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Diskussion um IWF-Chefposten:Wer zahlt, schafft an?

Die Europäer wollen unter sich ausmachen, wer nächster IWF-Chef wird. Denn es geht um mehr als um einen Spitzenjob mit hohem Salär: Strauss-Kahns Nachfolger soll die Hilfskredite für Portugal und Co. sichern. Doch der Internationale Währungsfonds darf nicht zum Selbstbedienungsladen für abgehobene Europäer werden.

Die Entscheidung, wer nächster Chef des Währungsfonds IWF wird, ist viel mehr als nur eine bloße Personalie. Es muss nicht nur irgendein internationaler Spitzenjob mit steuerverschontem Spitzensalär besetzt werden. Die Finanz- und die Eurokrise zeigen, wie rasant selbst größere Länder an den Rand einer Pleite geraten. Investoren bewegen inzwischen an den Börsen solche Summen, dass sich das Überleben von Staaten binnen weniger Tage entscheidet.

Das genau ist die Aufgabe des IWF: Feuerwehr für solche Großbrände zu sein. Und in einer immer leichter entflammbaren Wirtschaftswelt sollten die Löschwagen vom besten Mann (oder der besten Frau) kommandiert werden. Deshalb verstört die Ignoranz, mit der die Europäer die Personalie nach Proporz bestimmen wollen.

Europa legt sich immer eindeutiger auf die französische Finanzministerin Christine Lagarde als Nachfolgerin von Dominique Strauss-Kahn fest. Die Europäer nennen dafür drei Argumente, die alle drei zweifelhaft sind. Erster Grund: Es war schon immer so. Ja, Europa besetzt seit Jahrzehnten den Posten. Doch anders als früher besitzen heute die Schwellenländer so viel ökonomisches Gewicht, dass ihnen genauso die Aufseher-Rolle über das Finanzsystem zusteht.

Als zweiten Grund führt Finanzminister Wolfgang Schäuble jetzt an, Europäer und Amerikaner leisteten die höchsten Beiträge für den IFW. Wer zahlt, schafft an? Ja, Inder oder Chinesen sollten ihre Ansprüche auf mehr Mitsprache durchaus mit mehr Geld untermauern. Doch Schäubles Definition greift zu kurz, als dass sie die Verschiebung der ökonomischen Gewichte erfassen würde. Die mit Abstand höchsten Devisenreserven besitzen heute Japan und China. Falls sie ihre US-Staatsanleihen verkaufen, bricht die größte Wirtschaftsmacht der Erde zusammen. Wer um diese neuen Rollen in der Finanzwelt weiß, sollte die Schwellenländer nicht wie Zaungäste behandeln, sondern ihre Kandidaten für die IWF-Spitze prüfen - ob sie nun aus Singapur kommen, aus Mexiko oder Thailand.

Europas drittes Argument lautet, Madame Lagarde sei die beste Kandidatin. Ja, die Französin verhandelte als Ministerin geschickt und bringt aus ihren Jahren in einer US-Anwaltskanzlei Auslandserfahrung mit. Doch sie arbeitete nie länger in einer internationalen Organisation. Und: Französische Staatsanwälte könnten Mitte Juni Ermittlungen gegen sie aufnehmen, wegen alter Vorwürfe der Begünstigung - noch ein IWF-Chef mit Justizproblemen wäre das Letzte, was die Organisation verkraften könnte.

Ohnehin scheint es einfach falsch zu sein, den nächsten Franzosen in das Amt zu schieben. Strauss-Kahns Absturz wirkt auch wie ein Sinnbild für die Abgehobenheit der französischen Elite, für die Hybris mancher Ena-Kraten, denen das Herrschen in Palästen zu Kopf steigt. Frankreich stellte schon vier von zehn IWF-Chefs; an der Spitze der Welthandelsorganisation und der Europäischen Zentralbank stehen Franzosen. Der Westen sollte bei den Schwellenländern den Eindruck vermeiden, internationale Organisationen seien ein Selbstbedienungsladen für ein bestimmtes Elitemodell.

Der wahre Grund, warum sich die Europäer an den IWF-Job klammern, dürfte die Eurokrise sein. Ein Drittel der Hilfskredite für Portugal und Co. stammt vom Währungsfonds. Lagarde soll den Geldstrom sichern, den ein Mexikaner womöglich verweigert. Diese Sichtweise ist nachvollziehbar, aber kaum sachgerecht. Warum sollten die Europäer beim IWF einen Heimvorteil genießen?

Als Ende der neunziger Jahre asiatische Staaten in die Krise rutschten, mussten sie ihre Hilfsanträge begründen und konnten das Geld nicht einfach abzapfen. Die neue Weltordnung besteht aus verschiedenen Machtzentren, mit der alten Hegemonie ist es vorbei. Besser der Westen nimmt das zur Kenntnis, bevor er seine Glaubwürdigkeit im Rest der Welt verspielt.

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