Cottbus:Wo es blitzt und kracht

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Eastern Germany, 25 Years Since Reunification

Fast 100 Millionen Euro öffentliche Gelder wurden seit Ende 1992 in die städtebauliche Aufwertung der Cottbusser Innenstadt investiert.

(Foto: Alexander Koerner/Getty Images)

Die Stadt hält den Rekord an Blitzeinschlägen. Ansonsten gibt es wenig Superlative, die Angst vor der Zukunft wächst.

Von Steffen Uhlmann

In Cottbus hat der Blitz eingeschlagen. Und wie: pro Quadratkilometer über achtmal im Jahr 2014. Damit ist Brandenburgs zweitgrößte Stadt zur Blitzhauptstadt Deutschlands aufgestiegen. Immerhin, denn ansonsten rangiert das Image der Stadt unter ferner liefen. Die im Südosten des Landes Brandenburg gelegene Kommune gilt landläufig als langweilig, trist und uninteressant. Oder geht sie sogar als Dreckschleuder weg, war sie doch noch zu DDR-Zeiten Hauptstadt eines Bezirks, in dem die wichtigsten ostdeutschen Braunkohle-, Gas- und Stromlieferanten beheimatet waren. Aber auch Textil-, Möbel- und Bauindustrie sowie die Nahrungsmittelbranche bestimmten die Wirtschaftsstruktur der damals schnell wachsenden Stadt in der Niederlausitz, die 1976 zur Großstadt aufstieg und in der zu Spitzenzeiten über 130 000 Menschen lebten.

Heute pendelt die Einwohnerzahl trotz einer Vielzahl von Eingemeindungen um die 100 000, was dem seit einem Jahr im Amt befindlichen Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) auch ohne Blitzeinschlag regelmäßig die Stimmung verhagelt. Schließlich muss Kelch damit ständig um den Großstadtstatus von Cottbus bangen.

Schlimmer noch: Seit die Landesregierung daran denkt, mittels einer Kreisgebietsreform das unter Abwanderung und Überalterung leidende Land neu zuzuschneiden, droht Cottbus auch seinen kreisfreien Status zu verlieren. Mit dem Zuschlag zu einem Kreis aber würden Cottbus auf Dauer Institutionen und Versorgungseinrichtungen verloren gehen. Was der Stadt einen weiteren Bedeutungsverlust bescheren würde. Denn industriell gesehen ist man nach der Wende längst "besenrein" geworden - außer der umstrittenen wie rückläufigen Energie- und Braunkohlewirtschaft hat keiner der traditionellen Industrien den Einzug der Marktwirtschaft überlebt. So machen sich nun fast alle Hoffnungen der Cottbuser an der Funktion eines Oberzentrums im Süden Brandenburgs fest, das als Dienstleistungs-, Wissenschafts- und Verwaltungszentrum reüssiert. Indes, ob das auf Dauer gelingen kann, bleibt fraglich. Cottbus steckt in der für Ostdeutschland so typischen Demografiefalle. Bevölkerungsprognosen sagen der Stadt schon für 2020 einen Rückgang auf nicht einmal mehr 87 000 Einwohner voraus - Tendenz eher weiter sinkend.

Deutsche und Sorben prägen die Geschichte dieser zweisprachigen Region

Eine sterbende Stadt ist Cottbus dennoch nicht. Dafür sorgen schon die 9000 Studenten der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU), die erst unlängst durch die Fusion der beiden Hochschulen in Cottbus und Senftenberg zu neuer Größe und Bedeutung aufgestiegen ist und der Region durch die vielen ausländischen Studenten auch internationales Flair beschert. Cottbus gibt sich jung, kreativ, grün und kunterbunt. Und traditionsbewusst, schließlich prägen Deutsche und Sorben die Geschichte dieser zweisprachigen Stadt. Während der Völkerwanderung im 6. Jahrhundert wanderten diverse slawische Stämme in das Gebiet zwischen Elbe, Saale und Oder ein. Aus den in der Lausitz siedelnden Lusitzer und Milzener wurden Sorben - ein slawisches Volk, das noch heute zwischen Bautzen im Süden und Cottbus im Norden seine Heimat hat und dem sich noch immer etwa 60 000 Bewohner der Lausitzer Region zugehörig fühlen.

