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Dispokredit und Überziehungszinsen:Schock am Monatsende

Nur jeder fünfte Kunde mit Dispokredit überzieht sein Girokonto, nur jeder 25. reißt dabei den Kreditrahmen. Die Vorsicht ist berechtigt - wegen der horrenden Zinsen. Die Gefahr liegt oft im Kleingedruckten.

Der Dispokredit ist für viele Bankkunden der bequemste Weg, immer flüssig zu bleiben. Ist das Guthaben auf dem Girokonto vor Ende des Monats aufgebraucht, erlaubt die Bank meistens, das Konto bis zum Dreifachen des Gehalts oder der Rentenzahlung zu überziehen. Nur die zum Teil hohen Zinsen für den kurzfristigen Kleinkredit können diese kleine Freude des Alltags trüben.

Die roten Zahlen auf allen privaten Lohn-, Gehalts-, Renten- und Pensionskonten belaufen sich nach Angaben der Bundesbank derzeit auf zwölf Milliarden Euro - ein schier unerschöpfliches Einnahmereservoir für die Kreditinstitute. Doch viele Bankkunden passen offenbar gut auf, diese Geldquelle für die Banken nicht noch mehr sprudeln zu lassen. Das zeigt eine neue Untersuchung der FMH-Finanzberatung in Frankfurt und des Düsseldorfer Finanzexperten Udo Keßler, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

"Gewollte Intransparenz"

FMH und Keßler befragten 28 Institute, darunter zahlreiche namhafte Geschäfts- und Direktbanken sowie einige große Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Das überraschende Ergebnis: Nur knapp jeder fünfte Kunde, der über einen Dispokredit verfügt, nimmt das Angebot überhaupt in Anspruch - und das eher in bescheidenem Umfang. Ist das Girokonto überzogen, beläuft sich bei ihnen das Minus im Zwölf-Monats-Schnitt auf 1043 Euro. Diszipliniert ist die große Mehrheit der Bankkunden auch beim Einhalten des Kreditrahmens: 96 Prozent wagen es nicht, den von der Bank vorgegebenen Spielraum zu überschreiten. Nur jeder 25. Dispo-Nutzer verschuldet sich über die Obergrenze hinaus und nimmt dafür die meist üppigen Zinszuschläge in Kauf. Im Schnitt wird das Limit laut der Studie aber nur um 207 Euro überzogen.

Die Vorsicht der Verbraucher ist berechtigt: Die Fallen, das belegt auch diese Studie, liegen wie so oft im Kleingedruckten. "Bei manchen Geldhäusern muss man leider von einer gewollten Intransparenz sprechen", kritisiert Keßler.

Der Finanzexperte, der früher selbst bei der Verbraucherzentrale NRW gearbeitet hat, bildete auf Basis der Umfrage-Ergebnisse zwei Musterfälle. Im ersten Fall geht es um eine Familie mit einem Nettoeinkommen von 3100 Euro im Monat. Das entspricht laut Statistischem Bundesamt in etwa dem Durchschnitts-Nettoeinkommen der deutschen Haushalte. Die Musterfamilie schöpft ihren Dispo von 9300 Euro (drei Nettogehälter) 20 Tage pro Monat mit dem ermittelten Durchschnittswert von 1043 Euro aus. Am wenigsten zahlt sie bei der Deutschen Skatbank. Diese Direktbank ohne Filialen verlangt dafür lediglich 34 Euro fürs ganze Jahr hochgerechnet. Fast das Dreifache kostet das Überziehen in dieser Höhe auf dem Komfortkonto der Targobank, der früheren Citibank. Hier wurden gleich 90 Euro fällig. Knapp darunter liegen die Großbanken mit Zinskosten von um die 80 Euro.

Illustration: Stefan Dimitrov/SZ

Die Targobank wirbt mit einer kostenlosen "Dispo-Freigrenze für ein entspanntes Monatsende". Sie solle "ein komfortabler, kostenloser Puffer" sein, "wenn es auf dem Konto einmal eng wird". Dieser Puffer entpuppe sich tatsächlich allerdings "häufig als Luftnummer", sagt Keßler. Denn je nach gewähltem Girokonto sind nur für die ersten 50, 100 oder 200 Euro keine Dispozinsen zu zahlen. Wird diese Grenze wie bei der Modellfamilie um nur einen Euro überschritten, verpufft der Puffer. Hinzu kommt: Die Zinssätze für die Dispokredite versteckt die Bank auf ihrer Homepage im Preis- und Leistungsverzeichnis. Bei den Konditionen für die Girokonten sucht der Kunde vergeblich.

