Süddeutsche Zeitung

Börsen auf Talfahrt:Strafe für die Schuldensucht

Wohin soll das alles noch führen? Weltweit stürzen die Kurse, die Nervosität an den Börsen ist nicht in den Griff zu kriegen. Schuld daran ist die Schuldensucht der Staaten. Damit muss nun endlich Schluss sein.

Martin Hesse

Zum dritten Mal in zehn Jahren krachen nun die Weltbörsen. Der Crash nach der Pleite von Lehman Brothers ist drei Jahre her, der Einbruch nach der ersten Internet-Euphorie ein Jahrzehnt. Die Schmerzen sind gut in Erinnerung. Man könnte daher annehmen, Politiker, Banker und Bürger hätten sich gründlich mit den Ursachen der Abstürze befasst. Und doch steht die Öffentlichkeit erneut staunend vor den Kurstafeln. Schnell heißt es dann, es gehe an den Börsen zu wie im Casino, mit Realität habe das nichts zu tun.

In Wahrheit scheinen Investoren gerade in der Realität anzukommen. Die Realität ist, dass in den USA und Europa eine neue Rezession droht und viele Regierungen in diesen beiden größten Wirtschaftsräumen überschuldet sind. Die Leitzinsen stehen nahe null, es fehlen die Mittel, um den Abschwung aufzufangen. Lange haben die Industriestaaten über ihre Verhältnisse gelebt, jetzt dämmert den Anlegern, dass eine längere Phase der Entschuldung folgen muss, mit entsprechend geringerem Wachstum.

Der frühere amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan hat Ende 1996 von irrationalen Übertreibungen gesprochen. Er warnte davor, dass sich die rasch steigenden Börsenkurse von der Realität abkoppeln könnten. Greenspan erkannte die Gefahr, bannte sie aber nicht.

Nullzinsen und Steuergeschenke

Vielmehr haben US-Notenbank und -Regierung die Kurse mit Nullzinsen und Steuergeschenken wieder aufgepumpt, nachdem die "New Economy" in sich zusammengefallen war. Als 2007 die nächste Blase platzte, warfen die Zentralbanken erneut die Geldpresse an, die Regierungen verschuldeten sich nach Leibeskräften. Zwar hat beides kurzzeitig geholfen, die Wirtschaft wuchs. Schneller aber wucherte erneut die Spekulation.

Natürlich spielt der Herdentrieb eine Rolle, wenn jetzt die Kurse stürzen. Und sicher birgt es Gefahren, wenn die Angst an den Börsen zurückwirkt auf die Wirtschaft. Wenn Firmen und Verbraucher sich von der Unsicherheit anstecken lassen, werden sie weniger investieren und konsumieren. Doch wer glaubt, man müsse nur die Spekulanten zähmen und die Gefahr sei gebannt, der irrt. Eine Woche ist das Leerverkaufsverbot alt, an dem Ausverkauf von Aktien hat sich nichts geändert. Angst lässt sich nicht verbieten.

Die Politik zeigt keine Lösung auf

Angst macht den Anlegern, dass die Regierungen keinen Weg aus der Schuldensucht aufzeigen. Der Merkel-Sarkozy-Gipfel hat nichts hervorgebracht als die alte Idee einer Finanztransaktionssteuer. Das Instrument mag helfen, Exzesse an den Märkten zu dämpfen und Geld für die Krisenbekämpfung abzuschöpfen.

Letztlich aber doktern die Euro-Chefs weiter an Symptomen herum. Sie müssen ernsthaft auf eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik hinarbeiten und die Einführung von Euro-Anleihen vorbereiten. Weil beides dauert, führt kurzfristig kein Weg an einer Aufstockung des Euro-Rettungsfonds vorbei.

Finanzmärkte sind nicht gut oder böse. Sie reagieren auf Entscheidungen, mit denen Unternehmen und Politiker sie füttern. Zu lange wurden die Börsen wie verwöhnte Kinder mit Süßigkeiten gemästet, jetzt müssen sich Investoren wieder an Schwarzbrot gewöhnen. Der Entzug tut weh und macht Angst. Politiker und Börsianer müssen das aushalten.

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Quelle:
SZ vom 20.08.2011/lom
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