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Deutsche Bank: Anshu Jain:Mächtiger "Regenmacher"

Der Inder Anshu Jain leitet künftig allein das für die Deutsche Bank so wichtige Investmentbanking. Ist er Ackermanns Kronprinz?

Martin Hesse und Markus Zydra

Die Deutsche Bank hat eine der wichtigsten Führungsentscheidungen der vergangenen Jahre getroffen. Der Amerikaner Michael Cohrs, 53, verlässt den Vorstand und gibt seine Aufgaben an den 47-jährigen Anshu Jain ab, teilte die Deutsche Bank am Dienstagabend mit. Der Inder leitet damit künftig allein das Investmentbanking des größten deutschen Kreditinstituts und baut seine Machtposition damit weiter aus. Der Schritt dürfte der Diskussion um die Nachfolge Josef Ackermanns neue Nahrung geben. Es sei jedoch zu früh, von einer Vorentscheidung zu sprechen, hieß es in Bankenkreisen.

Anshu Jain

Geballte Macht: Anshu Jain ist künftig allein verantwortlich für den zentralen Bereich Investmentbanking.

(Foto: ag.ap)

Cohrs verlasse die Bank Ende September, teilte das Institut mit. Von Juli an werde Jain seine Aufgaben aber bereits übernehmen, um einen reibungslosen Übergang zu sichern. Cohrs soll die Bank weiter beraten. Bisher führten beide das Investmentbanking gemeinsam, Cohrs war für das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen und Unternehmensfinanzierung zuständig, Jain für das Handelsgeschäft, das zuletzt 90 Prozent der Gewinne erzielte. Auch in anderen Großbanken liegen diese Geschäfte in einer Hand.

Wann tritt Ackermann ab?

Bereits in den vergangenen Wochen hatte es im Umfeld der Deutschen Bank geheißen, Cohrs sei amtsmüde. Die Gerüchte kamen kurz nach der Hauptversammlung auf, bei der Ackermann bemerkte, er spreche mit Aufsichtsratschef Clemens Börsig über seine Nachfolge. Seither halten sich Spekulationen, Jain werde nicht nur Cohrs' Aufgaben übernehmen sondern bereits als Kronprinz für Ackermann aufgebaut. Der Schweizer erklärte jedoch am Wochenende, er denke nicht ans Aufhören.

Als Weichenstellung gilt Jains Machtgewinn gleichwohl. Wollte man einen externen Nachfolger für Ackermann, wäre der Ausstieg Cohrs' eine gute Gelegenheit gewesen, ihn jetzt in den Vorstand einzubauen. Die Chance sei nun verstrichen. Jain müsse sich aber erst einmal in seinem neuen Bereich bewähren, in dem es stärker auf das Kundengeschäft ankommt - auch in Deutschland, wo die mitunter riskanten Handelsgeschäfte Jains besonders beargwöhnt werden. In Bankenkreisen wird auch darauf hingewiesen, dass die Spekulationen um Jain ihm eher geschadet haben, als seinen Ambitionen förderlich zu sein. Es gilt als wahrscheinlich, dass Ackermann vor Ablauf seines Vertrages 2013 abtritt, jedoch nicht vor 2012.

Erster Kandidat für Chefposten

Cohrs stand bei der Deutschen Bank fast immer im Schatten von Anshu Jain, obwohl sie ihren Weg lange im Gleichschritt gingen. Beide kamen 1995 von der Investmentbank Merrill Lynch. Beide hatten danach maßgeblichen Anteil daran, dass die Deutsche Bank zu einer der größten Investmentbanken der Welt aufstieg. Cohrs wie Jain gelten als Vertraute Ackermanns. Sie beförderten seinen Aufstieg zum Chef, der Schweizer setzte den Ausbau des Investmentbanking durch. Seit 2002 sitzen Cohrs und Jain in dem Führungsgremium Group Executive Committee, seit 2009 auch im Vorstand.

"Regenmacher" nennen Investmentbanker Leute wie Jain, die mit dem Wertpapierhandel die höchsten Gewinne erzielen. Cohrs hatte die schwierige Aufgabe, die Deutsche Bank im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen, der Königsdisziplin des Investmentbanking, an die Weltspitze heranzuführen. Das ist ihm weitgehend gelungen. In der Finanzkrise verloren Cohrs wie auch Jain an Reputation. Als im Winter 2008/2009 die Diskussion um Ackermanns Nachfolge begann, galt Jain nur noch als einer von vielen Kandidaten, schließlich verlängerte Ackermann seinen Vertrag. Spätestens mit dem Rücktritt Cohrs' ist Jain nun wieder erster Kandidat für seine Nachfolge.

© SZ vom 16.06.2010/mel

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