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Die großen Erbfälle: Geld - Macht - Hass:Das lange Sterben der Sunny von Bülow

Der strahlende Mittelpunkt des New Yorker Jetsets fiel plötzlich ins Koma - für 28 Jahre. Dann starb sie. Ihr Mann Claus von Bülow stritt mit den Kindern über Schuld und Geld.

Der Leben der amerikanischen Superreichen bietet reichlich Stoff für Romane und Filme, manchmal auch für ganz reale Geschichten, bei denen die Wahrheit und die Lüge sehr schwer zu unterscheiden sind.

Sunny von Bülow nach Jahrzehnten im Koma gestorben

Als die amerikanische Millionenerbin Sunny von Bülow ins Koma fiel, stand ihr Ehemann Claus von Bülow plötzlich unter Mordverdacht.

(Foto: dpa)

Keiner hat diese Welt der glamourösen Abgründe so wunderbar beschrieben wie der Autor F. Scott Fitzgerald in seinem Zwanziger-Jahre-Roman "Der große Gatsby" - die Einsamkeit der Multimillionäre in ihren entrückten Villen, in ihren seltsamen Beziehungen, hat bei ihm etwas Anrührendes. Und ist nicht der berühmteste Klassiker der Filmgeschichte überhaupt, Orson Welles' "Citizen Kane", ein Abgesang auf Ruhm und Reichtum, erzählt am Beispiel eines kalifornischen Zeitungsmagnaten, der am Pazifischen Ozean ein monumentales Schloss errichtet, nur um in diesem Mausoleum der Gefühlskälte völlig vereinsamt seiner verlorenen Liebe nachzutrauern?

All diese Motive - der verführerische Glanz der High Society, die verzweifelte Suche nach echter Zuneigung, die verhängnisvolle Macht des Geldes - spielen in einem der spektakulärsten Kriminalfälle der US-Geschichte eine wichtige Rolle. Dabei hatte alles so glänzend begonnen für die junge Martha Sharp Crawford, die Tochter eines schwerreichen, aber jung verstorbenen Unternehmers, der in Pittsburgh große Gas- und Elektrizitätswerke besaß.

Exklusive Erziehung

Schon mit vier Jahren besitzt das blonde Mädchen, das alle wegen ihrer heiteren Art nur "Sunny" nennen, ein geschätztes Vermögen von 100 Millionen Dollar. Sunny genießt die Privilegien und eine exklusive Erziehung, sie reist viel ins Ausland und lernt in Kitzbühel einen vier Jahre jüngeren Mann kennen. Alfred von Auersperg, ein österreichischer Prinz, der sich als Skilehrer verdingt, erobert ihr Herz. Mit ihm bekommt sie zwei Kinder, Annie-Laurie und Alexander, aber die Ehe steht unter keinem guten Stern. Zwölf Jahre später ist das Glamour-Paar geschieden.

Sie heiratet Claus von Bülow

Wer als Mann neben Sunny bestehen will, muss etwas darstellen. So wie der aufstrebende Jurist Claus von Bülow, der sich den vermeintlichen Adelstitel selbst verliehen hat. Bülow, Sohn eines dänischen Theaterkritikers, sieht trotz schwindenden Haupthaares blendend aus. Der 1,90 Meter große Mann hat Manieren und weiß, wie man sich in der Welt der Reichen, in den exklusiven Clubs und auf den schicken Partys, darzustellen hat. Bülow dient dem Ölmilliardär J. Paul Getty als persönlicher Assistent. Eine Frau wie Sunny von Auersperg, die ihm in London begegnet, passt ausgezeichnet zu seinen Ambitionen.

Das nach außen hin so attraktive Paar zieht nach New York City und logiert an der Fifth Avenue gegenüber dem Central Park in einem Luxusappartement. Aber das reicht natürlich nicht aus; es muss noch ein prachtvolles Herrenhaus mit Strandzugang her, das Sunny von Bülow wenig später für etliche Millionen Dollar erwirbt. Clarendon Court heißt das Anwesen mit 23 Zimmern in Newport im Bundesstaat Rhode Island - der Blick auf den Atlantik sei atemberaubend, schwärmen die verwöhnten Gäste. Eine Kulisse wie im Film - 1956 fanden hier die Dreharbeiten zur Musical-Verfilmung "High Society" mit Frank Sinatra statt. 1967 wird die gemeinsame Tochter Cosima geboren, die drei Kinder verstehen sich gut, es gäbe also Anlass zur Freude.

