Digitalisierung Haustür öffne dich

Schnell rein: Mit neuen Systemen lassen sich Türen auch mit einem Transponder oder dem Smartphone öffnen.

(Foto: Ana Druga/Kiwi)

Ein Berliner Start-up entwickelte ein elektronisches Eingangssystem, das inzwischen von vielen Vermietern eingesetzt wird. Das Unternehmen könnte damit den technologischen Wandel in der Immobilienbranche voranbringen.

Von Steffen Uhlmann

Ein armer Mann beobachtet, wie Räuber einen Berg dazu bringen, sich zu öffnen. Sie rufen "Sesam, öffne dich!" Als die Räuber fort sind, ruft auch er das Zauberwort und findet im Berg einen Haufen Schätze. So kann's gehen. Die Geschichte von Claudia Nagel hat nichts von einem Märchen, aber auch ihr Ausgang hat sich für sie gelohnt. Nagel ist heute Geschäftsführerin von Kiwi.ki, einem schnellwachsenden Hardware-Unternehmen, das sie mit Peter Dietrich und Christian Bogatu 2012 in Berlin gegründet hat.

Begonnen aber hat alles schon 2007, als die junge Frau bei strömendem Regen mit schweren Einkaufstüten am und schreiendem Kleinkind im Arm vor ihrer Haustür stand und verzweifelt den passenden Schlüssel suchte. Damals habe sie sich gefragt, ob es im 21. Jahrhundert nicht eine intelligentere Lösung gibt, sich Einlass zu verschaffen, erzählt sie ihre Geschichte, die sie zur Unternehmerin machen sollte. "Ja", sagt Nagel, "damals ist mir die Idee für den elektronischen Schlüssel gekommen."

Für ein System, mit dem man schlüssel- und berührungslos Haus- und bei Bedarf auch Wohnungstüren von Mehrfamilienhäusern öffnen kann. "Ein kleiner Transponder, der Kiwi, sendet, sobald sich der Nutzer der Haustür nähert, einen verschlüsselten Code an einen hinter dem Klingeltableau unsichtbar installierten Türsensor", erklärt Nagel das Prinzip. "Die Tür wird entriegelt, und man kann sie dann mit Schulter oder Fuß aufstoßen." Wichtig für die Erfinder war dabei, dass ihr System Kiwi Smart Entry die Funktion des Türschlosses nicht einschränkt. Damit ist gewährleistet, dass die herkömmlichen Schlüssel weiterhin zum Türöffnen genutzt werden können. Damit sei Kiwi kein Ersatz, sondern eine Ergänzung der mechanischen Schließanlage. Alternativ zum Kiwi-Schlüssel lässt sich die Haustür über eine App entriegeln. Ein Service, den vor allem Vermieter oder Berufstätige schätzten, weiß die Kiwi-Gründerin. Schließlich könnten sie so jederzeit und aus der Ferne Dienstleistern wie Handwerkern oder Postboten Zutritt zum Haus gewähren.

Was da jetzt so "smart" klingt, hat von der Idee bis zu ihrer Umsetzung viel Zeit, Kraft und Geld in Anspruch genommen. Das Trio musste mehrere Entwicklungs- und Finanzierungsrunden hinter sich bringen, ehe es am Markt starten konnte. Neben dem Kapital wurde vor allem das Thema Sicherheit zu einem der Schlüsselprobleme für das Start-up. Schließlich ist der Hausschlüssel für das Gros der Menschen mehr als ein Stück Metall. Sein Verlust, das lässt sich an einer über 2000-jährigen Geschichte festmachen, kommt noch immer einer kleinen Katastrophe gleich.

Im Fall des Transponder-Verlustes kann man per I-Phone und App die Tür öffnen. Zudem ist ein berechtigter Kiwi-Nutzer von allen Ecken und Enden der Welt und über jeden gängigen Browser in der Lage, sich bei der Kiwi-App anzumelden, um so ins Haus zu kommen. Bereits in der Entwicklungsphase ließen die Kiwi-Gründer ihr System mehrmals von Verschlüsselungsexperten und Hackern prüfen und sicherer machen. "Und wir fahnden weiterhin kontinuierlich nach möglichen Sicherheitslücken", sagt Karsten Nölling, der vor mehr als drei Jahren zu Kiwi.ki stieß und nun dort die Geschäfte führt. Doch eine absolute Sicherheit, das weiß Nölling, gibt es auch bei elektronischen Systemen nicht. Schließlich macht der gewöhnliche Einbrecher nicht viel Federlesen mit kniffligen Schließsystemen. "Der greift", so Nölling, "gleich zur Gewalt."

