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Griechin in Afrika:"No money, eh?"

Wer als Grieche jetzt die Welt bereist, muss sich viel anhören - doch selbst im ärmsten Afrika erntet man noch Spott und Mitgefühl. Milde Gaben aus Malawi, Skepsis in Sambia, absurde Szenen beim Visumsantrag: Das alles hatte unsere Autorin nicht erwartet.

Elena Beis, Kapstadt

Drei Tage ist es her, dass ich in einer Kapstädter Zeitung die Annonce aufgegeben habe: Mikrowelle zu verkaufen. Endlich bekomme ich Antwort. Eine "Please call me"-SMS - eine Gratisnachricht, die ohne Namensangabe oder Erklärung auffordert, eine fremde Nummer anzurufen. Ich tue es. Es könnte ja die einzige Chance sein, das Gerät loszuwerden.

Die Krise in Griechenland hat sich auch in Afrika herumgesprochen.

John, ein sympathisch klingender Mann, geht ans Telefon. Keine 20 Minuten später steht er vor der Tür. Er hat nicht die geringste Ahnung, wie eine Mikrowelle funktioniert, ist aber hingerissen von dem Gerät.

"Es tut mir wirklich leid für dich"

Schnell kommen wir ins Gespräch. Er erzählt mir von seiner Heimat Malawi und handelt den Preis drastisch herunter. Am Ende holt er ein Bündel südafrikanischer Noten heraus, kleinste Stückelung, womöglich über Monate angespart. Ich bringe es nicht übers Herz, auf einem fairen Preis zu bestehen.

Angesichts des guten Geschäfts fragt John bestens gelaunt, aus welchem Land ich komme. Beiläufig sage ich: "Griechenland". Da hält er beim Geldzählen inne.

Er wirkt betroffen, legt das Bündel Scheine auf den Tisch, streicht mir über den rechten Arm und sagt mit tiefer Stimme: "Es tut mir wirklich leid für dich und deine Familie. Ihr macht gerade schwere Zeiten durch."

Ich bin irritiert. Hat er mich missverstanden?

Dann kapiere ich: In den malawischen Dörfern, woher John kommt, kennen sie vielleicht keine Mikrowelle. Aber über die griechische Finanzlage sind sie bestens informiert.

"Rate mal, worüber die ganze Zeit berichtet wurde"

John tuckert mit seiner Klapperkiste von dannen - und ich wenig später mit meiner in die Stadt. Lisa, die vermutlich konditionsstärkste Kapstädter Party-Queen, ist gerade aus Salzburg zurück. Sie hatte einen Österreicher über Facebook kennengelernt und ihn kurzerhand für zehn Tage besucht.

Bestimmt will sie mir von sämtlichen Verästelungen ihres Liebesurlaubs berichten. Als ich in die vereinbarte Bar komme, nippt sie hektisch einen Whiskey-Cola und wirkt seltsam angespannt. Offensichtlich ist etwas passiert. Ist sie schwanger? Zieht sie zu ihm?

Schnell und detaillos spult sie ihre Urlaubserlebnisse ab und stellt mir die scheinbar harmlose Frage: "Rate mal, worüber in Österreich die ganze Zeit berichtet wurde. Die ganze Zeit. Auf allen Kanälen. Überall!" Ich habe Lisa noch nie etwas anderes als Klatschmagazine lesen sehen. Zweifelhaft, ob sie jemals eine Tageszeitung aufgeschlagen hat.

"Weil da alle mit 50 in die Rente gehen"

Themen wie den Libyen-Krieg, den Reaktorunfall in Japan und Guttenbergs Plagiatsaffäre kann ich ausschließen, die Kommunalwahlen in Südafrika sowieso. "Prinz William und Kate?" - "Nein! Griechenland!" Sie reißt ihre Augen weit auf.

Rund zwei Jahre nach Ausbruch der Krise hat sie also davon erfahren. "Griechenland ist pleite. Pleite! Bankrott!", ruft sie begeistert. Ich murmele: "Es läuft schon länger nicht gut." Lisa ist nicht zu stoppen: "Weißt du warum? Weil da kein Mensch Steuern zahlt und alle mit 50 in die Rente gehen!"

Die Informationsflut der vergangenen Tage hat aus Lisa einen politischen Menschen gemacht. "Das musst Du Dir einmal vorstellen! In Österreich haben sie nicht genug Geld, um ihre eigenen Renten zu bezahlen, und jetzt müssen sie das gaaanze Geld den Griechen geben. Unglaublich! Wenn es so weitergeht, schlittert Österreich bald selbst in den Bankrott."