Goldener Käfig

Doch richtig glücklich wird die Familie nicht. Claus von Bülow fühlt sich eingesperrt, er möchte raus aus dem goldenen Käfig und drängt ins Licht der Gesellschaft, während sich seine Frau immer mehr zurückzieht. Genüsslich wird später in der Klatschpresse ausgebreitet, wie Sunny, die einst so Strahlende, ihre Abende nur noch vor dem Fernsehen verbringt, wie sie innerlich verkümmert. Dass ihr Ehemann seinen Geschäften nachgeht und sich immer mehr von ihr löst, will sie unbedingt verhindern.

Die Zeit der fröhlichen Dinner-Partys ist vorbei. Dennoch wird viel getrunken in Clarendon Court, die Hausherrin ernährt sich von Süßigkeiten und Aspirin. Das eigentliche Drama beginnt an Weihnachten 1979: Am zweiten Feiertag bemerkt die langjährige Hausangestellte Maria Schrallhammer, dass Sunny immer schwächer wird und das Bewusstsein verliert. Doch der Ehemann weigert sich, einen Arzt zu holen. Schließlich wird sie doch ins Krankenhaus eingeliefert, kurzfristig liegt sie im Koma.

Ein Jahr später, die Lage ist inzwischen noch viel schlimmer: Claus von Bülow findet seine Frau blutend auf dem Schlafzimmerteppich, Aspirin-Vergiftung. An Weihnachten 1980 fällt sie endgültig ins Koma. Der behandelnde Arzt empfiehlt der Familie, auf lebensverlängernde Maßnahmen zu verzichten, sollte sich ihr Zustand weiter verschlechtern. Claus von Bülow stimmt dem Vorschlag zu und hat nun die beiden Stiefkinder gegen sich, die ohnehin schon misstrauisch waren. In ihrem Auftrag sucht ein Detektiv in der Villa nach Beweisstücken. Die Kinder glauben, dass Claus von Bülow ihre Mutter ins Koma befördert hat.

Der Gerichtsprozess in Newport zieht Reporter aus aller Welt an, ist Anlass für endlose Spekulationen. Was wollte Claus von Bülow mit dem Insulin und den Spritzen, die seine Haushälterin kurz vor dem finalen Zusammenbruch in seiner Tasche fand? Und was hat er seiner Geliebten versprochen, der bekannten Fernsehschauspielerin Alexandra Isles? Hat sie ihm wirklich ein Ultimatum gestellt, damit er endlich seine Frau verlässt?

Bülow wird verurteilt - und wieder freigesprochen

Fest steht nur, es geht um gewaltige Summen, denn Claus von Bülows Erbanteil beim Ableben seiner Frau wird auf 14,5 Millionen Dollar beziffert. Alexander und Annie-Laurie, Sunnys Kinder aus erster Ehe, trauen Claus von Bülow alles zu. Der junge Staatsanwalt schließt sich dieser Auffassung an: "Er wollte ein Leben im Luxus mit der Frau, die er liebte - und mit dem Vermögen der Frau, die er dazu ermorden musste." Am 16. März 1982 wird Claus von Bülow wegen Mordes zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt - die Zofe, die Stiefkinder und einige Ärzte haben mit ihren Aussagen die Jury überzeugt.

Claus von Bülow verlässt das Gerichtsgebäude mit einem Lächeln, ein Mann wie er gibt so schnell nicht auf. Mit den besten Anwälten an seiner Seite, unter anderem dem renommierten Harvard-Professor Alan M. Dershowitz, schafft er die juristische Wende: Das Urteil wird aufgehoben, weil der Verteidigung im Verfahren delikate Beweismittel vorenthalten worden wurden.

1985 wird Bülow in Newport von den Mordvorwürfen freigesprochen, aber die Stiefkinder lassen nicht locker; in einem Zivilprozess zwingen sie ihn, einer Scheidung zuzustimmen. 1987 stimmt der Ehemann der Regelung zu, über die Stillschweigen vereinbart wird. Er verlässt die Welt der Superreichen und zieht nach London, wo er bald das ganz normale Leben eines Aristokraten führt. Claus von Bülow verkehrt in edlen Londoner Herrenclubs, wo man ihm bis heute jeden Respekt entgegenbringt. Martha von Bülow dämmert 28 Jahre lang im Koma dahin, bis sie im Dezember 2008 in einem privaten Pflegeheim in New York stirbt.

Natürlich hat auch diese traurige Geschichte seine Fortsetzung gefunden; Hollywood hat das Bülow-Drama nach allen Regeln des Genres ausgeleuchtet. "Reversal of Fortune" hieß der Film, mit Glenn Close und Jeremy Irons in den Hauptrollen. Fortune, das ist ein hübsches Wortspiel, hat eben zwei Bedeutungen - Glück und Vermögen. Nicht immer findet beides zusammen.