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Büroräume:Arbeit mit Anschluss

Gemeinsam kreativ: Wer sich kein klassisches Büro leisten kann oder will, findet in neuen Arbeitswelten einen Platz und Kollegen.

(Foto: Maskot/mauritius images)

Flexibel sein, Gleichgesinnte treffen, ein innovatives Umfeld finden: Coworking-Büros werden immer beliebter. Das Angebot in den Metropolen wächst sehr schnell.

Von Sabine Richter

Es gibt nicht nur Büros ab zehn Quadratmeter, sondern auch "neue Freunde". Damit wirbt Friendsfactory, Anbieter von Coworking-Flächen, um Kunden. Eine Gemeinschaft Gleichgesinnter und eine lockere Atmosphäre - so sieht das derzeit gefragte Bürokonzept aus. In fast allen deutschen Metropolen wächst das Angebot von Coworking-Flächen rasend schnell.

Das junge Marktsegment wird in der Immobilienbranche durchaus ernst genommen. Der Makler und Dienstleister Savills ging bereits mit der deutschen Version einer Internet-Plattform für die Vermittlung von Coworking-Büros an den Start. Auf "workthere" sollen Freiberufler und Start-ups, aber auch Konzerne den passenden Anbieter finden.

Nach dem jüngsten Research-Bericht "Co-Working 2018" von Cushman & Wakefield ist die Nachfrage nach den flexiblen Büros im vergangenen Jahr in vielen Ländern auf ein neues Rekordhoch gestiegen. Danach steht Großbritannien weltweit an der Spitze. Schon 21 Prozent der Vermietungen in London im Jahr 2017 entfielen auf die Coworking-Branche, verglichen mit knapp 8,5 Prozent im Jahr 2016. Auch andere europäische Städte verzeichnen Wachstumsraten, wenngleich auf einem niedrigeren Niveau. In Dublin zum Beispiel stieg der Flächenumsatz von 0,7 Prozent im Jahr 2016 auf beinahe 7,9 Prozent in 2017. Auch in Spanien entwickelt sich sowohl in Barcelona als auch in Madrid ein Markt für diese Arbeitsplätze. Ähnliches gilt für München: Hier wurden im vergangenen Jahr etwa 35 000 Quadratmeter vermietet, verglichen mit 7200 Quadratmetern im Jahr 2016. "Flexible Arbeitsplätze werden zunehmend ein fester Bestandteil in unseren Städten sein", sagt Elaine Rossall, Autorin des Cushman & Wakefield Berichts.

Der Immobiliendienstleister JLL hat den wachsenden Markt am Beispiel von Hamburg analysiert. Ein Ergebnis: Je nach Unternehmensgröße, Branche und Zeithorizont könne das Modell eine sinnvolle und auch wirtschaftliche Alternative zum klassischen Büromietvertrag sein. Unternehmen können mit der Flexibilität der Coworking-Spaces außerdem Schwankungen in der Belegschaft und Projektarbeit ausgleichen. Insbesondere für junge Firmen sei Coworking interessant, weil unkompliziert Arbeitsplätze hinzugebucht werden können. In Hamburg werden in diesem Jahr nach Fertigstellung aller aktuell geplanten Projekte 10 000 Coworking-Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Große Coworking-Betreiber sind WeWork, Mindspace, Spaces und Rent24 sowie Regus im Bereich der Business Center.

Zielgruppe für die neue Arbeitswelt sind Start-ups und Freiberufler, Programmierer, Anlageberater und Coaches, die sich kein klassisches Büro leisten können oder wollen. "In solchen Büros steht der Community-Gedanke im Mittelpunkt", erläutert Johanna Pieper von der Handelskammer Hamburg. "Der Austausch untereinander und die Kooperation mit Leuten aus anderen Branchen ist für viele Kunden von Coworking-Spaces ein Hauptgrund, sich dort einzumieten." Offenheit ist oft Teil der Philosophie und Architektur - vielerorts gibt es keine Wände zwischen den Arbeitsplätzen. In den meisten Centern können Mieter einen Schreibtisch auch nur für ein paar Stunden buchen.

Aber nicht nur Freiberufler und Start-ups nutzen die Coworking-Angebote, sondern auch große Unternehmen. Sie haben "das Interesse, Abteilungen für bestimmte Projekte zu Coworking-Anbietern auszulagern", sagt Richard Winter von JLL. Auch sie wollten von der Arbeitsweise und den Kontakten im Coworking Space profitieren, teilweise auch, um dort Talente zu finden und zu binden.

Das ist auch im Hamburger Betahaus so, einem der Pioniere der Szene. Ab 60 Euro im Monat kann man hier einen Arbeitsplatz mieten. Das 2010 gegründete Zentrum zur Zusammenarbeit, das zwischenzeitlich pleite war, ist heute mit 2500 Quadratmeter zehnmal größer als vor sieben Jahren. Laut Branchenkennern liegt das auch daran, dass selbst renommierte Großunternehmen Mitarbeitern mittlerweile die Möglichkeit geben, statt in der Zentrale in Coworking-Büros zu arbeiten. "Die Unternehmen wollen durch sie erfahren, was da draußen so vor sich geht", sagt Betahaus-Geschäftsführer Robert Beddies. Insbesondere betreffe das die in allen Branchen zunehmende Digitalisierung und Disruption bestehender Geschäftsmodelle.

