Deutsche Bank: Ackermann-Nachfolge Kein Rückhalt in Frankfurt

So unterschiedlich kann man die Dinge sehen. Feierabend in Frankfurt: Die Mitarbeiter strömen aus dem 23-stöckigen Turm in der Großen Gallusstraße, wo die Deutsche Bank ihren Handelssaal hat. Doch obwohl sie alle Investmentbanker sind, gibt es fast keinen, der sich für Jain ausspricht. Hier haben sie Verständnis für die neue Strategie von ganz oben: Dass es nach der Finanzkrise nötig ist, nicht mehr nur auf das Investmentbanking zu setzen. "Jain als Chef wäre keine gute Lösung", meint einer der Händler. "Ich glaube nicht, dass der in erster Linie an die Kunden denkt, sondern an Cash und Aktionäre."

Der alte Graben zwischen London und Frankfurt bricht bei der Deutschen Bank wieder auf. "Ich weiß, dass es im Hintergrund einen enormen Machtkampf gibt", sagt einer, der jahrelang in verantwortlicher Position dabei war. Klar ist auch, wer dabei im Moment die Oberhand hat: die Zentrale, verkörpert durch Ackermann.

Rund um die Hauptversammlung am Donnerstag letzter Woche hat sich die Situation noch einmal zugespitzt: Die Financial Times zitierte Getreue Jains, die kurz davor stünden, eine Revolte anzuzetteln, weil sich immer stärker abzeichnet, dass Jain keine Chance mehr hat. Ackermanns Rede auf der Hauptversammlung war ein deutliches Signal, dass die Londoner Investmentbanker im Konzern nicht mehr unangefochten die erste Geige spielen. "Deutschland hat für uns eine deutlich größere Bedeutung gewonnen", sagte er. Manche Passagen wirkten wie ein Seitenhieb auf Jain, der die zweifelhaften Geschäfte verantwortet, wegen denen die Deutsche Bank derzeit in den USA angeklagt wird. "Wir wollen unsere Gewinne auf verantwortungsvolle Weise erwirtschaften", sagte Ackermann.

Anshu Jain saß auf dem Podium und bekam das auf seinen Knopf im Ohr übersetzt. Jener Knopf, der inzwischen fast zu einem Symbol dafür geworden ist, dass er nicht Chef der Deutschen Bank werden kann. Immer wieder heißt es, dass er Deutsch lerne. Aber es reicht noch nicht, um ohne Knopf auszukommen. "Ich verstehe nicht, warum er sich nicht mehr darum bemüht hat, er hatte mehr als zehn Jahre Zeit", heißt es in der Zentrale. Will er gar nicht an die Spitze? Fühlt er sich wohl als Macht im Hintergrund, solange er volle Rückendeckung beim Chef hat? Und: Hat er die noch?

Ackermann und Jain, das ist eine ganz besondere Beziehung. Ackermanns Aufstieg an die Spitze der Bank ist eng mit zwei Namen verknüpft: Edson Mitchell und Anshu Jain. Beide kommen Mitte der 90-er Jahre zur Deutschen Bank. Sie sind bald wichtige Gewinnbringer, doch erst Ackermann sichert ihrem Bereich, dem Investmentbanking, dauerhaft größte Bedeutung in der Deutschen Bank. Im Gegenzug helfen Mitchell und Jain Ackermann, sich gegen Rivalen wie Thomas Fischer durchzusetzen. Gemeinsam kippen sie die Übernahme der Dresdner Bank, und im Herbst 2000 wird Ackermann zum Vorstandssprecher ab 2002 bestimmt. Und nach dem tödlichen Flugzeugabsturz Mitchells ein paar Wochen später lotst Ackermann den jungen Jain an die Spitze des Investmentbanking.

Jain gilt schon als Ackermanns Kronprinz, seit dieser 2005 wegen des Mannesmann-Prozesses auf der Kippe stand. Doch er überstand den Prozess und 2006 machte ihn der Aufsichtsrat vom Sprecher zum Vorsitzenden des Vorstands. Die Bank, die so lange von einer Doppelspitze und später von einem Sprecher geführt wurde, der als primus inter pares galt, wird seitdem mehr denn je von einem Mann dominiert: Josef Ackermann.