Absurd: Sie, die Kapstädterin mit der deutschstämmigen Mutter, die noch nie in Deutschland gewohnt hat, macht mir, einer in Deutschland geborenen, aufgewachsenen, arbeitenden und nun in Afrika lebenden Griechin, die Hölle dafür heiß, dass Österreich - nein, nicht Deutschland! -, ein Land, in dem sie sich zeitlebens zehn Tage aufgehalten hat, "für die griechische Krise aufkommen muss". Unterbrechen lässt sie sich nicht mehr: "Ich finde das un-un-un-möglich von Griechenland, dass wir immer für diese Faulheit aufkommen müssen."

Bang! Sie sagt "von Griechenland", meint aber: "von Dir".

Ich brauche Urlaub. Dringend.

Glücklicherweise steht kurz darauf eine Reise mit Freunden durch das südliche Afrika an. Wobei in diesem Teil des Kontinents kein Land einer griechischen Bürgerin die Einreise ohne Visum erlaubt. So muss ich für das namibische Touristenvisum zweimal ins Konsulat rennen, für das sambische meinen Aufenthaltsort für jeden einzelnen Tag mit Buchungsbestätigungen belegen und immer natürlich: bezahlen.

Bella ist überraschend kurz angebunden

Dabei fordern Länder wie Namibia so gut wie nie ein Touristenvisum. Die Bürger fast aller afrikanischen, amerikanischen und selbst die der kleinsten asiatischen und europäischen Republiken brauchen es nicht. Warum dann Griechen?

Egal, ich muss Bella von der sambischen Botschaft anrufen und darauf hinweisen, dass die Zeit drängt. Bella geht nach 40-minütiger Warteschleife ans Telefon, droht allerdings, meinen Visumsantrag angesichts "fehlender Nachweise" abzuweisen. Und legt gleich wieder auf.

Befürchtet sie im Ernst, dass eine Griechin sich trotz Wohnsitz in Kapstadt und München im sambischen Hinterland absetzen könnte? Wutentbrannt möchte ich wieder anrufen. Lasse es aber bleiben.

Stattdessen sende ich per Kurier eine große Pralinenschachtel mit einer Dankeskarte voller flehender Worte an Bella. Am nächsten Morgen erhalte ich den Anruf: Mein Visum darf abgeholt werden. Na also, denke ich. Wir Griechen und Sambier verstehen uns doch ganz gut.

"Passen Sie gut auf sich auf, Lady"

Zwei Tage später stehe ich am Flughafen von Livingstone in Sambia. Meine Freunde aus Deutschland und Südafrika bekommen ihre Pässe ohne weitere Fragen abgestempelt - ich muss warten.

Ein junger Beamte sieht meinen Pass und sagt gleich: "Oooh!"

Ich vermute, dass er die griechische Schrift nicht lesen kann. Weit gefehlt. Dieser sambische Grenzbeamte erzählt ausschweifend die Geschichte von Herakles und seinen Heldentaten, Odysseus und seinen Irrfahrten sowie Paris und seinen Liebesabenteuern, statt meinem Visum auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Ich nicke anerkennend, zumal ich in Kapstadt noch gefragt wurde, ob Griechenland in Asien liegt.

Der Sambier winkt mich durch. Fast bin ich vorbei, da erlaubt er sich doch noch einen kleinen Scherz: "Aber passen Sie gut auf sich auf, Lady. Wer weiß, ob Herakles im Moment so schnell zur Rettung eilen kann."

Ich beherzige seinen Rat nur in der ersten Woche und begebe mich dann alleine auf eine zweitägige Irrfahrt durch ein paar simbabwische Dörfer.

Irgendwann hänge ich in einem Ort fest - in der "Mitte von Nichts", wie es Südafrikaner nennen. Benny, ein simbabwischer Autofahrer, hat trotz fester Abmachung und Schwüren irgendwie vergessen, mich abzuholen. Das Dorf sind vier Gebäude, drei mit einem einfachen Stofftuch als Tür. Die Zahl der sichtbaren Einwohner ist übersichtlich: vier Frauen, drei Männer, ein paar Ziegen und Hühner.

"Griechenland?"

Die Männer warten darauf, dass sich der klapprige VW-Bus - die einzige Transportmöglichkeit weit und breit - mit 16 Fahrgästen füllt. Doch es gibt nur einen Fahrgast, mich. Einer der Männer macht ein paar Schritte auf mich zu und bittet schon mal um das Fahrtgeld. Er fragt mich, woher ich komme. Ich sage: "Griechenland." "Griechenland?", fragt er. "Ja, Griechenland", sage ich.

"Aus Europa", will ich erklärend hinzufügen, aber er lässt mich nicht zu Wort kommen: "Ich kenne das." Lässig schlendert er zu den anderen unter den Baum zurück und sagt: "Aus Griechenland."

"Oh, aus Griechenland", sagt ein anderer. Alle drei mustern mich. Gefühlte zehn Minuten lang sagt keiner etwas. Dann wirft mir der Fahrgeldeinsammler mit einem Augenzwinkern zu: "No money, eh?"

© sueddeutsche.de/hgn
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