Die Otto Group betreibt seit Jahresanfang im Hamburger Stadtteil Bramfeld eine eigene Coworking-Fläche mit dem Namen Collabor8, auf der Mitarbeiter unter anderen Arbeitsbedingungen und Arbeitszeitmodellen als in der Zentrale tätig sein können. Auch Philips hat das Modell für sich entdeckt und den Health Innovation Port aus der Taufe gehoben, einen Coworking-Hub mit Fokus auf E-Health, Gesundheit und Medizintechnik. Auf etwa 1000 Quadratmetern Bürofläche in einem früheren Fabrikgelände sollen junge Teams innovative Konzepte entwickeln.

Im kommenden Jahr wird die Nachfrage nach Coworking-Spaces vor allem bei größeren Unternehmen ansteigen, da diese Unternehmen eine dynamischere Coworking-Kultur oder kürzere, risikoärmere Mietverträge bevorzugen, heißt es in der Studie von Cushman & Wakefield. Auch nach Überzeugung von Stefan Rief, Leiter Competence Center Workspace Innovation beim Fraunhofer Institut, steht der eigentliche Durchbruch erst bevor. "Die ersten Coworking-Spaces waren Bürogemeinschaften von outgesourcten IT-Fachleuten, die nicht zu Hause arbeiten wollten, sondern eine Gemeinschaft, einen bestimmten Spirit suchten, und für die auch soziale Aspekte wichtig waren. Der nächste Schub geht von den Unternehmen selbst aus", meint Rief. Zwar seien das noch zwei Welten, doch das Interesse der Unternehmen, kreative Potenziale in ihren Belegschaften zu fördern, nehme spürbar zu. Und damit auch die Bereitschaft, Coworking-Modelle in ihren verschiedenen Spielarten zu erproben. "Die Möglichkeiten reichen von der temporären Anmietung von Projektflächen für eigene Teams bis hin zu Coworking mit Dienstleistern und Entwicklungspartnern", so Rief.

Die Cushman-Studie geht bezüglich der Perspektiven sehr weit: Neben herkömmlichen Büroflächen könnten demnach auch Pubs, Hotels und Bibliotheken für die Betreiber von flexiblen Arbeitsplätzen infrage kommen, aufbauend auf der Beliebtheit von Kaffeebars und Cafés. "Jeder Laden, der tagsüber für einen bestimmten Zeitraum leer steht, könnte dafür genutzt werden. Die Verfügbarkeit von leer stehenden Einzelhandelsflächen könnte dazu führen, dass Coworking-Spaces ein fester Bestandteil in den Haupteinkaufsstraßen in Europa werden."

"Die Coworker verkaufen Leidenschaft, Atmosphäre, Wohlfühlgefühl."

Nicholas Brinckmann, Sprecher der Geschäftsführung Hansainvest Real Assets, hat als Vermieter und Bestandshalter eines großen Portfolios das wachsende Segment zwar intensiv im Blick, sieht den Hype aber etwas kritischer: "Die hohe Flexibilität der Coworking-spaces ist sicherlich eine tolle Ergänzung für bestimmte Unternehmen in bestimmten wirtschaftlichen Situationen, insbesondere für junge Unternehmen, die sich herkömmliche Büros in guten Lagen gar nicht leisten könnten". Die meisten etablierten Unternehmen mieteten aber weiterhin klassische Büroflächen an. "Die Coworker verkaufen Leidenschaft, Atmosphäre, Wohlfühlgefühl. Die den meisten Spaces eigene Anarchie und das gewollt kreative Chaos vertragen sich mit herkömmlichen Unternehmenskulturen meist nicht".

Auch die Handelskammer Hamburg ist bezüglich der Perspektiven - zumindest für Hamburg - vorsichtiger. Die Angebotsseite sei komfortabel, viel mehr zusätzliche Coworking- und Business-Zentren seien aktuell nicht notwendig. So hat das im Frühjahr eröffnete Coworking-Schiff auf der "Seute Deern", betrieben vom Bauunternehmen HC Hagemann, Schiffbruch erlitten. Nach nur fünf Monaten wurden die schwimmenden Arbeitsräume vor der Elbphilharmonie im Juli wieder geschlossen.

Ähnlich sind die Ergebnisse der bundesweiten Studie "Global Coworking Survey 2017". Zwar ginge das Wachstum weiter. Aber vor allem Coworking-Spaces, die von Mitgliedern leben, die einen monatlichen Beitrag zahlen, um jederzeit Zugang zu den Räumen zu bekommen, seien immer seltener profitabel. Auch die Nachfrage kreativer Selbständiger an den Flächen ist begrenzt. Eine Folge, so die Studie: Nur jeder vierte Coworking-Anbieter zwischen Nordsee und Alpen macht Gewinne.

© SZ vom 09.03.2018
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