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Entsetzen in Frankreich:Johnny Hallyday wird zum Steuerflüchtling

Der Altrocker will weniger Steuern zahlen- und zieht in die Schweiz. In Frankreich ist die Empörung groß. Das Land will nicht länger Opfer des "Steuerkriegs" sein. Und die EU sieht das ganz ähnlich.

Judith Raupp

Der Altrocker Johnny Hallyday verlässt seine Heimat und zieht in die Schweiz um. Gleiches hat der englische Popsänger James Blunt im Sinn.

Johnny Hallyday

(Foto: AFP)

Die Herren wollen Steuern sparen. Weil das in der Schweiz besonders gut geht, leben dort 4000 superreiche Künstler, Sportler, Musiker und Pensionäre aus dem Ausland. Im Durchschnitt treten die Millionäre pro Kopf 75 000 Franken (48 000 Euro) jährlich an den Staat ab. Etwa so viel Steuern zahlt ein höherer Angestellter in der Schweiz.

"Raubzug"

Einmal abgesehen von der emotionalen Bedeutung, wenn beliebte Stars ihrer Heimat den Rücken kehren, ärgern sich natürlich jene Politiker, denen die Schweiz die Steuereinnahmen wegschnappt. Kaum war bekannt, dass Hallyday in die Schweiz flüchtet, hat der Sprecher der französischen Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal den Eidgenossen einen "Raubzug" vorgeworfen.

"Wir werden diesen Krieg nicht länger akzeptieren", schimpfte er. In der Wortwahl dezenter, aber inhaltlich gleich äußern sich auch Diplomaten der Europäischen Union (EU), allen voran die deutschen Vertreter.

Neben den Sonderprivilegien für reiche Privatpersonen missbilligt die EU vor allem die Steuervergünstigungen für Holdinggesellschaften in der Schweiz.

Mittlerweile hat die EU schon so viele Firmen an die Schweiz verloren, dass Brüssel droht, die Kooperationen bei der Forschung, im Strommarkt oder beim Agrarhandel könnten leiden, wenn die Steuerpolitik bestehen bleibe.

Die EU behauptet, die Vergünstigungen seien eine unzulässige Subvention und würden gegen das Freihandelsabkommen von 1972 verstoßen.

Der Schweizer Finanzminister Hans-Rudolf Merz sieht das anders: "Unser Steuersystem basiert auf rechtsstaatlichen Grundsätzen und ist von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) als regelkonform anerkannt". Allerdings wächst die Kritik an der Steuerpolitik auch in der Schweiz selbst.

Die Empörung entzündet sich an der Bevorzugung von Ausländern. Für Wohlhabende, die ihren Wohnsitz in die Schweiz verlegen und dort keine Einkünfte erzielen, gilt der Mietwert der eigenen Villa oder die Jahresmiete für das Haus oder die Wohnung als steuerliche Bemessungsgrundlage.

Je nach Kanton wird die Miete mit dem Faktor fünf bis acht multipliziert, woraus sich die zu zahlenden Abgaben ergeben. Dabei ist es ganz egal, wie viel Geld die Wahlschweizer außerhalb der Eidgenossenschaft verdienen.

Diese sogenannte Pauschalbesteuerung gilt nicht für Einheimische. Das hat die neue Wirtschaftsministerin Doris Leuthard öffentlich als ungerecht bezeichnet, wofür sie umgehend von den übrigen Regierungsmitgliedern eine Schelte einstecken musste.

Nur noch Benefizkonzerte

Steuerpolitik ist in der Schweiz allerdings Sache der Kantone. Ihnen scheint die öffentliche Kritik langsam unangenehm zu werden. Zu einem Beschluss über die künftige Besteuerung von Ausländern konnten sie sich bei ihrem Treffen am vergangenen Freitag noch nicht durchringen.

Jetzt wollen sie erst einmal die Regelungen in den einzelnen Kantonen erfassen lassen. Abschaffen wollen die Schweizer die Steuerprivilegien aber nicht, sie fürchten um ihre Einnahmen. Finanzminister Merz sagt: "Aufgrund der Kleinheit des Binnenmarkts, der Rohstoffarmut, des fehlenden Meeranschlusses und der geografisch-topografischen Nachteile ist die Schweiz gezwungen, ihre Spezialisierungsvorteile auch in einer attraktiven Steuerpolitik zu suchen".

Schade ist das schon für die Schweizer. Johnny Hallyday und James Blunt dürfen nun in der Schweiz keine Einnahmen mehr erzielen, wenn sie ihr Steuerprivileg behalten wollen. Live-Konzerte sind also passé - es sei denn, es handelt sich um eine Benefizveranstaltung.

© SZ vom 22.01.2007
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