Entwicklungsländer Träume in der Wüste

Saudi-Arabien baut im Sand – ob neuer Stadtteil wie hier im Norden von Riad oder gleich eine ganz neue Metropole wie die King Abdullah Economic City, die bis 2030 entstehen soll. Die Milliardenprojekte sind Teil der „Vision 2030“, die das Land vom Erdöl unabhängiger machen soll.

(Foto: Faisal Al Nasser/Reuters)

Einige Schwellenstaaten planen ganze Städte auf dem Reißbrett. Dort soll das funktionieren, was in den alten Metropolen nicht läuft. Manches Projekt scheitert schon im Ansatz.

Von Christine Mattauch

Es soll das "neue Herz von Casablanca" sein: ein blauer Kanal, gesäumt von weißen Sonnenschirmen und rosa Mandelbäumchen. Rechts und links Hochhäuser, eine Melange von Glas und Stahl. Der offizielle Name ist Casa Anfa. Ein Retortenstadtteil von gewaltigen Dimensionen für 100 000 Einwohner und ebenso viele Büroangestellte, der auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens der Fünf-Millionen-Einwohner-Stadt entstehen soll.

Casa Anfa steht für einen Trend. Viele Schwellen- und Entwicklungsländer konzipieren Immobilienprojekte von atemberaubender Größenordnung: Stadtviertel für Hunderttausende, Städte für Millionen Menschen. Gigantische Urlaubsresorts mit vielen Tausend Hotelbetten. Die Zahl der Menschen, die in Städten lebten, wachse rasant, und mit ihr der Bedarf an innovativen Lösungen, analysiert Jens Libbe, Volkswirt und Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Urbanistik. "Vor diesem Hintergrund werden ambitionierte Konzepte urbaner Zukunft entwickelt, die ihren Niederschlag in der Entwicklung neuer Planstädte und -quartiere finden."

Klotzen statt kleckern: Ist das der beste Weg, um moderne Strukturen zu schaffen und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln? Oder entstehen da gigantische Investitionsruinen?

"China hat gezeigt, dass solche Projekte machbar sind."

Bisher gibt es Casa Anfa nur auf dem Papier - genauer gesagt in den Prospekten, die der Entwickler, die marokkanische Rentenkasse CDG, auf Immobilienmessen verteilt. "Casa Anfa will ein Ausflugsziel für alle sein und ein großartiger Ort, um zu leben und zu arbeiten", heißt es da. Dabei ist es nur ein Projekt unter vielen. Gleich 15 neue Städte will das Königreich Marokko in den nächsten Jahrzehnten errichten, um die nationale Infrastruktur zu modernisieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Zenata zum Beispiel, ebenfalls im Großraum Casablanca: eine Metropole für 300 000 Bewohner mit dem Beinamen "éco cité", ökologische Stadt. Bereits 2006 wurde der Bau beschlossen, die Entwicklungszeit ist auf 30 Jahre angelegt. Die Ambitionen sind so groß wie der Kapitalbedarf: Entstehen sollen ein Uni-Campus, Marokkos größtes Einkaufszentrum, ein integriertes Gesundheitszentrum, ein Gewerbepark, ein hochmodernes ÖPNV-System. Der Wind vom Atlantik soll die Bauten natürlich kühlen, 50 Hektar sind für Grünflächen vorgesehen. Entwickler auch hier: CDG.

Die finanziert das Megavorhaben freilich nicht allein. Für den ersten Bauabschnitt bewilligten die Europäische Investitionsbank und die französische Entwicklungsbehörde AFD Darlehen von jeweils 150 Millionen Euro; die Europäische Kommission gab einen Zuschuss von vier Millionen. Auch private Investoren sind an Bord. Und tatsächlich, es tut sich was. Straßen und Abwasserkanäle wurden gebaut, Slumbewohner in Apartments umgesiedelt. 2016 eröffnete ein Ikea. Diesen Mai hat die Saudi German Hospitals Group, geführt von der saudi-arabischen Middle East Healthcare Company, den Bau und Betrieb einer 300-Betten-Klinik in Zenata angekündigt.

Viele große institutionelle Anleger suchen derzeit händeringend nach profitablen Investitionen, da ist es offenbar kein Problem, solche Projekte zu stemmen. Finanziert werden sie über Konsortien, meist unter Leitung eines lokalen Entwicklers. Es beteiligen sich Banken, private Investoren und Staatsfonds, zuweilen auch die Regierung direkt. Die Entscheidungsstrukturen können sehr komplex sein - ein Grund, weshalb es bei Großprojekten oft so langsam vorangeht. Der Bau großer Stadtsiedlungen in Marokko hinke "den Zeitplänen weit hinterher", urteilt Germany Trade & Invest (GTAI), die Außenwirtschaftsagentur des Bundes, diesen Juli in einer Analyse.

Aber sind die Vorhaben überhaupt sinnvoll? Bisher sei "der zum großen Teil auf Satellitenstädte entfallende preisgünstige Wohnungsbau wenig erfolgreich" gewesen, so die GTAI. Es mangele oft an Infrastruktur, Einkaufsmöglichkeiten, sozialen Diensten und siedlungsnahen Arbeitsplätzen. Genau das sollen Projekte wie Zenata ändern. Eine andere Frage ist, ob nicht die schiere Größe der Projekte die Gefahr des Scheiterns in sich birgt.