Wer aber von Cottbus redet, der spricht vor allem vom Fürsten Pückler, der der Stadt mit dem Branitzer Park einen der schönsten Belege seiner kreativen Gartenkunst hinterlassen hat. Das mehrere Hundert Hektar große Gelände gehört zum Unesco-Weltkulturerbe und ist für die Stadtväter willkommenes Aushängeschild für den vollzogenen Imagewandel weg von der schmutzigen Kohlekommune und hin zur frischen grünen Stadt. Dazu gehört auch das Strukturprojekt "Cottbuser Ostsee" - ein Tagebaurestloch, das bis zum Jahr 2030 in einen knapp 1 900 Hektar großen See verwandelt werden soll.

Allein freilich kann die Stadt dieses neue Naherholungsgebiet nicht erschließen. Dafür fehlt es ihr an Geld. OB Kelch sitzt auf einem Schuldenberg von fast 300 Millionen Euro. Keine andere Brandenburger Stadt ist so hoch verschuldet. Kelch muss prüfen, was sich die Stadt künftig überhaupt noch leisten kann. Zumal ihm eine seiner wichtigsten Steuereinnahmequellen mehr und mehr ausgeht. Hat doch der schwedische Energiekonzern Vattenfall seinen Rückzug aus der Kohleverstromung und damit auch aus der Region angekündigt. Schon jetzt fordern die Schweden von der Stadt bereits geleistete Steuerzahlungen zurück, da ihre für 2014 geplanten Gewinne ausgeblieben sind. Nicht sparen aber will der OB am Ausbau der technischen Infrastruktur, um Investoren und Gewerbe in die Stadt und ihre Technologie- und Industrieparks zu locken.

Auf- und Abbruch in Cottbus. Kein Stadtbezirk steht mehr dafür wie Cottbus-Sachsendorf. In der Plattenbausiedlung, in der einst 40 000 Menschen lebten, ist Plattmachen für ein besseres Lebensgefühl angesagt. Mehr als 5500 Wohnungen hat die dafür zuständige Genossenschaft eG Wohnen seit der Wende bereits in der Stadt rückgebaut, vornehmlich in Sachsendorf und in anderen Randlagen. Mindestens 4000 Wohnungen sollen in der zweiten Phase des Stadtumbaus noch folgen. Die Platten, die stehen blieben, wurden saniert, umgebaut und frisch gestrichen. Gut 12 000 Menschen leben hier noch. Die Abwanderungswelle scheint gestoppt. Und Sachsendorf atmet wieder.

Kurze Wege, viel Grün, ideal für Radfahrer. Und für Diebe

Auch in der Innenstadt selbst steht die Sanierungsmaßnahme "Modellstadt Cottbus-Innenstadt" vor dem Abschluss. Fast 100 Millionen Euro öffentliche Gelder wurden seit Ende 1992 in die städtebauliche Aufwertung der Innenstadt investiert. Hinzu kommt ein Vielfaches an privatem Kapital, das in die Sanierung von Häusern und Grundstücken gesteckt worden ist. Mit allen positiven Folgen für das Gesicht der Stadt, aber auch für den Immobilienmarkt. Obwohl die Stadt, statistisch gesehen, an Einwohnern verliert, steigen die Immobilienpreise. Ein Grund dafür ist das stark gewachsene Interesse an Eigentumswohnungen, vor allem im Innenstadtbereich. Wohnungen werden im Schnitt für 1525,80 Euro pro Quadratmeter angeboten (Stand April 2015). Dabei bewegen sich zwei Drittel der Angebote zwischen reichlich 1440 Euro und knapp 1850 Euro. Damit sind die Preise innerhalb von fünf Jahren um 36 Prozent gestiegen. Das ist vor allem mit den veränderten Angeboten zu erklären. Statt unsanierter Alt- und Plattenbauten dominieren nun sanierte Altbauten und Neubauwohnungen im Innenstadtbereich den Markt. Auch die Preise für Häuser haben stark angezogen. Sie liegen derzeit für ein 100 Quadratmeter großes Haus im Durchschnitt bei gut 127 000 Euro. Für Häuser ab 180 Quadratmeter werden im Durchschnitt knapp 347 000 Euro fällig. Der durchschnittliche Kaufpreis für sämtliche Häuser liegt aktuell bei 180 000 Euro. Für Mieter wiederum werden pro Quadratmeter 5,62 Euro fällig. Marktexperten sehen für Cottbus durchaus noch Wachstumspotenzial.

Oberbürgermeister Kelch sieht das auch. Cottbus sei eine Stadt der kurzen Wege und mit "unwahrscheinlich viel Grün". "Geradezu ideal für Fahrradfahrer." Für Fahrraddiebe allerdings auch. Cottbus ist nicht nur die Stadt mit den meisten Blitzeinschlägen in Deutschland, sondern, gemessen an der Einwohnerzahl, auch Diebstahlhochburg in Sachen Fahrräder.

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