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Bochum:Platz für Innovatives

O-Werk Bochum

Das alte Bochumer Verwaltungsgebäude von Opel heißt nun O-Werk. Hier ist auch die Ruhr Universität Mieter.

(Foto: Landmarken AG)

Auf dem ehemaligen Opel-Gelände in Bochum tut sich was. Nicht nur Logistiker und Händler, auch Forschungseinrichtungen haben den Standort entdeckt.

Von Stefan Weber

Bochum und Opel - das war über Jahrzehnte eine Partnerschaft mit großem Gewinn für beide Seiten. Der Autobauer half der Ruhrgebietsstadt, den Strukturwandel zu beschleunigen und sein Montan-Image abzustreifen. Im Gegenzug profitierte er von dem großen Arbeitskräftepotenzial und der guten Verkehrsanbindung der Region. In den für Opel besten Zeiten, Anfang der 80er-Jahre, arbeiteten etwa 23 000 Menschen in dem Werk, das der Autobauer 1962 für eine Milliarde D-Mark errichtet hatte. Sie produzierten 300 000 Autos im Jahr.

Doch Ende 2014 war Schluss. Im Wettstreit mit anderen, sehr viel effizienter arbeitenden Standorten hatte Bochum den Kürzeren gezogen. Die Verantwortlichen warteten nicht, bis das letzte Auto vom Band rollte, um Zukunftspläne für den Standort zu entwickeln. "Schon parallel zum Schließungsprozess haben wir mit verschiedenen Interessenvertretern überlegt, wie es weitergehen soll", erinnert sich Enno Fuchs, der damals bei Opel in Bochum für das zarte Pflänzchen E-Mobilität verantwortlich war. Schnell hätten sich alle Beteiligten auf eine Vision verständigt: Die verkehrsgünstig gelegene, 700 000 Quadratmeter große Fläche im Schnittpunkt der Autobahnen A43 und A44 sollte genutzt werden, um Bochum als Stadt des Wissens und der Innovation zu profilieren.

Seitdem ist viel passiert. Wer heute über das Gelände spaziert, benötigt eine Menge Fantasie, um sich vorzustellen, wo einst die mehrere Hundert Meter lange Produktionsstraße von Opel war. Wo die Lackiererei stand und wie es der Autobauer schaffte, das Handicap eines Höhenunterschieds von 22 Metern, den das Gelände aufweist, auszugleichen.

Grönemeyer besang einst den "Pulsschlag aus Stahl" - die Zeiten sind vorbei

Die Hallen sind längst abgerissen, der Schutt beseitigt. Bei der metertiefen Aufbereitung des Bodens, auf dem bis 1958 eine Zeche und eine Kokerei gestanden hatten, waren die Arbeiter auf große Mengen kontaminierten Materials gestoßen. Die Kosten der Konversion summieren sich auf mehr als 150 Millionen Euro. Bund und Land machten Fördergelder von 75 Millionen Euro locker, Opel steuerte einen zweistelligen Millionenbetrag bei. Große Summen. Aber die Fläche im Stadtteil Laer, südöstlich des Bochumer Zentrums, besitzt Potenzial. Das zu heben ist Aufgabe der Bochum Perspektive 2022 GmbH, an der Stadt (51 Prozent) und Opel (49 Prozent) beteiligt sind.

Es sieht so aus, als sei die Sache auf einem guten Weg. "Etwa zwei Drittel der verfügbaren Gewerbe- und Industrieflächen sind vermarktet. Allein damit entstehen bis 2024 mehr als 6000 Arbeitsplätze", erläutert Enno Fuchs, heute Geschäftsführer der Bochum Perspektive 2022 GmbH. "Mark 51°7" haben die Macher das Gelände getauft - eine ungewöhnliche Bezeichnung. Ein Name, der nach Aufbruch und Zukunft klingt. Und der ganz gut passt zu der Klientel, die sich die Vermarkter als Ansiedler wünschen: technologieorientierte Unternehmen, Start-ups und Forschungsinstitute, die im Schulterschluss mit der nahen Ruhr Universität Bochum (RUB) zeigen sollen, dass die 365 000 Einwohner zählende Stadt nicht einen "Pulsschlag aus Stahl" besitzt, wie einst Herbert Grönemeyer in der Liebeserklärung an seine Heimatstadt ("Bochum") gesungen hat. Wissen und Innovationen schaffen Arbeitsplätze und bedeuten Zukunft - das ist der Gedanke, von dem sich die Gesellschaft Bochum Perspektive 2022 leiten lässt.

