Risiko erheblich.

Der zweite Vorteil sind die niedrigen Kosten. ETF bilden einen Index automatisch nach, dazu braucht es in der Regel nur einen Computer und keinen teuren Fondsmanager. Deshalb ist die Jahresgebühr deutlich niedriger. Bei großen ETF auf den Dax oder den S&P 500 zahlen Anleger oft nur noch 0,07 Prozent der investierten Summe pro Jahr. Zum Vergleich: Bei aktiv gemanagten Rentenfonds sind es bis zu ein Prozent, bei teuren Aktienfonds sogar bis zu 2,5 Prozent im Jahr.

Das sind Vorteile, die weltweit immer mehr Anleger zu schätzen wissen. Allein in diesem Jahr flossen ETF bis Ende Januar netto 458 Milliarden Dollar zu - ein neuer Rekord, im selben Vorjahreszeitraum waren es 378 Milliarden Dollar, zeigt eine Auswertung des ETF-Anbieters iShares, einer Tochter des weltweit größten Vermögensverwalters Blackrock. Ein großer Trend sind derzeit Anleihen-ETF, besonders solche, die sich auf US-Staatsanleihen und auf höherverzinsliche Unternehmensanleihen beziehen; sie verbuchten seit Jahresanfang weltweit Zuflüsse von 126 Milliarden Dollar. In Europa gab es im selben Zeitraum für alle Arten von ETF Zuflüsse von 73 Milliarden Euro.

Die Kurven dürften auch in Zukunft nach oben zeigen

Größter Anbieter in Europa ist mit großem Abstand die Blackrock-Tochter iShares, die 45 Prozent der gesamten Marktanteile auf sich vereint. Investoren haben 287 Milliarden Euro in insgesamt 303 ETF von iShares angelegt. Etwa zwei Drittel davon beziehen sich auf Aktienindizes. Auf den Plätzen zwei und drei folgen mit jeweils rund zehn Prozent Marktanteil db x-Trackers, die ETF-Tochter der Deutschen Bank, und Lyxor, die ETF-Tochter der französischen Großbank Société Générale. Weitere größere Anbieter in Europa sind die Schweizer UBS und Amundi.

Auch weltweit steht iShares mit einem Marktanteil von 38 Prozent und einem verwalteten Vermögen von 1,6 Billionen Dollar an der Spitze. An zweiter Stelle folgt mit 20 Prozent Marktanteil Vanguard - jenes Unternehmen, das ETF-Erfinder John Bogle gründete. Es kündigte erst in diesen Tagen an, seine Produkte künftig auch an der Deutschen Börse anzubieten; los geht es mit 22 ETF. Damit wird sich der Preiskampf auf dem Markt weiter verschärfen.

Übrigens gibt es ETF in Europa noch gar nicht so lange. Der Start von börsengehandelten Indexfonds war am 11. April 2000 auf dem Handelssystem Xetra, auf dem auch der Dax notiert wird. Die ersten zwei ETF in Europa wurden von der US-Investmentbank Merrill Lynch herausgegeben, sie bezogen sich auf die europäischen Aktienindizes Euro Stoxx 50 und Stoxx Europe 50; inzwischen gehören sie zu iShares. Den ersten ETF auf den Dax brachte im Januar 2001 die damalige Hypo-Vereinsbank-Tochter Indexchange heraus, auch er gehört heute zu iShares. 2003 folgte der erste europäische Anleihen-ETF, der sich auf deutsche Staats- und europäische Unternehmensanleihen bezog.

Der größte einzelne ETF in Europa stammt ebenfalls von iShares: Er bezieht sich auf den US-Aktienindex S&P 500, in ihm sind allein 19,8 Milliarden Euro angelegt. Zum Vergleich iShares-Daten für andere Aktienindizes: im MSCI World liegen 9,8 Milliarden Euro, im Euro Stoxx 50 sind es 9,2 Milliarden, im Dax 8,8 Milliarden.

Die Kurven dürften auch in Zukunft nach oben zeigen, zumal Untersuchungen immer wieder die Vorteile von ETF im Vergleich zu aktiv gemanagten Investmentfonds herausstreichen. Erst jüngst zeigte eine Studie der Fonds-Ratingagentur Morningstar, dass Fondsmanager im Durchschnitt nur selten vergleichbare ETF aus ihrer Kategorie schlagen. Ein Vergleich von mehr als tausend Fonds mit Hunderten ETF ergab, dass über die Laufzeit von 15 Jahren nur 21 Prozent der Aktienfonds und 24 Prozent der Rentenfonds besser abschnitten als die ETF. Im Klartext: Langfristig schlägt nur jeder fünfte Aktienfonds-Manager und jeder vierte Rentenfonds-Manager die Vergleichs-ETF.

Einer wird sich darüber ganz still und leise freuen: der früh in Bronze gegossene ETF-Erfinder John Bogle.