Süddeutsche Zeitung

Crash-Angst wegen US-Herabstufung:Tag 1 nach AAA - alles auf Anfang

Droht der Welt ein Schwarzer Montag? Erst wenn am Nachmittag deutscher Zeit die Wall Street öffnet, wird sich zeigen, wie folgenschwer die Herabstufung der Kreditwürdigkeit durch S&P wirklich ist. Erstmals eröffnen die Weltbörsen den Handel, ohne dass US-Anleihen die Bestnote aller Agenturen haben.

Nikolaus Piper

Wenn die Wall Street an diesem Montag erwacht, dann müssen sich die Meister des großen Geldes in einer veränderten Welt zurechtfinden. Zum ersten Mal seit 70 Jahren hat die Ratingagentur Standard & Poor's dem wichtigsten Wertpapier der Welt, der US-Staatsanleihe ("Treasury"), die Bestnote AAA entzogen. Mit AA+ steht die Supermacht jetzt auf einer Ebene mit Neuseeland und dem hochverschuldeten Belgien. Am Sonntagabend wagte niemand eine Prognose, wie die ohnehin hypernervösen Finanzmärkte reagieren werden, wenn in New York um 9.30 Uhr (Ortszeit) der Börsenhandel beginnt.

Die Konsequenzen "werden sicher nicht nett sein", sagt Harm Bandholz, Chefvolkswirt für Unicredit in New York. Mohamed El-Erian, Chef von Pimco, dem größten Anleihehändler der Welt, warnte: "Wir wissen schlicht nicht, wie das globale Finanzsystem ohne das AAA funktioniert. Wir werden eine Reihe von Anpassungsprozessen durchmachen, die sehr teuer werden können. Wir befinden uns im Land des Unvorhersehbaren." Was die Herabstufung der USA von der aller anderen Länder unterscheidet, ist die schiere Menge an Staatsanleihen, die Washington emittiert.

Gut 60 Prozent aller mit AAA bewerteten Staatspapiere auf der Welt sind (genauer: waren) US-Treasurys. Deutsche Bundesanleihen machen zehn Prozent aus, französische neun Prozent, britische acht und kanadische fünf Prozent. Die Rechnung hat für Amerikaner auch etwas Beruhigendes: Wohin sollen Anleger mit ihrem Geld gehen, wenn sie aus US-Anleihen fliehen wollen? Der Markt für europäische Anleihen ist zu klein, zudem hat Europa seine eigene Schuldenkrise.

Dies bringt die meisten Experten zu dem Schluss, dass die Folgen der S&P- Entscheidung für US-Kreditnehmer begrenzt sein werden, zumindest auf mittlere Sicht. Es dürfte auch nicht allzu viele Fonds geben, die jetzt gezwungen sein werden, US-Papiere zu verkaufen. Schließlich haben die S&P-Konkurrenten Moody's und Fitch ihre Spitzennoten für die USA beibehalten. Die Finanzierungskosten dürften daher nicht allzu steigen. Hoffnung können die USA auch aus dem Beispiel Japans schöpfen. Die Lage der Staatsfinanzen dort ist viel schlimmer.

Der Anteil der Staatsschuld am Bruttoinlandsprodukt ist zweieinhalb mal so hoch wie in den USA (236 Prozent), S&P hat seine Note auf AA- herabgesetzt, der Ausblick ist negativ. Trotzdem muss die Regierung in Tokio nur 1,01 Prozent an Zinsen zahlen, wenn sie eine neue Anleihe begibt. Zuletzt war der japanische Yen eine regelrechte Fluchtwährung für verängstigte Anleger. Das japanische Kreditrating spielt momentan praktisch keine Rolle.

Was Obama zu fürchten hat

Viel größer als die finanziellen dürften die politischen Konsequenzen der Entscheidung sein. S&P macht die Amerikaner auf ihre geschwächte Position aufmerksam. Es ist kein Zufall, dass als Erstes die chinesische Regierung Washington aufforderte, "nicht mehr über seine Verhältnisse zu leben". Auch der Weg zur Herabstufung war hochpolitisch.

Bereits am Mittwoch, einen Tag nachdem Präsident Obama den Kompromiss zur Erhöhung der Schuldengrenze im US-Etat unterzeichnet hatte, traf sich die zuständige Abteilungsleiterin im Finanzministerium, Mary Miller, mit einer Gruppe von S&P-Analysten, um die Konsequenzen zu diskutieren.

"Finanzpolitik ist in ihrem Kern ein politischer Prozess"

Am Freitagvormittag teilte die Agentur dem Ministerium mit, dass sie trotz Kompromiss die Note herabsetzen werde. Es dauerte nicht lange, bis die Experten des Ministeriums einen schweren Fehler in der S&P-Rechnung entdeckten. Die Ratingleute hatten die US-Bundesschuld für 2021 um nicht weniger als 2,1 Billionen Dollar zu hoch angesetzt. S&P korrigierte den Fehler, blieb aber bei seiner Entscheidung. "Das riecht nach einer Institution, die ihre Entscheidung längst getroffen hat und sich nun die dazu passenden Argumente zurechtbastelte", sagte Gene Sperling, der Wirtschaftsberater von Obama.

Nun hat S&P nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihre Analysten nicht nur Zahlen bewerten, sondern politische Prozesse. Und die Art, wie der Schuldenkompromiss zustande kam, die Machtlosigkeit des Präsidenten, die Bereitschaft von Teilen der Republikanischen Partei, den Rest des Landes in Geiselhaft zu nehmen, all dies lässt Zweifel aufkommen, ob die USA wirklich ihren Schuldendienst unter allen Umständen leisten. "Die Bereitschaft zu zahlen ist eine qualitative Frage, die Regierungen von anderen Schuldnern unterscheidet", heißt es in einer internen Ausarbeitung von S&P. "Zum Teil weil Gläubiger nur begrenzte Rechte haben, kommt es vor, dass eine Regierung einzelne Schulden nicht mehr bedient, obwohl sie die finanziellen Möglichkeiten dazu hätte." David Beers, ein S&P-Manager, sagte: "Finanzpolitik ist in ihrem Kern ein politischer Prozess."

Trotzdem dürfte S&P sich massiver Kritik gegenübersehen. Einmal trägt die Agentur durch Fehlurteile in der Vergangenheit massive Mitschuld an der Finanzkrise. Zum anderen steht S&P mit der Herabstufung allein. Steve Hess, der Chefanalyst von Moody's, sagte: Eine Herabstufung sei "voreilig" angesichts der Tatsache, dass der Kongress immerhin einen Plan zum Schuldenabbau veröffentlicht hat. Auch die dritte große Agentur, Fitch, machte klar, dass sie die USA weiter für ein AAA-Land hält.

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SZ vom 08.08.2011/woja
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