Hohe Gebühren für Leben auf Pump

Im zweiten Musterfall der Untersuchung geht es um eine Person mit Geldproblemen. Immerhin jeder zehnte Haushalt in Deutschland gibt an, mit dem monatlichen Einkommen "schlecht" oder "sehr schlecht" zurechtzukommen. Als Prototyp dafür hat Keßler einen Single gewählt, der 1800 Euro netto pro Monat verdient und seinen dreimal so großen Dispo von 5400 Euro intensiv nutzt. Tag für Tag ist er mit seinem Girokonto mit mindestens 4200 Euro in den Miesen. Er macht aber in der Regel keine neuen Schulden. Nur einmal überschreitet er wegen einer Autoreparatur für 26 Tage den Disporahmen um im Schnitt 2786 Euro, schafft es im selben Monat aber, die Obergrenze wieder zu unterschreiten.

In diesem Fall zeigt sich, warum das Thema "überhöhte Dispozinsen" sogar in den vergangenen Bundestagswahlkampf gelangte: Die Kosten schnellen in diesem Fall hoch. Selbst beim günstigsten Institut, der Skatbank, sind fürs ganze Jahr noch etwa 243 Euro fällig, gefolgt von der PSD-Bank Berlin Brandenburg mit 330 Euro und der ING-Diba mit 395 Euro. Bei den Großbanken und großen Sparkassen kann so ein Leben auf Pump bereits zwischen knapp 480 und mehr als 600 Euro kosten. Die Targobank liegt mit ihrem Komfortkonto und 649 Euro Zinsen wieder auf dem letzten Platz.

Manche Institute erheben auch einfach eine Pauschalgebühr

Die Kritik der Stiftung Warentest an den hohen Zinszuschlägen bei Überschreiten des Disporahmens scheint jedoch langsam zu wirken. Einige Geldhäuser wie die Deutsche Skatbank, die ING-Diba, die Volkswagenbank sowie ein paar Sparda- und PSD-Banken verzichten darauf, bei klammen Kunden extra abzugreifen. Die reinen Zinszuschläge, also der Überziehungszins minus dem Dispozins, fallen allerdings auch weniger stark ins Gewicht, als dies die öffentliche Diskussion darüber vermuten ließe. So kassieren die untersuchten Banken Zinszuschläge von bis zu 5,5 Prozentpunkten (siehe Tabelle); in dem Musterfall für die 26-tägige geduldete Überziehung des Disporahmens lediglich zwischen 4,02 und 11,07 Euro zusätzlich. In diesem Rahmen bewegt sich auch die Pauschalgebühr, die manche Institute anstelle des Zinszuschlags als Minimum erheben: Sie beläuft sich zum Beispiel bei der Deutschen Bank auf 6,90 Euro pro Quartal.

Keßler kommt daher zu dem Schluss: "Die Institute können den Zinszuschlag für die Überziehung ruhig beibehalten, wenn sie dafür die Dispozinsen kräftig auf deutlich unter zehn Prozent senken würden." Zweistellige Zinssätze seien nicht akzeptabel, wenn zugleich der Leitzins der Europäischen Zentralbank auf einem Rekordtief von 0,15 Prozent liegt.

Im Juli 2013 hatte sich der durchschnittliche Dispozins, den die FMH-Finanzberatung wöchentlich bei ausgewählten Instituten ermittelt, auf 10,45 Prozent belaufen. Ende Juli 2014 lag der Wert bei glatt zehn Prozent. Viel geändert hat sich also nicht. Das muss auch nicht sein, davon ist zumindest Stephan Götzl, Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern, überzeugt. Er argumentiert: Zu günstige Zinsen verführten Kunden sogar eher, ihr Konto zu überziehen.

© SZ vom 28.07.2014/kfu

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