Hubertus Bardt, Leiter Wissenschaft am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, glaubt das nicht. "China hat gezeigt, dass solche Projekte machbar sind", sagt er. Auch im Nahen Osten gelingen Kunststädte wie die King Abdullah Economic City, die zwischen Mekka und Medina wächst. Dort dienen sie dazu, Strukturen für die Zeit nach dem Öl aufzubauen. In den Entwicklungs- und Schwellenländern Afrikas und Asiens herrscht ein anderer Problemdruck - überlastete Metropolen, geprägt von Chaos, Armut, Korruption und Kriminalität. "Der Wunsch nach zusätzlichem Wohn- und Wirtschaftsraum ist nachvollziehbar und damit auch der Impuls, ganz neu anzufangen", findet Bardt. Damit die überfüllten Megastädte Entlastung spürten, müssten Neugründungen eine gewisse Dimension erreichen.

Ägypten wollte eine neue Hauptstadt vom Reißbrett erschaffen - und scheiterte

In Nigeria hat der lokale Chagoury-Konzern vor der Küste der 20-Millionen-Einwohner-Stadt Lagos mehr als 140 Millionen Tonnen Sand aufschütten lassen. Eko Atlantic heißt die kolossale Stadtentwicklung, die ein acht Kilometer langer Wall vor Erosion schützt. Mehr als 250 000 Menschen sollen dort einmal leben. Das Projekt ist komplett privat finanziert, beteiligt sind unter anderen BNP Paribas, die belgische KBC und vier nigerianische Banken. Erlöse fließen durch den Verkauf von Grundstücken an Bauträger. Die ersten beiden Wohntürme, Pearl Towers, stehen bereits.

Das auch "Afrikas Manhattan" genannte Projekt wurde 2009 von der Clinton Global Initiative ausgezeichnet. Unumstritten ist es aber nicht. Kritiker monieren, dass die neuen Strukturen nur für Reiche gebaut werden: Der Blog Geozentrale etwa nannte Eko Atlantic ein Symbol für einen "ungebremsten Kapitalismus, in dem sich die Besitzenden möglichst weit vom Rest der Gesellschaft entfernen". Während Ökonom Bardt darin auch ein Angebot für die wachsende Mittelschicht Nigerias sieht. Auch er warnt aber davor, über den neuen Vorzeigeprojekten die Probleme in den alten Städten zu vergessen.

Ein weiteres Risiko: Wenn in einer Krise Anleger ihr Kapital abziehen, könnten sich die Hoffnungsprojekte schnell in riesige Brachen verwandeln. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich mahnt in ihrem diesjährigen Wirtschaftsbericht: Die Kapitalanlagebranche sei in den vergangenen Jahren nicht nur stark gewachsen, ihre Investitionen seien auch globaler geworden. "Dies macht die Märkte anfälliger für eine Umkehr der Kapitalströme und das plötzliche Versiegen der Liquidität in Stressphasen." Noch freilich ist die Stimmung gut. "Es ist immer noch viel Geld unterwegs, obwohl die Notenbanken weltweit auf die Bremse treten", sagt Ludwig Dorffmeister, Fachreferent für Bau- und Immobilienforschung am Münchner Ifo-Institut.

In Bolivien plant der Entwickler Lafuente New Santa Cruz City für "100 000 Familien, 10 000 Firmen und 370 000 Bewohner". In Vietnam hat die Erschließung für den Mui Dinh Ecopark begonnen, ein 728 Hektar großes Resort: 7000 Hotelbetten, 500 Ferienvillen, Spielcasino, Freizeitpark und Strandklub werden dort entstehen. Der Entwurf des Londoner Architekturbüros Chapman Taylor erhielt einen Award auf der Immobilienmesse MIPIM und wurde von der örtlichen Regierung "gut aufgenommen", sagt Oscar Martinez, Director Southeast Asia von Chapman Taylor. 2021 soll der Betrieb losgehen. Finanziert wird das "Hotel Größenwahn" (Welt am Sonntag) von der wenig transparenten Cap Padaran - Mui Dinh Ecopark Group. Über sie lässt sich lediglich in Erfahrung bringen, dass sie aus internationalen und vietnamesischen Investoren besteht.

Grenzen gibt es dann aber doch. In Ägypten beispielsweise wollte die Regierung Abdel Fattah al-Sisi eine neue Hauptstadt vom Reißbrett erschaffen, in der Wüste, 50 Kilometer östlich von Kairo. Dort sollte all das funktionieren, was in der 20-Millionen-Einwohner-Metropole ein Albtraum ist, vom Verkehr bis zur Müllabfuhr. Es war eine Vision der Superlative: Wohnungen für fünf Millionen Menschen, 2000 Schulen, 4,2 Millionen Quadratmeter Läden, 40 000 Hotelzimmer, ein neuer Flughafen. Dann aber hieß es, die neue Kapitale könne bis zu 80 Milliarden Dollar kosten, statt der geplanten 45. Investoren aus Dubai und China sprangen ab. Seither ist es um das einstige Renommierprojekt still geworden.