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Digitalisierung:Das Verschwinden der Bücher

Der Bookinist ist Regal und Lesesessel zugleich.

(Foto: Nils-Holger-Moormann/OH)

Immer mehr Menschen lesen an elektronischen Geräten. Damit werden auch Bücherregale weitgehend. nutzlos. Wie die Digitalisierung das Wohnen verändert.

Bücher haben es nicht leicht dieser Tage. Schwergewichte wie Atlanten und Nachschlagewerke kommen zuerst weg. Beim Buchhändler ums Eck gibt es die zehnbändige "Geschichte des Universums" inzwischen für 29,90 Euro, die vierbändige Literaturgeschichte für 19,90 Euro. Der Brockhaus steht in der zweiten Reihe und wirkt wie aus der Zeit gefallen angesichts von Wikipedia und Expertenforen im Netz. Auch daheim wirkt die Digitalisierung wie eine Einübung ins Großreinemachen. Da steht zwar noch Billy, das ikonische Ikea-Regal, aber darin stauben inzwischen Vasen und Urlaubsandenken vor sich hin. Die eigene Bibliothek ist im Lesegerät verschwunden oder in Auflösung.

Vor gar nicht allzu langer Zeit bot ein Besuch immer auch die Gelegenheit, an der Bücherwand vorbeizuschlendern, den einen oder anderen Titel in die Hand zu nehmen - "Was, das haben Sie auch" zu murmeln, und sich so ein Bild zu machen von den Vorlieben der Leute. Manche breiteten da die halbe Lebensgeschichte als Lesegeschichte aus, andere hatten alle Reiseführer fein säuberlich versammelt, einschließlich Zeitungsausrissen und Urlaubsprospekten - es gab sogar Freaks, die Erstausgaben sammelten und bei jeder Neuerwerbung die ersten und letzten Seiten aufschlugen, um die Angaben an der Titelei schwarz auf weiß zu überprüfen. Die Titel standen dort im Alphabet oder sogar thematisch, wobei in solchen Fällen Außenstehende nie ganz den Sinn der Sortierung verstanden.

Solche Gelehrtenstuben gibt es wohl noch, aber das Buch hat als Ausweis von Bildung und Geschmack seinen Logenplatz verloren. Der Zweikampf Regal gegen Fernseher ist entschieden. Der 50-Zoll-Monitor mit Dolby-Surround wird nicht mehr hinter einer Schiebewand verborgen (was nur schwer möglich wäre), er prangt direkt an der Wand - und gleicht mit seinen eleganten Kanten inzwischen selbst einem Rahmen für wechselnde Bildinhalte.

Laut der Hamburger "Stiftung für Zukunftsfragen" rangiert Fernsehen auf Platz eins der häufigsten Freizeitbeschäftigungen der Bundesbürger - und das seit 1986. Das war das Jahr, in dem Argentinien Fußball-Weltmeister wurde gegen Deutschland und Kapitän Diego Maradona zur "Hand Gottes". Dicht hinter dem Fernsehen folgen Radio- und Musikhören. Dann kommt das Telefonieren (von zu Hause). Erst dann kommt das Internet. Nun darf man skeptisch sein, was die Zahlen angeht - und die genaue Reihenfolge, da mobile Kommunikationsgeräte zwar ganz genau protokollieren, was man so macht, aber man im Grunde ja alles zugleich und durcheinander macht: Fernsehen, Musik hören, Texten, Quatschen und Bilder posten. Lesen schafft es bei der Umfrage der Nürnberger Marktforscher GfK vom Juli 2018 nur auf Platz elf, und zwar als "Zeitungen/Zeitschriften lesen". Ein Eintrag "Bücher lesen" kommt gar nicht vor.

Wohin also mit den ganzen Bibliothekstrittleitern, Bücherregalen und gemütlichen Sesseln, die dem Bücherschwund womöglich auf den Sperrmüll folgen? Wohin vor allem mit dem "Bookinisten", den Verleger und Designer Nils Holger Moormann im Jahr 2007 aus einer Laune heraus entwickelte und gerne betont, wie er vom Erfolg des Möbels überrascht worden sei. "Rund 80 Taschenbücher lassen sich griffbereit in Arm- und Rückenlehnen verstauen", heißt es in der Beschreibung. Dazu gibt es eine Klappe und darunter Fächer für Utensilien wie "Leselupe, Lesezeichen, Stift, Spitzer und Notizbuch" sowie eine Leselampe. Der Lesesessel lade zum "Schmökern und Sinnieren" ein - braucht aber bald einen USB-Anschluss und ein drahtloses Ladesystem.

Die über Jahre angehäuften Schätze landen kistenweise im Keller

Bücher sind ja eigentlich gar nicht verschwunden, sie haben nur die Form gewechselt. Sie sind entmaterialisiert - und ihre Inhalte gibt es als Download für diverse Lesegeräte. Wenn mehr als "71 Prozent der befragten E-Book-Nutzer" angeben, "digitale Ausgaben aufgrund von Platzersparnis zu lesen", sagt das natürlich auch etwas aus über die durchschnittliche Größe von Wohnungen. Hand aufs Herz: Wer kann sich schon ein ganzes Zimmer leisten voll mit Büchern?

"Umzugserschwernisse", hatte eine befreundete Bibliothekarin einmal ihre persönlichen Bände tituliert und dann unumwunden erklärt, für ein neues Stück müsse eben ein altes weichen. Mit ihrer Aussage war sie ihrer Zeit voraus, denn inzwischen entsorgen selbst eingefleischte Buchliebhaber die über Jahre angehäuften Schätze. Kistenweise landen sie im Keller, vor der Haustür - mit einem kleinen Zettel "Zu verschenken" oder sie werden eingescannt und an den Händler Momox geschickt, wo sie in irgendwelchen Lagern auf Zweitleser warten. Das heißt dann Aufräumen oder Detox, Entschlacken.

Es werde doch noch viel gelesen, antwortete Schriftstellerin Juli Zeh im Dezember 2017 auf die Frage, ob die Deutschen nicht irgendwie lesefaul geworden wären. Und fügte im Gespräch mit dem ZDF in ihrer unnachahmlichen Art hinzu, Lesen gehöre zu den "kulturellen Zaubertricks, mit denen sich Menschen eine gemeinsame Identität schaffen."

Wie wahr. Geschichten prägen ganze Generationen. Doch die gemeinsame Identität war eben früher viel leichter herzustellen, als es nur drei Fernsehkanäle gab und zwei verpflichtende Schullektüren. Es wird natürlich gelesen. Und wie. Es ist aber nicht mehr an ein Medium gebunden. Hinter fetten Schmökern konnte man sich noch gut verschanzen und sich in Bibliotheken und Bücherwänden verstecken. Die vom Buch befreite Wohnung bietet diesen Rückzug nicht mehr. Schade eigentlich.