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Deutsche Innenstädte:Die Diktatur der Shoppingmalls

Erst in diesem Jahr erfuhr die Öffentlichkeit vom Verkauf der Immobilie und den Umbauplänen. Die ECE erklärt, sie wolle 100 Millionen Euro investieren. Der Leiter des städtischen Denkmalamtes wird Leiter des Landesdenkmalamtes: Jetzt kann er sich selbst um Genehmigung bitten.

Denkmalpfleger, der Deutsche Werkbund, der Bund Deutscher Architekten, der Saarbrücker Städtebaubeirat und eine Bürgerinitiative - alle protestieren gegen den Umbau. Der Stadtrat meint, "zum Einkaufszentrum kein Mitspracherecht zu haben". Eine im Juni geplante öffentliche Diskussion scheitert an der Weigerung der ECE, die Pläne offenzulegen.

Sicherheit und Ordnung

Stattdessen führt Alexander Otto vor ein paar Wochen, nämlich am 30. Juni, ein Gespräch mit Ministerpräsident Peter Müller und dem für den Denkmalschutz verantwortlichen Minister Stephan Mörsdorf. Ergebnis: Wenn die Außenfassaden und das Haupttreppenhaus erhalten bleiben, kann der Rest, einschließlich der Geschossgliederung, beseitigt werden. Von einem "gelungenen Kompromiss mit der Denkmalpflege" spricht der Minister.

Was hier geschildert wird, ist der Normalfall: Eine Melange aus wirtschaftlicher Macht und politischer Ohnmacht. Es ist das, was sich an der Oberfläche zeigt: Was darunter geschieht, ist Spekulation.

Eine Stiftung als Feigenblatt

Keine Spekulation ist aber, dass ECE und Alexander Otto eine Stiftung mit dem Namen "Lebendige Stadt" ins Leben gerufen haben. Sie will "die Zukunft unserer Städte" mitgestalten: "Unsere Städte bieten Raum für Leben, Arbeit, Kultur, Handel und Wohnen. Diese Vielfalt gilt es zu erhalten." Recht hat der Mann. Aber trotzdem überzieht die ECE die Städte mit den innen stets gleich anmutenden Einkaufszentren und zerstört so genau das, was doch erhalten werden soll: die lebendige Stadt.

Die gemeinnützige Stiftung, dieses Feigenblatt für Einkaufszentren mit stadtzerstörerischer Wirkung, organisiert ein vielfältiges Netzwerk, in dem Politik, Stiftung und ECE verflochten sind. So ist der saarländische Minister für Wirtschaft, Hanspeter Georgi, Vorsitzender des Stiftungsrates der "Lebendigen Stadt". Zwei Geschäftsführer der ECE, Andreas Mattner und Robert Heinemann, sind Mitglieder der Hamburger Bürgerschaft und im Vorstand der Stiftung.

Minister, Architekten, Beamten - alle sind sie dabei

Wolfgang Tiefensee, Bundesbauminister, ist stellvertretender Vorsitzender im Kuratorium, sein Staatssekretär Engelbert Lütke-Dahldrup sitzt im Stiftungsrat. Aber auch Günther Beckstein, Matthias Platzeck, Krista Sager und der Hamburger Wirtschaftssenator Gunnar Uldall gehören ihm an.

Im Stiftungsrat sitzt auch der Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts GfK Prisma, das einen großen Teil der "Verträglichkeitsgutachten" erstellt, die für die Genehmigungsfähigkeit von Einkaufszentren erforderlich sind.

Auch die Planerseite ist stark vertreten - von der Münchner Stadtbaurätin und Präsidentin der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung, Christiane Thalgott, über ihr Hamburger Äquivalent, Jörn Walter, bis zur renommierten Professorin Felizitas Romeiß-Stracke und Architekten wie Volkwin Marg oder Christoph Ingenhoven.

Der "Freiraum Stadt" wird zum Zweckraum

Die Stiftung betreibt hier also ein machtvolles Netzwerk, das von der ECE genutzt werden kann. Das nicht zu sehen, wäre naiv.

Nun kann den Kunden ja gleichgültig sein, ob alteingesessene Einzelhändler in die Knie gehen oder die Immobilienpreise der Innenstädte fallen: Er profitiert in beiden Fällen. Aber was hier geschieht, ist so etwas wie die schleichende Entmachtung der Bürger - mit deren Einverständnis, wohlgemerkt.

Der "Freiraum Stadt" wird zum Zweckraum degradiert. Öffentlicher Raum wird privatisiert und kontrolliert. Aufhalten darf man sich darin nur, solange man zahlungskräftig ist und Ruhe gibt. Früher machte Stadtluft frei. Diese Freiheit verspielen nun die Städte selbst.

© SZ vom 06.10.2006
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