Ein großes Thema ist auch der Datenschutz. Um dem Datenmissbrauch zu begegnen hat man sich entschlossen, keine Nutzungsprofile zu erstellen. Damit wird nicht ersichtlich, wer wann durch welche Tür gegangen ist. "Daten, die bei uns nicht vorliegen, können bei uns auch nicht ausspioniert, gestohlen oder missbraucht werden", sagt Nölling. Das mache Kiwi zu einer sicheren Alternative zum herkömmlichen Metallschlüssel.

Der Markt ist riesig: Allein in Berlin gibt es etwa 150 000 Mehrfamilienhäuser, deutschlandweit sogar mehr als drei Millionen - Tendenz weiter steigend. Das Start-up hat verschiedene Vertragsmodelle für seine Kunden erarbeitet, die vor allem auf Wohnungsunternehmen zugeschnitten sind. Demnach erhalten die Hausbesitzer das elektronische Eingangssystem, einschließlich Einbau, kostenlos. Dafür erhebt dann Kiwi.ki pro Tür und Nutzer eine monatliche Gebühr zwischen drei und vier Euro. Die Investitionen machen sich für das Unternehmen also erst mit der Zeit und mit steigender Nutzerzahl bezahlt. Wie viel Umsatz das Unternehmen derzeit macht, verrät Nölling nicht. "Wir haben aktuell fast 5000 Mehrfamilienhäuser angeschlossen", rechnet er hoch. Dazu gehörten mehr als 60 000 Wohneinheiten, etwa 40 000 davon in Berlin.

Die Deutsche Wohnen kaufte sich mit etwa zwölf Prozent bei dem jungen Unternehmen ein

Finanziell und unternehmerisch fühlen sich die Kiwi-Leute dennoch auf der sicheren Seite. Die Kapitalgeber denken bisher nicht daran, auszusteigen. Und mit der Deutschen Post und dem Berliner Recycling-Unternehmen Alba hat man potente Dienstleister als Partner gefunden. Die Degewo, mit 75 000 Wohnungen einer der größten Vermieter in Berlin, setzt bei ihren mehr als 5300 Häusern verstärkt auf das schlüssellose System des Berliner Start-ups. Hinzu kommen als Kunden weitere 300 Wohnungsunternehmen, zumeist Mitglieder des Spitzenverbandes der Wohnungswirtschaft GdW, mit dem Kiwi.ki 2017 ein Kooperationsabkommen abgeschlossen hat. Trotzdem ist man noch nicht in den schwarzen Zahlen, wie Claudia Nagel zugesteht. In anderthalb Jahren allerdings wolle man so weit sein,versichert sie. "Dann haben wir etwa 200 000 Wohneinheiten unter Vertrag."

Zuversicht bereitet den Geschäftsführern vor allem der im Sommer 2017 geschlossene Vertrag mit dem Unternehmen Deutsche Wohnen. Demnach rüstet das Unternehmen künftig seinen Gesamtbestand mit dem Kiwi-Türzugangssystem aus - etwa 160 000 Wohn- und Geschäftseinheiten. Zugleich kaufte sich das Unternehmen mit etwa zwölf Prozent bei dem Start-up ein. "Wir sind geradezu glücklich, die Deutsche Wohnen als strategischen Partner für uns gewonnen zu haben", sagt Nölling. Der Einstieg sei ein klares Zeichen dafür, dass das Thema Digitalisierung auch in der Immobilienwirtschaft angekommen ist.

Claudia Nagel hat den Aufbau eines Full-Service-Unternehmens für die Wohnungswirtschaft im Kopf, das natürlich auch den Bewohnern zugute kommt: erst der Haustürschlüssel, dann der Wohnungstürschlüssel, schließlich der "elektronische Schlüssel" zum Kühlschrank nebst interaktivem Lieferservice - "das muss kein Traum bleiben", sagt sie nüchtern. "Wir arbeiten dran."