Aber ganz ohne Old Economy und ohne eine beträchtliche Zahl angelernter statt hoch spezialisierter Arbeitskräfte soll es trotzdem nicht gehen. "Wir setzen auch aus Gründen der Risikostreuung auf eine Mischung", betont Fuchs. Auf diesem Weg nimmt die Deutsche Post DHL Group eine wichtige Rolle ein. Der Logistikkonzern hatte bereits 2016 rund 140 000 Quadratmeter Fläche auf dem ehemaligen Opel-Gelände erworben und errichtete dort eines seiner bundesweit größten Paketzentrum. Im November 2019 war Eröffnung. Seitdem werden dort auf einer Fläche so groß wie fünf Fußballfelder bis zu 50 000 Sendungen pro Stunde sortiert. An 330 Toren werden die Lieferfahrzeuge beladen. Die Strom- und Wasserversorgung des Paketzentrums erfolgt über ein eigenes Blockheizkraftwerk.

Anschluss an die Autobahn und niedrige Grundstückskosten, das lockt viele an

Deutlich mehr als 100 Millionen Euro hat DHL in den Standort investiert. "Die Ansiedlung sorgte für Aufsehen in der Immobilienbranche und war für die weitere Vermarktung ein echter Türöffner", meint Fuchs. Er ist zuversichtlich, weitere Unternehmen für Mark 51°7 begeistern zu können. Sein größter Trumpf: Der Standort hat einen guten Anschluss an gleich mehrere Autobahnen. Zudem sind die Grundstückskosten deutlich niedriger als in anderen Ballungsräumen, wie zum Beispiel Frankfurt oder Stuttgart.

Einziges Relikt der Opel-Zeit auf dem Areal ist das denkmalgeschützte ehemalige Verwaltungsgebäude des Autokonzerns. Hier hat hinter roten Backsteinmauern zu Jahresbeginn Europas größter Online-Händler für Baby- und Kinderkleidung, babymarkt.de, etwa 7000 Quadratmeter bezogen. Zweiter Nutzer des "O-Werks", wie das Gebäude nun heißt, wird die Ruhr Universität sein. Sie will dort den Studierenden praxisnahe Lehre, anwendungsorientierte Forschung sowie konkrete Hilfe für Aus- und Neugründungen von Unternehmen bieten. Daneben forschen Einrichtungen der RUB in Zukunftsbereichen wie Engineering und Neurowissenschaft.

Entwickelt wird das O-Werk von der Aachener Landmarken AG. Der Projektentwickler hat im Oktober auch den Grundstein für den O-Werk Campus gelegt. Hier sollen in mehreren Bauabschnitten bis zu 70 000 Quadratmeter Bürofläche entstehen, die sich mit dem ehemaligen Opel-Verwaltungsgebäude zu einem modernen Bürocampus verbinden.

Tochtergesellschaften von VW und Bosch haben sich ebenfalls bereits Standorte gesichert. Sie wollen auf Mark 51°7 Lösungen entwickeln, wie sich Fahrzeuge vernetzen beziehungsweise gegen unberechtigte Zugriffe verschlüsseln lassen. Zusammen werden sie mehr als 3000 Arbeitsplätze schaffen. Die enge Verzahnung mit der RUB und anderen Hochschulen in der Region soll dazu beitragen, dass sich genügend qualifizierte Bewerber finden. "Indem wir top ausgebildeten jungen Leuten attraktive Beschäftigungslösungen bieten, können wir sie hier in der Region halten", betont Michael Hey, Leiter Liegenschaften & Facility Management bei der Bochum Perspektive 2022 GmbH.

In zwei Jahren, so hofft er, wird das verbliebene Drittel von Mark 51°7 vermarktet sein. Bis das Gelände dann auch komplett erschlossen und alle Gebäude errichtet sein werden, vergehen voraussichtlich noch einmal ein paar Jahre. Am Ende, so die Vision, werden sich mehr als 30 Betriebe auf etwa 450 000 Quadratmetern angesiedelt haben. Damit wird das Gelände deutlich weniger dicht erschlossen sein als zu Opel-Zeiten. Der Autobauer hatte mehr als 90 Prozent des 700 000 Quadratmeter-Areals bebaut. Öffentlichkeit war auf dem Betriebsgelände nicht vorgesehen. Die Fläche war mit hohen Zäunen gesichert. Das wird bei Mark 51°7 anders sein. Grünflächen, Fahrradwege und ansprechend gestaltete Plätze sollen jedermann einladen, das Gelände zu nutzen.

© SZ vom 02.01.2021
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