Süddeutsche Zeitung

Die großen Erbfälle:Das letzte Geheimnis der traurigen Kaiserin

Ein kleiner weißer Zettel soll Jean Hassan Firouzfar zu den Millionen der früheren persischen Kaiserin Soraya verhelfen. Aber auch andere Möchtegern-Erben wittern das große Geld.

Jean Hassan Firouzfar besitzt einen kleinen weißen Zettel, kaum fünf mal fünf Zentimeter groß. Der Zettel ist wenigstens 30 Millionen Euro wert, sagt Firouzfar. Allerdings sagt er das schon ziemlich lange: Er streitet seit fast zehn Jahren um das Erbe der einstigen persischen Kaiserin Soraya. Mehr als 6000 Seiten umfasst die Akte des Kölner Landgerichts zum Erbfall Esfandiary mittlerweile und die Mehrzahl davon befasst sich, genau, mit Firouzfars Zettel.

Dabei hatte Hassan Firouzfar gar nicht besonders viel zu tun gehabt mit Soraya Esfandiary, die als "Kaiserin mit den traurigen Augen" über Jahrzehnte Lieblingsobjekt des internationalen Boulevards war. Als Tochter des früheren persischen Botschafters und seiner deutschen Ehefrau wuchs Soraya großteils in Berlin auf. 1951, kaum 18 Jahre alt, wurde sie die zweite Ehefrau von Schah Mohammad Reza Pahlavi, des damaligen persischen Herrschers.

Die Presse feierte Soraya schnell als die schönste Frau ihrer Zeit, doch zumindest der kaiserliche Glanz war schnell wieder passé: Die Ehe kriselte, weil Soraya nicht schwanger wurde. Pahlavi aber brauchte, dringender noch als eine schöne Ehefrau, vor allem einen Thronfolger - nach sieben Jahren Ehe wurde Soraya vom kaiserlichen Hof verbannt. Pahlavi ersetzte sie schnell: Ein Jahr später heiratete er, damals bereits 40, die 19-jährige Farah Diba, die ihm schließlich vier Kinder schenken sollte.

Soraya hingegen flüchtete nach Paris, im Gepäck nicht nur die Schmach, sondern auch eine millionenschwere Abfindung. Fortan legte sie sich eine Villa auf Marbella zu und eine Wohnung in Paris, sie ließ ihren Hund in einer Limousine um den halben Globus chauffieren, weil er Flugangst hatte. Zudem pflegte sie zahlreiche Affären, darunter mit dem griechischen Reeder Aristoteles Onassis.

Die schönste Frau ihrer Zeit war sie vielleicht immer noch, aber glücklich wurde sie nicht: "Das Leben hat mich hintergangen", zog sie in ihrer Autobiografie Bilanz. 2001 starb sie, 69 Jahre alt, in ihrer Wohnung in Paris: Herzversagen lautete die offizielle Diagnose, ausgelöst durch die langjährige Einnahme hoher Dosen Anti-Depressiva.

Was mit ihrem Vermögen geschehen sollte, hatte Soraya klar geregelt: Zahlreiche Tierschutzorganisationen wurden bedacht, der Großteil aber sollte an ihren fünf Jahre jüngeren Bruder Bijan gehen, ihren "treuesten Freund", wie sie formulierte.

Die Unterschrift ist echt

Doch die Existenz des Bijan Esfandiary war ebenso unglücklich wie die seiner Schwester: Einsam und aufgedunsen vegetierte er vor sich hin, die Nachricht von Sorayas Tod trieb ihn endgültig in die Verzweiflung: "Jetzt habe ich niemanden mehr, mit dem ich reden kann", und dieser Satz wirft die Frage auf, wie innig sein Verhältnis zu Jean Hassan Firouzfar eigentlich gewesen sein kann, zu dem Mann mit dem weißen Zettel.

Bijan Esfandiary jedenfalls machte sich gegen den Rat seiner Ärzte auf den Weg von Köln nach Paris, um die Trauerfeier für seine Schwester vorzubereiten - er erlebte sie nicht mehr. Vollgepumpt mit Alkohol und Methadon starb er nur sechs Tage nach seiner Schwester in einem Pariser Krankenhaus. Eingeliefert wurde er von Jean Hassan Firouzfar, der später sagen sollte, er wäre "ein ganz enger Freund" Esfandiarys gewesen.

Und der den weißen Zettel besitzt: fünf mal fünf Zentimeter vielleicht, mit ein paar eilig hingeschmierten Worten, die Bijan Esfandiary nur 15 Minuten vor seinem Tod verfasst haben soll. Unter dem Titel "Bijans Wille" steht da: "Mr. Hassan Firouzfar - Der Retter No. one and my only Friend nenne ich als mein allein Erber."

Wer erbt die Millionen?

Soll nun also Hassan Firouzfar das Schmerzensgeld der verstoßenen Kaiserin Soraya bekommen? Die Villen, die Autos, die Millionen? Das Amtsgericht in Köln war dagegen, aber bis dahin waren es ja auch erst 2000 Seiten in der Akte zum Erbfall Esfandiary. Längst duellieren sich vor dem Kölner Landgericht die Gutachter: Dass die Unterschrift unter Bijans Wille echt ist, steht mittlerweile außer Zweifel - nicht aber die Frage, ob einer eine Viertelstunde vor seinem Tod in der Lage ist, über den Verbleib von 30 Millionen Euro zu urteilen.

Firouzfars Vertreter, der Düsseldorfer Anwalt Claus Jenckel, zeigt sich optimistisch: "Wir haben ein privates Gutachten, wonach die Testierfähigkeit Esfandiarys zu diesem Zeitpunkt absolut gegeben war." Sieht der Gerichtsgutachter das auch so, wird Hassan Firouzfar bald ein reicher Mann sein.

Im Januar soll das Gutachten vorliegen. Blitzen Hassan Firouzfar und sein Zettel ab, darf man sich auf ein skurriles Schaulaufen potenzieller Erben gefasst machen. Denn schon kurz nach Bijan Esfandiarys Tod machten sich echte und vermeintliche Verwandte Hoffnungen auf das Erbe: Kandiaten aus Isfahan und Teheran, aus New York und aus Hessen. Ein Mann aus Siegburg etwa behauptete so überzeugend, der uneheliche Sohn Bijan Esfandiarys zu sein, dass dieser 2002 für einen DNS-Test exhumiert wurde.

Das Ergebnis war negativ, was wenig überrascht angesichts des Umstands, das Esfandiary homosexuell gewesen sein soll. Auch eine Hausfrau aus Sachsen machte sich Hoffnungen, entfernt mit den Esfandiarys verwandt zu sein - auch diese Hoffnung zerschlug sich. Findet sich kein sauberer Erbe, könnte das Vermögen der einstigen Kaiserin Soraya an die Finanzbehörden von Nordrhein-Westfalen gehen. Das Loch im öffentlichen Haushalt, ein ziemlich unglamouröses Ende für die Millionen der traurigen Kaiserin.

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SZ vom 04.12.2010/kst
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