Kirch gegen Deutsche Bank:Wie ein 900-Millionen-Dollar-Deal knapp scheiterte

Seit fast zehn Jahren streiten sich die Deutsche Bank und die Anwälte des früheren Kirch-Konzerns. Stets schien es, als könnten sich beide Seiten nicht einmal ansatzweise auf einen Vergleich einigen. Doch nun zeigt sich: Es gab geheime Verhandlungen, die beinahe erfolgreich ausgegangen wären.

Klaus Ott

900 Millionen Euro sind auch für die Deutsche Bank eine Menge Geld, erst recht in diesen Krisenzeiten, in denen alle großen Kreditinstitute mehr Kapital brauchen. Doch womöglich sagen sich Vorstandschef Josef Ackermann und seine Leute heute: Ach, hätte man das doch nur gezahlt und nach fast einem Jahrzehnt Ruhe gehabt vor dem größten Widersacher des Finanzkonzerns, dem Münchner Medienhändler Leo Kirch. All die hässlichen Gerichts- und wohl auch Ermittlungsverfahren, die Kirch initiiert hatte, wären vorüber gewesen.

Kirch-Prozess geht weiter

Der mittlerweile verstorbene Leo Kirch (li.) und sein Gegner Rolf E. Breuer.

(Foto: picture alliance / dpa)

So sah es ein Vergleich vor, der vor knapp einem Jahr auf Vermittlung von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer zustandegekommen war. Emissäre der Deutschen Bank und von Kirch hatten immer wieder mal heimlich verhandelt. Aber außer einem Dutzend Insidern wusste bislang niemand, wie weit das gediehen war. Nun, da der Konflikt mehr und mehr eskaliert, stellt sich heraus: Eine umfassende Lösung mit Kirch war greifbar nahe gewesen, so nahe wie noch nie, und ist dann doch wieder geplatzt.

Kirch hatte einst das größte Film- und Fernsehimperium im Lande besessen. 2002 brach der Konzern unter Schulden in Milliardenhöhe zusammen. Anschließend verklagte Kirch die Deutsche Bank auf Schadenersatz in Milliardenhöhe, weil sie ihn in die Pleite getrieben habe. Nach Kirchs Tod im Juli 2011 läuft die Klage weiter.

900 Millionen Euro, auf diesen Betrag hatten sich beide Seiten bei den von Seehofer angeregten Schlichtungsgesprächen bereits verständigt. Für Kirch hatte Bayerns früherer Wirtschaftsminister Otto Wiesheu verhandelt, für die Deutsche Bank der Düsseldorfer Anwalt Michael Hoffmann-Becking, der Konzerne wie RWE und Siemens betreut. Die beiden waren erfolgreich - und hätte die Deutsche Bank bezahlt, dann hätten sich Ackermann und einige seiner Kollegen eine Menge Ärger erspart. Peinliche Gerichtsverhandlungen zum Beispiel, und ein Verfahren der Münchner Staatsanwaltschaft. Die ermittelt inzwischen gegen Ackermann und weitere Spitzenkräfte der Bank, weil sie im Schadenersatzstreit bei Gericht zu Lasten von Kirch falsch ausgesagt haben sollen. Was alle Beschuldigten zurückweisen.

Ackermanns Vorgänger als Bankchef, Rolf E. Breuer, steht wegen angeblich falschen Angaben bei der Justiz und versuchtem Prozessbetrug sogar schon als Angeklagter in München vor Gericht. Breuer bestreitet die Vorwürfe. Das Verfahren gegen ihn geht auf eine Strafanzeige von Kirch zurück. Der vor rund einem Jahr ausgehandelte Vergleich sah vor, dass der Medienhändler seine Anzeige zurückzieht. Das Verfahren gegen Breuer wäre daraufhin wohl eingestellt worden. Und auch alle anderen Auseinandersetzungen wären erledigt gewesen. Es hätte endlich Frieden geherrscht.

Doch die Deutsche Bank lehnte den Vergleich am Ende ab. Anlass war offenbar ein Urteil des Münchner Landgerichts. Der Richterspruch besagte, der Finanzkonzern und Breuer hätten ihren früheren Kreditkunden Kirch nicht hintergangen und seien nicht schadenersatzpflichtig. Angesichts des Urteils könne man den Vergleich nicht akzeptieren, soll die Bank mitgeteilt haben. Ackermann und seine Kollegen fürchteten offenbar, die Aktionäre könnten ihnen vorhalten, Geld verschenkt und somit Bankvermögen veruntreut zu haben.

Das Urteil betraf aber nur Kirchs frühere Beteiligung am Springer-Verlag (Bild, Welt). Andere Schadenersatzansprüche werden inzwischen beim Oberlandesgericht (OLG) München behandelt. Aus diesem Verfahren heraus sind in diesem Jahr die Ermittlungen gegen Ackermann & Co. entstanden; wozu es bei einer Annahme des Schlichtungsergebnisses nicht gekommen wäre. Das OLG hat vorgeschlagen, man solle sich auf 775 Millionen Euro verständigen.

Das ist nicht extrem weit weg von den 900 Millionen Euro, die Wiesheu und Hoffmann-Becking ausgehandelt hatten. Aber ziemlich weit weg von den bis zu 1,5 Milliarden Euro, die Kirchs Emissäre in Vergleichsgesprächen gefordert haben sollen. Bei Gericht hatte der Medienhändler zuvor fast vier Milliarden Euro verlangt. Nun wird weiter gestritten.

© SZ vom 01.12.2011/hgn
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