Süddeutsche Zeitung

Die Große Depression:Der Schatten von 1929

Nazi-Diktatur und Zweiter Weltkrieg folgten: Die Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise leiten noch heute die Politiker in Washington. Fehler von damals sollen heute vermieden werden.

Nikolaus Piper

In einem früheren Leben war Ben Bernanke, der Präsident der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, Wirtschaftsprofessor in dem beschaulichen Universitätsstädtchen Princeton in New Jersey. Dort schrieb er einmal einen denkwürdigen Satz: "Die Weltwirtschaftskrise zu verstehen, das ist der Heilige Gral der Makroökonomie." Aus heutiger Sicht wirkt dieser Satz prophetisch: Bei dem gesamten Krisenmanagement in Washington steht heute die Große Depression im Hintergrund.

Falsche Reaktion der Politiker

In der populären Geschichtsschreibung erscheint der Gang der Ereignisse oft schicksalhaft: Am 24. Oktober 1929 brach in New York die Börse zusammen. Dann kam die Weltwirtschaftskrise, Politiker, besonders der deutsche Reichskanzler Heinrich Brüning, reagierten falsch, nämlich mit Sparmaßnahmen. Die logische Folge waren Hitler und der Zweite Weltkrieg.

In Wirklichkeit war nichts schicksalhaft, alle Katastrophen hätten verhindert werden können. Und genau dies Wissen leitet Männer wie Ben Bernanke und Finanzminister Hank Paulson. Tatsächlich war der Schwarze Donnerstag 1929 zwar schlimm, aber nicht katastrophal.

Beim Börsenkrach vom Oktober 1987 brach der Dow Jones stärker ein, ohne dass dies große Folgen für die Realwirtschaft gehabt hätte. Der entscheidende Fehler lag 1929 bei der Federal Reserve. Die US-Notenbank verknappte das Geld. In der festen Überzeugung, dass dem Land Inflation drohe, sollte die Geldversorgung bei schrumpfender Industrieproduktion gleich bleiben.

In Wirklichkeit trat das Gegenteil ein: Deflation. Die Preise fielen und der Kapitalverkehr trocknete aus. Das hatte besonders deshalb fatale Folgen, weil die internationalen Finanzbeziehungen durch den Versailler Vertrag vergiftet waren. In der zweiten Hälfte der 20er Jahre lieh sich das Deutsche Reich in Amerika das Geld, um seine Reparationen an Frankreich zahlen zu können. Daher war der Fed-Kurs für Deutschland eine Katastrophe. Die Arbeitslosigkeit stieg, die NSDAP erzielte ihre ersten Wahlerfolge.

Die Fehler der damaligen Fed versuchte Ben Bernanke von vorneherein zu vermeiden. Deshalb senkte er, beginnend im September 2007, schnell und aggressiv die Leitzinsen - ohne Rücksicht auf mögliche Inflationsgefahren. Nicht nur die Fed, auch die Europäische Zentralbank und andere Notenbanken pumpten immer wieder Abermilliarden an Dollarkrediten in die Finanzmärkten, nur um ein Austrocknen der Kapitalströme zu verhindern.

Genau dies schien immer wieder gefährlich nahe: Die Banken misstrauten einander, sie scheuten das Risiko. In der Folge stiegen die Zinsen für alle privaten Ausleihungen, das Kapital floh in sichere Staatspapiere. Bis in den März dieses Jahres reichte die Geldschwemme aus, um die Finanzmärkte funktionsfähig zu halten.

Bankenschwund in Europa

Zurück in die Weltwirtschaftskrise: Deren zweite Phase begann im Jahr 1931. Am 11. Mai brach die größte Bank Österreichs zusammen, die Creditanstalt; am 13. Juli folgte in Deutschland der Konkurs der Darmstädter und Nationalbank. Aus der Börsen- und Kreditkrise war eine globale Bankenkrise geworden. Auch in den Vereinigten Staaten brachen jetzt reihenweise Finanzinstitute zusammen.

Präsident Herbert Hoover reagierte 1932 mit einem Rettungsfonds, der Reconstruction Finance Corporation (RFC). Die RFC kaufte den Banken für 1,5 Milliarden Dollar faule Kredite ab, 1933 waren es 1,8 Milliarden Dollar. Die Hilfe kam viel zu spät und konnte die Katastrophe nicht mehr verhindern.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie sich die RFC heute auswirkt.

Der Schatten von 1929

Die RFC ist das Vorbild für das 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket, mit dem Finanzminister Paulson jetzt dem amerikanischen Bankensektor zu Hilfe kommt. Anders als seinerzeit Hoover setzte Paulson seinen Plan früh um; bis jetzt sind in Amerika zwar schon viele kleinere Banken zusammengebrochen, aber erst eine von nationaler und internationaler Relevanz - Lehman Brothers - musste Konkurs anmelden.

Keine Trennung von Investment- und Geschäftsbanken mehr

In einem anderen Punkt wurden in dieser Krise die politischen Entscheidungen der Weltwirtschaftskrise revidiert. 1933 hatte der Kongress das Glass-Steagall-Gesetz verabschiedet, durch das Investmentbanken und Geschäftsbanken streng getrennt wurden. Bereits 1999 hob Präsident Bill Clinton das Gesetz auf. An diesem Montag wandelten sich Goldman Sachs und Morgan Stanley in normale Geschäftsbanken um. Damit sind die letzten Spuren von Glass-Steagall an der Wall Street gelöscht.

Relevant in dieser Krise ist auch immer wieder die Erinnerung an "FDR" - Franklin Delano Roosevelt, der Präsident, der in der kollektiven Erinnerung die Weltwirtschaftskrise besiegt hat. Roosevelt ist bis heute hoch umstritten: Für die meisten Demokraten ist er der Mann, der mit seinem "New Deal" die Massen aus dem Elend erlöste, konservative Republikaner behandeln ihn dagegen wie den Leibhaftigen, weil er den Einfluss des Staates auf die Wirtschaft auf unvorstellbare Weise ausdehnte.

Das Erbe Roosevelts

In der historischen Rückschau ist FDRs Bilanz gemischt. Roosevelt legte Beschäftigungsprogramme auf und brachte verzweifelte Menschen wieder in Arbeit; außerdem legte er die Grundlagen für den amerikanischen Sozialstaat. Was aber den Kampf gegen die Wirtschaftskrise selbst betrifft, war der Erfolg des New Deal bescheiden.

Mit einem Erbe Roosevelts muss sich heute noch Hank Paulson beschäftigen. Fannie Mae, die jetzt unter Zwangsverwaltung stehende gescheiterte Hypothekenbank, wurde 1938 von Roosevelt als "Federal National Mortgage Association" gegründet.

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SZ vom 23.9.2008/kim/mel
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