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Energiepreise:Billiges Gas? Ham wa nich!

Die Preise für Erdgas sinken - doch die Endkunden spüren kaum etwas davon: Die Versorger reichen die Preisvorteile nur zum Teil an die Kunden weiter.

Wie hatten sich die Gasversorger auf diese Zeiten gefreut. "Gasag senkt zum 1. April erneut die Preise", betitelte der Berliner Gasversorger jüngst eine Mitteilung. Und Werner Brinker, Chef des Oldenburger Energiekonzerns EWE, sah in gesunkenen Gaspreisen den lang ersehnten Beweis, "dass die Heizölpreisbindung nicht nur in eine Richtung funktioniert".

"Die Gasversorger geben nur rund die Hälfte der möglichen Preissenkungen an die Verbraucher weiter"

(Foto: Foto: dpa)

Denn mit sechs Monaten Verzögerung ist der Preis des Gases an den des Erdöls gekoppelt, und der fällt seit Monaten. Die fallenden Preise sollten die Versorger nach Jahren des Preisanstiegs endlich aus den Negativ-Schlagzeilen bringen. Doch der Plan geht nicht ganz auf.

In einer Studie für die Grünen-Bundestagsfraktion hat der Kölner Gashandels-Experte Gunnar Harms die jüngsten Preisnachlässe von fünf großen Gasversorgern nachgerechnet.

"Ungerechtfertigte Mehrerlöse"

Sein Ergebnis: Ungeachtet deutlicher Preissenkungen machen die Gasverkäufer selbst mit sinkenden Preisen noch ein gutes Geschäft - sie streichen nämlich einen Teil der Ersparnis selbst ein. "Die Gasversorger geben nur rund die Hälfte der möglichen Preissenkungen an die Verbraucher weiter", schreibt Harms. Dadurch entstünden "ungerechtfertigte Mehrerlöse von mehreren hundert Millionen Euro allein im ersten Halbjahr 2009". Hochgerechnet auf das ganze Jahr könnten die rund 600 deutschen Gasversorger so an die 1,6 Milliarden Euro zusätzlich verdienen.

Harms hatte fünf größere Versorger aus ganz Deutschland untersucht, neben EWE und Gasag noch die Münchner Erdgas Südbayern, die Rheinenergie Köln und die Helmstedter Eon-Tochter Eon Avacon. Ihre Gaspreise verglich er mit einem Gaspreis, der sich tatsächlich eng an der Entwicklung des Ölpreises orientiert. Damit müsste er in der zweiten Jahreshälfte auf 4,1 Cent je Kilowattstunde fallen, zuzüglich Mehrwertsteuer. Im Jahresschnitt läge der Preis dann bei 4,8 Cent. Doch die Studie kommt derzeit auf einen Schnitt von 6,5 Cent je Kilowattstunde; die Differenz bleibt bei den Anbietern. Auch würden Preise "systematisch" immer zu Jahreszeiten gesenkt, in denen der Verbrauch ohnehin schwach ist. Gehe es auf den Winter zu, stiegen sie wieder. Weitere 350 Millionen Euro Extraerlös entstünden den Versorgern allein durch diese Strategie, so Harms.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt das Verbraucherportal Toptarif in einer Erhebung, die diesen Mittwoch vorgestellt werden soll. Danach haben die meisten Gasanbieter ihre jüngsten Preissenkungen um zwei Monate verzögert - mit Hinweis auf die zeitversetzte Ölpreis-Bindung. In der Zwischenzeit verdienten sie: Das Verbraucherportal kommt auf Extraeinnahmen von 540 Millionen Euro.

"Großer Spielraum"

"Wenn es mit rechten Dingen zugehen würde, müssten die Gasversorger die Preise zum Winter um durchschnittlich 25 Prozent senken", beschwert sich Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn. Mangelnder Wettbewerb verhindere das. Auch Verbraucherschützer sehen darin das Kernproblem. "Das lässt den Gasanbietern weiterhin großen Spielraum", sagt Thorsten Kasper vom Bundesverband der Verbraucherzentralen.

"Preiserhöhungen werden schnell durchgereicht, Ermäßigungen erreichen die Kunden erst spät." Die Gaswirtschaft selbst weist die Kritik zurück. "Seit Januar sinken die Gaspreise in Deutschland", sagte Hildegard Müller, Chefin des Branchenverbands BDEW. "Zahlreiche Unternehmen haben ihre Preise also mitten in der Heizperiode gesenkt, zum Teil sogar mehrfach." Vielfach hätten Kunden die Wahl zwischen verschiedenen Tarifen.

Immerhin sieht auch die Studie leichte Fortschritte. Schließlich seien in der Vergangenheit Preisnachlässe nur selten an die Verbraucher weitergegeben worden; jetzt aber sehen die Kunden zumindest einen Teil wieder. Auch Uwe Leprich, Energieexperte an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, schöpft Hoffnung.

Durch die Wirtschaftskrise etwa würden mehr Gasmengen frei verfügbar. Das drückt auf den Preis. Parallel bastelt das Wirtschaftsministerium an einer Verordnung, die den deutschen Gasmarkt vereinfachen soll. "Trotz allem", sagt Leprich, "gibt es einige Signale, dass etwas in Bewegung kommt."

© SZ vom 15.04.2009/hgn
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