Süddeutsche Zeitung

Dom von Neviges:Gebirgsmassiv und Gottesfels

Der Nevigeser Wallfahrtsdom wurde in den Sechzigerjahren aus Beton errichtet. Das sorgte damals für heftige Kritik, nicht nur wegen der als brutal empfundenen Bauweise. Nun widmet sich eine Ausstellung der Kirche.

Von Joachim Göres

Wie ein Gebirge aus Beton - so sieht der 1968 eröffnete Wallfahrtsdom von Neviges aus. Mit mehr als 6000 Sitzplätzen ist er im Erzbistum Köln nach dem Kölner Dom die größte katholische Kirche. Und es ist architektonisch gesehen eine ganz besondere Kirche, deren Schöpfer Gottfried Böhm vor 100 Jahren geboren wurde und der das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt/Main derzeit eine Ausstellung widmet: "Böhm 100: Der Beton-Dom von Neviges".

Sichtbeton wurde in den Sechzigerjahren von vielen Architekten favorisiert, doch schon damals regte sich daran heftige Kritik. Der von außen fast fensterlos wirkende Beton-Gigant mit seinem charakteristischen Faltdach und den unterschiedlich geneigten Flächen erinnerte nicht wenige Menschen an einen Bunker. Der Gründungsdirektor des Deutschen Architekturmuseums, Heinrich Klotz, wird in der Ausstellung mit den Worten zitiert, dass das Monument der Pilgerkirche "sich wie ein riesenhafter Gottesfelsen aus dem Boden der Stadt herauskristallisiert... so als müsse dazu aufgefordert werden, das ganze Städtchen aus Rücksicht auf die Kirche neu zu bauen." Andere sprechen dagegen von einem Architekturwunder.

In jedem Fall ist es ein alles überragender katholischer Dom in einer mehrheitlich evangelisch geprägten, mit 19 000 Einwohnern eher kleinen Gemeinde. Es ist eine Kirche, die architektonisch nichts mit ihrer Umgebung zu tun hat. Ausschlaggebend für die Realisierung des Entwurfes von Böhm war der damalige Erzbischof Joseph Kardinal Frings. Das fast blinde Kirchenoberhaupt soll die Modelle der Wettbewerbsteilnehmer ertastet haben. Frings lehnte den von einer Jury bestimmten Siegerentwurf ab und setzte sich für Böhm ein. Böhm hatte als Einziger einen zum neuen Gotteshaus ansteigenden Pilgerweg zusammen mit weiteren Bauten wie Pilgerhaus und Kindergarten vorgesehen, um die Wirkung des Doms noch zu verstärken.

"Ich kann mich gut an die Aufregung über die Entscheidung der Kirchenoberen erinnern. Wir waren an die überfüllte und dunkle alte Wallfahrtskirche gewöhnt - und dann das Staunen über die überragende Raumwirkung. Meine Verwandten nannten den Dom das Zelt Gottes unter den Menschen." Das hat eine aus Neviges stammende Person ins Gästebuch geschrieben, die damit den Blick auf das Innere lenkt. Auch hier dominiert unverputzter Beton. Menschen wirken unter dem hohen riesigen Dach wie Miniaturen. Rötliches Licht verbreitet sich durch das der Jungfrau Maria gewidmete, selbst an trüben Tagen rot leuchtende große Rosenfenster. In einem in der Ausstellung präsentierten Film von der Einweihung ist zu erahnen, wie das Rosenbild und die Dimensionen des Wallfahrtsdoms die Menschen beeindruckten.

Naturgemäß kann eine Ausstellung, die sich weitgehend auf Texttafeln, Pläne und Fotos beschränkt, nicht den Eindruck des echten Doms vermitteln. Doch es gelingt, den Blick auf wichtige Elemente zu lenken. So stehen zwei von Böhm entworfene Stühle aus dem Mariendom in der Ausstellung, mit der Aufforderung "Bitte nehmen Sie Platz!" Man sitzt auf einem schwarzen Kunststoffsitz mit Kunststoffrückenlehne, die auf einem Stahlgestell angebracht wurde. Auf der Rückseite des Stuhls gibt es eine Armlehne und eine Stufe, zum Niederknien und Beten - einfaches und praktisches Mobiliar, das sich klar von schweren Kirchenbänken abhebt.

Die Ausstellung verschweigt nicht die architektonischen Schwächen des Doms. Schon bald nach der Einweihung war das Dach undicht, durch Temperaturschwankungen hatten sich Risse gebildet. Nach einer wenig erfolgreichen Sanierung in den Achtzigerjahren wird derzeit die 2700 Quadratmeter große Dachfläche nach einem speziell an der Technischen Hochschule Aachen entwickelten Verfahren saniert. Dabei werden mehrere Lagen von Spritzbeton und Carbonmatten eingesetzt. Die oberste Spritzbetonschicht wird mit rötlichen Pigmenten gemischt, um den Farbton des Altbetons zur Entstehungszeit zu imitieren.

Der Ausstellung hätte es gutgetan, die Menschen aus Neviges zu Wort kommen zu lassen - was haben sie einst von den Bauplänen gehalten? Wurden sie überhaupt angehört, gab es Streit zwischen Katholiken und Protestanten, wie sehen sie den Dom heute? Sinnvoll wäre auch gewesen, auf die Entwicklung und Verbreitung des Brutalismus - ein von dem Begriff béton brut (roher Beton) geprägter Begriff - im Kirchenbau allgemein einzugehen. Und es wäre zu wünschen, dass die Ausstellung auch am eigentlichen Ort des Geschehens präsentiert wird.

Heute würde man die Pilgerkirche wohl anders bauen, und zwar aus einem einfachen Grund: Es kommen immer weniger Pilger, die Kirche ist nur an zwei Tagen im Jahr ganz gefüllt.

Die Ausstellung ist noch bis 27. September im Deutschen Architekturmuseum zu sehen (Frankfurt/Main, Schaumainkai 43). Die Öffnungszeiten: mittwochs von 10-20 Uhr, dienstags sowie donnerstags bis sonntags von 10-18 Uhr, am Montag geschlossen. Der Mariendom in Neviges, ein Ortsteil der Stadt Velbert, ist täglich von 9-17 Uhr geöffnet.

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Quelle:
SZ vom 30.05.2020
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