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David Rockefellers Erinnerungen I:Vom Fünf-Dollar-Lehrling zum Milliardär

Großvater entbehrte jeglicher Eitelkeit. Er gab wenig auf Äußerlichkeiten. Als junger Mann war er gut aussehend gewesen, aber in den 1890er-Jahren erkrankte er an einer schmerzhaften Virusinfektion, Alopezie genannt, die sein Nervensystem angriff. Als Folge der Krankheit verlor er sein ganzes Haar. Auf einem Foto aus dieser Zeit trägt er eine schwarze Scheitelkappe, die ihn ein wenig wie den Kaufmann von Venedig aussehen ließ. Später trug er Perücken.

Kein Interesse an Schlössern in Frankreich

Großvater fand es schwierig, sein Vermögen, das 1910 beinahe eine Milliarde Dollar betrug, zu verwalten. Sein jährliches Einkommen von Standard Oil und aus anderen Investitionen war enorm, und Großvaters akribischem Naturell entsprechend musste es anständig angelegt werden.

Da er kein Interesse daran hatte, Schlösser in Frankreich oder Schottland zu besitzen, und ihn der Gedanke, Kunst, Yachten oder mittelalterliche Ritterrüstungen zu kaufen - Aktivitäten, die seine extravaganten Zeitgenossen pflegten -, mit Entsetzen erfüllte, fand Großvater eine charakteristische Lösung: Er investierte einen großen Teil seiner Einnahmen in Kohlengruben, Eisenbahnen, Versicherungen, Banken, verschiedenste Produktionsbetriebe vor allem im Bereich Eisenerz und kontrollierte schließlich einen Großteil der Eisenerzvorkommen Mesabi Range in Minnesota.

Aber nachdem sich Großvater 1897 von Standard zurückgezogen und zur Ruhe gesetzt hatte, begann er, sich verstärkt mit einer anderen Form der Investition zu beschäftigen: Philanthropie, auf die er als die "Kunst des Gebens" verwies. Indem er Gutes tat, empfand er die gleiche Befriedigung wie während seiner Zeit bei Standard Oil.

Jeder Penny im "Hauptbuch A"

Seit er ein junger Mann gewesen und gerade ins Geschäftsleben eingetreten war, hatte Großvater jede Einnahme und Ausgabe, inklusive Spenden für wohltätige Zwecke, bis auf den Penny in einer Reihe von Hauptbüchern, beginnend mit dem berühmten "Hauptbuch A", notiert. Indem er es tat, folgte Großvater der religiösen Verordnung des "Zehnten". Mit anderen Worten: Er gab den zehnten Teil seines Einkommens an die Kirche oder für andere gute Zwecke.

Mitte der 1880er-Jahre fand Großvater es schwierig, die karitativen Spenden selbst zu verwalten. Genau genommen handelte es sich um einen der hauptsächlichen Stressfaktoren für ihn in jenen Jahren. Er fühlte sich nicht nur verpflichtet zu geben, sondern, klug zu geben, was viel schwieriger ist. "Es ist leicht, Schaden zu verursachen, indem man Geld gibt", schrieb er.

Inzwischen überschritt sein jährliches Einkommen eine Million Dollar und zehn Prozent davon zu verteilen war eine Vollzeitbeschäftigung. Schließlich engagierte er Reverend Frederick T. Gates, einen Baptistenprediger, um einen wohlüberlegteren und systematischeren Weg zu finden, Einzelmenschen und Organisationen einzuschätzen, die um Spenden baten.

Die Rockefeller Foundation, 1913 gegründet, war die erste philanthropische Organisation mit einer speziellen, globalen Vision und die Krönung von Großvaters Bestrebungen, eine Struktur zu schaffen, die in der Lage war, sein Vermögen für wohltätige Zwecke zu verwalten. Großvater stellte der Foundation über einen Zeitraum von zehn Jahren mehr Geld zur Verfügung - ungefähr 182 Millionen Dollar, das sind mehr als zwei Milliarden Dollar heute - als jeder anderen Institution.

Die Foundation kämpfte gegen Hakenwürmer, Gelbfieber, Malaria, Tuberkulose und andere Infektionskrankheiten. In späteren Jahren wurde sie führend in der Entwicklung von Hybridformen von Korn, Weizen und Reis, die als Basis für die Grüne Revolution dienten, die so viel dazu beigetragen hat, Gesellschaften auf der ganzen Welt zu verändern."

© SZ vom 02.04.2008/jkr
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