bedeckt München 27°

Deutsche Bank: Spitzelskandal:Eine verhängnisvolle Affäre

Neues vom Spitzelskandal bei der Deutschen Bank: Die mit der Aufklärung beauftragte Kanzlei soll von vier Fällen ausgehen. Die Rolle von Aufsichtsratschef Clemens Börsig ist unklar.

Als Michael Bohndorf am 1. Juni 2006 an das für die Aktionäre der Deutschen Bank vorgesehene Rednerpult in der Frankfurter Messehalle tritt, wird es unruhig im Publikum. Der Anwalt, der die Ferieninsel Ibiza als Wohnort gewählt hat, ist hier bekannt dafür, Dutzende unangenehme Fragen auf Vorstand und Aufsichtsrat der Bank abzufeuern.

Der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, Clemens Börsig. Es heißt, mancher Vorstand und Teile des Aufsichtsrates sähen gerne seinen Rücktritt.

(Foto: Foto: dpa)

Diesmal fordert er unverblümt, den Aufsichtsratschef Clemens Börsig als Versammlungsleiter abzuberufen. Der knorrige Banker blickt irritiert, der Antrag wird kurz darauf abgeschmettert. Doch damit ist der Fall nicht erledigt. Drei Jahre später holt Börsig die Episode ein, die Ausgangspunkt für die Spitzelaffäre bei der Deutschen Bank ist.

Das damalige Treffen war Börsigs erste Hauptversammlung als Aufsichtsratschef, wenige Wochen zuvor war er aus dem Vorstand an die Spitze des Kontrollgremiums gewechselt, was nach Ansicht Bohndorfs nicht sauber abgelaufen war.

Jede Verbindung stets bestritten

Kurz darauf besprach Börsig den Verlauf des Aktionärstreffens mit Mitarbeitern, unter anderem mit dem Chef der Abteilung Investor Relations, Wolfram Schmitt. Wer denn dieser Bohndorf sei, soll Börsig sinngemäß gefragt haben. Er wolle mehr über ihn wissen; etwa, ob es eine Verbindung zu den Anwälten des Medienunternehmers Leo Kirch gebe, die der Deutschen Bank seit Jahren ähnlich zusetzten wie Bohndorf.

Sowohl Bohndorf als auch die Kirch-Leute haben jede Verbindung stets bestritten. Was genau gab Börsig dem obersten Aktionärsbetreuer Schmitt mit auf den Weg? Beauftragte er ihn, Bohndorf zu bespitzeln? Oder schossen Schmitt und die von ihm beauftragte Detektei Bühner Private Risk Advisors, beziehungsweise als Subunternehmer eine weitere Detektei namens Desa, über das Ziel hinaus?

Am 22. Mai dieses Jahres machte die Deutsche Bank publik, dass sie eine Kanzlei sowie die Finanzaufsicht Bafin beauftragt habe, mögliche Verstöße gegen die Konzernsicherheit zu untersuchen.

Der Bericht der Kanzlei, es handelt sich um die amerikanische Sozietät Cleary, Gottlieb, Steen & Hamilton, soll in wenigen Tagen vorliegen. Schon jetzt kursieren in Finanzkreisen erste Ergebnisse. Demnach soll es um vier Verstöße in den vergangenen zehn Jahren gehen.

Verdacht erwies sich als falsch

Neben Bohndorf sollen Vorstandsmitglied Hermann-Josef Lamberti und eine Person im Umfeld des Vorstands bespitzelt worden sein sowie in früheren Jahren das ehemalige Aufsichtsratsmitglied Gerland Herrmann. Der Gewerkschafter war bespitzelt worden, weil die Bank den Verdacht hatte, Herrmann habe 2001 Quartalszahlen vorzeitig an die Öffentlichkeit gebracht.

Der Verdacht erwies sich als falsch. Unklar ist bislang, wer damals die Überprüfung Hermanns veranlasste. Noch dubioser klingt, was in Finanzkreisen über die Bespitzelung des IT-Vorstandes Lamberti zu hören ist. Die Detektei Desa soll beauftragt gewesen sein, dort einen Sicherheitstest zu machen. So hätten die Desa-Leute beispielsweise einen Peilsender an Lambertis Auto angebracht.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, welche Konsequenzen die Deutsche Bank bisher gezogen hat.